Prof. Dr. theol. Dr. phil. Thomas Schirrmacher ist stellvertretender Generalsekretär und Vorsitzender der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz. Ein Schwerpunkt seines Engagements sind Menschenrechte und Religionsfreiheit. Das Bild zeigt ihn bei einem Auftritt beim Gobal Media Forum 2018.

Prof. Dr. theol. Dr. phil. Thomas Schirrmacher ist stellvertretender Generalsekretär und Vorsitzender der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz. Ein Schwerpunkt seines Engagements sind Menschenrechte und Religionsfreiheit. Das Bild zeigt ihn bei einem Auftritt beim Gobal Media Forum 2018.

„Mangelnde Bibelkenntnis bedroht Christenheit“

Thomas Schirrmacher ist ein evangelikaler Vordenker auf globaler Ebene und bestens vernetzt im Dialog der Weltweiten Evangelischen Allianz mit anderen Kirchen und Religionen. Zu seinem 60. Geburtstag am Donnerstag hat der Theologe und Religionssoziologe mit pro über die aktuelle Lage der Christenheit, Konvertiten und die Rolle der Evangelikalen gesprochen.

pro: Wenn es in der deutschen Öffentlichkeit um Evangelikale geht, dann meist um die im eigenen Land oder um Evangelikale in den USA und Brasilien, die vor allem mit einer politisch konservativen, rechtspopulistischen Richtung in Verbindung gebracht werden. Inwiefern sind diese politischen Verquickungen repräsentativ für die weltweite evangelikale Bewegung?

Thomas Schirrmacher: Als Weltweite Evangelische Allianz stehen wir nicht für „die Evangelikalen“, wo jeder definieren kann, wer da eigentlich dazugehört, sondern für die organisierten Evangelikalen. Der evangelikale Flügel in den USA, der Donald Trump sehr nahesteht, oder in Brasilien dem Präsidenten Jair Bolsonaro, repräsentiert schon dort nicht alle Evangelikalen. Das Problem wächst auch in anderen Ländern. In Australien regiert ebenfalls ein evangelikaler Ministerpräsident, der herzlich wenig für Flüchtlinge übrig hat. Aber was die Sache natürlich verzerrt, ist, dass wir auf der anderen Seite sehr positive Entwicklungen haben, für die aber der Begriff „evangelikal“ nicht benutzt wird. Zum Beispiel ist der Premierminister von Äthiopien Abiy Ahmed, der Friedensnobelpreisträger von 2019, ein bekennender Evangelikaler, und das ist kaum irgendwo erwähnt worden. Die Nationale Evangelische Allianz USA hat sich kürzlich zusammen mit der Weltweiten Allianz sehr dezidiert nicht nur gegen Rassismus, sondern gegen die ganze rechtspopulistische Entwicklung ausgesprochen. Das kommt hier nicht an. Eine evangelikale Position ist eine theologische Position. Da haben wir erstaunlich viele Gemeinsamkeiten. In politischen Fragen sind sich Evangelikale noch nie einig gewesen.

Sie haben in der Vergangenheit betont, man muss den Pluralismus in der Bewegung anerkennen und aushalten. Was ist der Kern, der nicht verhandelbar ist für Evangelikale?

Als die Weltweite Evangelische Allianz 1846 gegründet wurde, war das ein gewaltiger Pluralismus der Kirchen. Man hat gesagt: Um der Mission willen ist es ein Hindernis für das Evangelium, dass die Menschen nur all diese verschiedenen Theologien und Kirchen sehen; wir müssen im Kern der Sache zusammenarbeiten. Dieser Kern ist: das Evangelium, das Heil in Jesus Christus; die Bibel als die „Verfassung“ der Kirche als einziger Text, der alle Kirchen verbindet und auf den sich alle berufen; und die Religionsfreiheit für alle – die Gründer der Bewegung sahen es schon damals als christliche DNA an, dass die Verkündigung des Evangeliums völlig friedlich und ohne jeden Zwang geschehen muss. 1846, auf dem Höhepunkt des Kolonialzeitalters, war das eine frontale Kritik daran, wie das Christentum weltweit auftrat.

