Kirsten Fehrs (58) ist seit 2011 Bischöfin der Nordkirche für den Sprengel Hamburg und Lübeck. Seit 2015 ist sie Mitglied im Rat der EKD.

Kirsten Fehrs (58) ist seit 2011 Bischöfin der Nordkirche für den Sprengel Hamburg und Lübeck. Seit 2015 ist sie Mitglied im Rat der EKD.

„Wir mussten erst lernen, angemessen mit Betroffenen umzugehen“

Lange schien Missbrauch in der Kirche eher ein katholisches Problem. Nun aber hat sich auch die evangelische Kirche aufgemacht, Hunderte Fälle von Missbrauch meist aus vergangenen Jahrzehnten aufzuklären. Wie reagieren die Betroffenen? Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) hat dazu Bischöfin Kirsten Fehrs interviewt, Sprecherin des Beauftragtenrates der EKD zum Schutz vor sexualisierter Gewalt.

Ein Jahr nach dem Start einer unabhängigen Anlaufstelle für Missbrauchsopfer bei der evangelischen Kirche soll eine breit angelegte Studie den Umfang der Problematik aufdecken. Etwa 785 Opfer wurden bislang ermittelt. Natürlich sei es klar, dass es ein Dunkelfeld gebe, sagte die zuständige Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs im Interview der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Dass sich zunächst nur wenige Opfer von sich aus gemeldet haben, hat für sie einen Grund.

dpa: Über die katholische Kirche brach der Missbrauchsskandal 2010 herein, seit wann beschäftigt die Thematik die evangelische Kirche?

Kirsten Fehrs: Das Jahr 2010 löste auch in der evangelischen Kirche Schockwellen aus. Danach wurden in einzelnen Landeskirchen Präventionskonzepte nachgebessert oder entwickelt. Auch mussten wir erst lernen, angemessen mit Betroffenen umzugehen. Auf der EKD-Synodentagung 2018 kam die Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche und Diakonie sehr prominent auf die Agenda. Ein Elf-Punkte-Handlungsplan wurde ausgearbeitet und wird seitdem konsequent umgesetzt.

Was hat die Kirche inzwischen unternommen?

Nach der Synode 2018 haben wir eine ganze Reihe von Maßnahmen umgesetzt, haben einen Beauftragtenrat gegründet und eineGewaltschutzrichtlinie verabschiedet. Schließlich haben wir das getan, was von Betroffenen immer wieder angemahnt wurde: Eine zentrale Anlaufstelle eröffnet. Sie wurde unter dem Namen help zum 1. Juli 2019 eingerichtet.

Wie ist im ersten Jahr die Resonanz auf die Anlaufstelle gewesen?

Die Anlaufstelle help hat bis jetzt ungefähr 470 Anrufe erhalten, allerdings, wie sich herausstellte, nur zu einem Bruchteil von Menschen, deren Anliegen etwas mit der evangelischen Kirche zu tun hat. Unter den Anrufern waren 35 neue Fälle. Damit sind aus den Landeskirchen und der Diakonie derzeit insgesamt 785 Fälle in der evangelischen Kirche bekannt. Natürlich ist uns völlig klar, dass es ein Dunkelfeld gibt.

Deshalb sind wir dankbar, dass der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung dazu eine Studie voranbringen und weitere Institutionen einbinden will. Viele Betroffene sind im späteren Leben wieder auf die Beine gekommen und haben das Geschehene tief verdrängt. Andere hadern möglicherweise damit, sich nun zu melden. Wir ermutigen jeden und jede ausdrücklich dazu, dies zu tun.

Wie werden die Betroffenen eingebunden?

Noch in diesem Sommer steht die Gründung eines Betroffenbeirats an, um die Beteiligung der Opfer an der Aufarbeitung auszubauen. Für die Teilnahme an dem Gremium hatten wir seit November geworben, zunächst meldeten sich nicht genügend Kandidaten, dann kam die Corona-Epidemie dazwischen. Inzwischen haben sich ausreichend viele Betroffene aus den verschiedenen Bereichen der Kirche und der Diakonie gefunden, und wir hoffen, dass bald persönliche Treffen möglich sind.

Zahlt die Kirche an die Opfer eine Entschädigung?

Pauschale Zahlungen plant die Kirche nicht, sondern hält an ihrem System der individuellen Leistungen fest, die zumeist im Kontakt mit den betroffenen Menschen und nicht über ihre Köpfe hinweg festgelegt werden. Das können zum einen Geldbeträge sein, zum anderen aber auch Therapien oder Unterstützung bei der Ausbildung. Um eine Entschädigung im juristischen Sinne handelt es sich nicht, es gibt keine Nachweispflicht. Vielen betroffenen Menschen liegt aber auch an immaterieller Leistung, vor allem im Sinne eines Schuldbekenntnisses der Kirche. Das ist für viele oft genauso wichtig wie die Zahlung eines Geldbetrags.

Die EKD hat eine große Studie zum Missbrauch angekündigt, was erhofft man sich davon?

Es handelt sich um eine interdisziplinäre Studie, an der Zeithistoriker, Traumaexperten, Psychologen und Kriminologen imVerbund beteiligt sind. Die unabhängige Untersuchung beinhaltet mehrere Teilstudien und ist verbunden durch eine Begleitstruktur, in der Betroffene umfänglich beteiligt sind. Mit Jahresthemen werdenSchwerpunkte der Studie vorgestellt. Die Studie untersucht nicht nur den Missbrauch durch Pfarrer, sondern es geht auch um Ehrenamtliche, Kirchenmusiker oder um Missbrauch in diakonischen Einrichtungen. Start der Studie ist im Oktober, in drei Jahren sollen Ergebnisse vorliegen. Natürlich stehen dafür die Kirchenakten zur Verfügung, soweit der Datenschutz es zulässt.

Die katholische Kirche hat mit dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung im April verbindliche Kriterien und Standards für eine transparente und unabhängige Aufarbeitung von Missbrauch abgestimmt. Wie weit ist die EKD?

Wir arbeiten seit der ersten Vereinbarung 2012 gut mit dem Beauftragten zusammen. Die Kirchenkonferenz der EKD hat einer Absichtserklärung zugestimmt, die Perspektiven der weiteren Zusammenarbeit benennt. Angestrebt wird, im Herbst einen Entwurf für eine weitere Vereinbarung vorzulegen.

Von: dpa

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