Sie haben sehr viele Beziehungen auch außerhalb der Evangelischen Allianz in katholische, orthodoxe und andere Kirchen. Was sagen Sie Kritikern, die Ihnen vorwerfen, Sie machen gemeinsame Sache mit Christen, die diesen „Kern“ des christlichen Glaubens so nicht teilen?

Von der Geschichte der Evangelischen Allianz her war die Einheit aller Christen das Ziel – das ist es bis heute. Es kann uns nur wehtun, wenn wir das noch nicht erreicht haben. Nur: Das muss natürlich eine Einheit im Glauben, eine theologische Einheit sein. Wir müssen mit den anderen Kirchen um die DNA des Christentums ringen – indem wir deutlich Farbe bekennen, aber indem wir auch sichtbar die Hand ausstrecken und zeigen, dass wir der Meinung sind, mit der Bibel in der Hand können wir zueinander finden. Ein Beispiel dafür ist für mich das Dokument „Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt“, erarbeitet 2006 bis 2011. Ich bin überzeugt, es gibt eine DNA des Christentums. Und die, das sage ich ganz offen, teile ich zum Beispiel mit Papst Franziskus. Ich teile überhaupt nicht seine Marienverehrung – die erscheint mir heute als ein größeres Problem, als sie es zu Luthers Zeiten war. Aber wenn ich nehme, was er sagt und was er schreibt, was das Evangelium ist, dann sind wir weltweit bei einem breiten Konsens angekommen.

In der katholischen Kirche gibt es auch die Lehre, dass sie die allein seligmachende sei. Evangelikale sagen, das Heil liegt in Jesus.

Die Frage ist: Messen wir die katholische Kirche an Dokumenten, die sie früher verabschiedet hat und die formal noch rechtsgültig sind? Oder messen wir sie an der heutigen Realität? Papst Franziskus hat einmal ganz banal zu mir gesagt: „Ein getaufter Katholik, der nicht an Jesus als Erlöser glaubt, ist nicht errettet, und ein nicht katholisch getaufter Christ, der an Jesus als Erlöser glaubt, ist gerettet.“ Über die Rolle des Papstes, das Verständnis der Bibel, die Marienverehrung müssen wir diskutieren. Das haben wir ja in unserem Dokument „‚Schrift und Tradition‘ und ‚Die Rolle der Kirche für das Heil‘“ von 2018 mit dem Vatikan sehr deutlich erneut formuliert. Aber ich möchte alle Protestanten daran erinnern: Selbst Luther, der in seinen Äußerungen über die katholische Kirche nichts zu wünschen übrig ließ, war zutiefst davon überzeugt, dass sie mit der Bibel reformiert werden kann. Und das tun wir nur, wenn wir im Gespräch sind, und nicht, wenn wir Krieg gegeneinander führen.

Thomas Schirrmacher im Gespräch mit Papst Franziskus bei der Familiensynode 2015

Thomas Schirrmacher im Gespräch mit Papst Franziskus bei der Familiensynode 2015

Mit Blick auf Deutschland nimmt die Bedeutung der Religion insgesamt ab, wenn man sich die Mitgliedszahlen bei den Kirchen anschaut. Wie verhält es sich nach Ihrer Beobachtung weltweit?

Die Bemerkung zu Deutschland würde ich nicht ganz so teilen. Bei uns nimmt die Religion im Alltagsleben der Einzelnen ab. Aber ich würde sagen, dass sie unter Entscheidern in Wirtschaft und Politik zunimmt. Helmut Kohl zum Beispiel war in seiner Alltagspraxis sicher viel christlicher als Angela Merkel, aber extrem zurückhaltend, das Christentum öffentlich mit ins Spiel zu bringen. Frau Merkel sagt fast im Vorbeigehen: „Wir heißen CDU, weil wir auf dem christlichen Menschenbild stehen.“ Oder, ob man das nun teilt oder nicht, als sie die Flüchtlinge aus Ungarn hat kommen lassen, sagte sie: „Als überzeugter Christ konnte ich gar nicht anders.“ Das hätte Kohl nie gemacht. Weltweit haben wir natürlich den Trend, dass der Anteil der Nichtreligiösen kleiner wird. Der Anteil der Atheisten ist aber fast schon verschwindend gering. Und es gibt noch einen zweiten Trend: Die Weltreligionen haben einen enormen Zulauf. In Afrika zum Beispiel ist heute fast jeder, zumindest offiziell, Muslim oder Christ. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren noch rund 40 Prozent der Einwohner keines von beiden, sondern gehörten etwa einer ethnischen Religion an.

In Deutschland fürchten sich auch fromme Christen vor einer wachsenden Dominanz des Islam in Deutschland und Europa. Teilen Sie die Sorgen?

Es hat wenig Sinn zu spekulieren, was in einigen Jahrzehnten sein wird. Wenn man rein statistisch hochrechnet, wie viele Muslime im Land leben, und das mit Christen vergleicht, ist ein großer Fehler dabei: Bei den Christen zählen wir entweder aktive oder zumindest solche, die per Mitgliedschaft und per Spende oder Kirchensteuer als dieser Religion zugehörig gelten – mit dem Ergebnis, dass die Zahl nach unten geht. Auf muslimischer Seite zählen wir nur Menschen, die in einem muslimischen Land oder einer muslimischen Familie geboren worden sind. Ob sie den Islam praktizieren, ob sie den für richtig halten, weiß keiner. Wir packen auch alle Bewegungen zusammen, die Ahmadiyya, die aus Pakistan gekommen sind, weil sie hier mehr Religionsfreiheit haben wollen, ebenso wie die Extremisten.

Die Realität ist, dass der größte Teil der Muslime in Deutschland lange Zeit eher säkular war. Mit der Rückkehr religiöser Bewegungen in den Heimatländern wie der Türkei hat auch der Anteil der religiös praktizierenden Muslime bei uns zugenommen. Der ist aber in der Türkei schon wieder stark rückläufig und das wird in nicht allzu langer Zeit auch hier wieder umschlagen. Dann muss man die Bewegung zwischen den Religionen sehen. Wir haben in Deutschland jetzt schon so viele Übertritte vom Islam zum Christentum wie noch nie zuvor. Im Iran gibt es über eine Million Christen im Untergrund. Viele der Iraner, die hierherkommen, haben daher ein großes Interesse am Christentum. Ich würde sagen, dass unser Christentum in Deutschland zum Teil so schwach auf der Brust ist, dass es sowieso von irgendjemandem abgelöst werden kann, sei es einer anderen Spielart des Christentums – lange haben wir Evangelikalen gedacht, das wäre die Alternative –, sei es der Islam. Aber wir haben immer noch einen so geringen Anteil an Muslimen in unserem Land verglichen mit anderen, dass ich, selbst wenn es alle konservativ praktizierende Muslime wären, nicht sehen kann, wie sie das Land übernehmen wollten.

Der Anteil der religiös geprägten Menschen ist unter Flüchtlingen generell deutlich höher als der Anteil der religiösen Menschen in Deutschland. Wo liegen da Herausforderungen für deren Integration?

Ich sehe das Problem, dass unsere politische Alltagswirklichkeit eher unreligiös geprägt ist. Juristen, Entscheider in den Behörden, aber auch Journalisten sind oft ganz offiziell oder praktisch säkular. Es ist unmittelbar zu sehen, dass die Menschen, die persönlich mit Religion nichts anfangen können, auch ganz große Mühe mit diesem Thema haben und unter Integration eigentlich verstehen, dass die Menschen, die hierher kommen, Religion auf den Privatbereich beschränken. Das wird nicht funktionieren. Und es entspricht auch nicht unserem Grundgesetz. Aber es ist die Realität, dass Richter in Asylfällen über Konversionen zu entscheiden haben, die die Unterschiede nicht nur zwischen katholisch und evangelisch nicht kennen, sondern manchmal selbst diejenigen zwischen den Religionen. Das ist meine Erfahrung auch außerhalb Deutschlands auf EU-Ebene.

Ein Top-Politiker hat mich schon privat beiseite genommen und gesagt: „Wenn unter Lebensgefahr einer den Islam verlässt oder womöglich im Iran Christ wird – können Sie mir irgendwie helfen zu verstehen, was in ihm vorgeht? Ich kann grad noch nachvollziehen, dass jemand eine Religion hatte, in die er hineingeboren ist. Aber warum muss er sie unter Lebensgefahr wechseln, oder wenn er das schon will, warum muss er das laut sagen, wenn er weiß, das kann ihn sein Leben kosten?“ Ein religiöser Mensch, gleich welcher Religion, kann das nachvollziehen. Er versteht, dass Religion kein Hobby ist wie Strohblumen basteln, was ich auch mal eine Zeit lang aussetzen kann. Sondern für religiöse Menschen hat das etwas mit ihrer Identität zu tun.

Das Bundesverfassungsgericht hat kürzlich erst bestätigt, dass die Richter überprüfen dürfen, wie intensiv ein Konvertit glaubt ...

Aber dazu müssen sie doch eine gewisse Vorgabe haben. Welche Kategorien sind denn entscheidend dafür, dass die Richter einem Konvertiten seinen Religionswechsel abnehmen? Der eine sagt, der Asylbewerber kennt die ganze Dogmatik seiner Religion rauf und runter, das hat er bestimmt auswendig gelernt. Der andere sagt, der Konvertit kann die Inhalte seiner neuen Religion nicht beschreiben, er ist nicht wirklich Christ geworden. Ob man für das Asylrecht wegen Religionswechsel die neue Religion lehrmäßig besonders gut kennen sollte oder besser nicht; oder darüber reden sollte, wie es einem im neuen Glauben ums Herz warm wird, ist völlig offen.

Unter anderem in Bezug auf Flüchtlinge wird aus evangelikalen Kreisen gegenüber der Kirche oft die Kritik laut, dass sie sich zu politisch statt geistlich äußere. Ganz aktuell ist das Thema Seenotrettung. Wie sehen Sie das aus theologischer und soziologischer Perspektive?

Darauf gibt's keine einfache, simple Antwort. Zunächst einmal ist das politische Engagement der Kirche, was wir wahrnehmen, vor allen Dingen das politische der Kirchenoberen. Ob es auch das der Kirchengemeinden vor Ort repräsentiert, steht auf einem anderen Blatt. Ich sehe das etwa in den kirchlichen Erklärungen zum Dialog mit dem Islam. Es sind vor allen Dingen die Kirchenleitungen, die darauf drängen, dabei jeden missionarischen Aspekt beiseite zu lassen. Gleichzeitig werden in praktisch jeder Kirchengemeinde ehemalige Muslime getauft. Solche Erklärungen gehen teilweise völlig an der Realität vorbei, weil sie praktisch nur die politische Seite sehen – wie kommen wir nett im Land miteinander klar – und die inhaltliche Seite, insbesondere das Evangelium, aus den Augen verlieren. Dabei ist das der Grund, warum die Muslime Christen werden, nicht die politischen Positionen.

Dazu kommt: Wenn sich Kirchenleiter tagespolitisch äußern – konkret zum Beispiel: Wir sollten jetzt die Flüchtlinge im Mittelmeer retten –, müssen sie damit politisch Position beziehen. Die Schwierigkeit ist dann immer, wenn ein erheblicher Teil der eigenen Mitglieder eine andere politische Richtung verfolgt. Dann ist es kein Zufall, dass diejenigen, die protestieren und die Kirchen zu politisch finden, auch diejenigen sind, die in diesen Dingen anders denken. Ich finde es sehr schade, wenn über eine solche tagespolitische Frage – Schiff ja oder nein? – die dahinterliegende Frage der christlichen DNA verlorengeht. In diesem Falle, dass ein Flüchtling auf dem Mittelmeer als Ebenbild Gottes dieselbe Menschenwürde hat wie jemand, der zufälligerweise in einer glücklicheren Situation lebt. Nicht weil dieser oder jener fromm ist, sondern weil er Mensch ist. Das steht auf den ersten Seiten der christlichen und jüdischen heiligen Schrift. Im Islam ist die Mehrheitsmeinung, dass nur, wer sich Allah unterwirft, auch bestimmte Rechte hat. Die Religion hat also durchaus politische Implikationen, auch das Evangelium, dass Jesus uns gemeinsam erlöst hat.

Ein anderes Beispiel für gesellschaftspolitisches Engagement ist das Thema Klimaschutz und Nachhaltigkeit. Die Weltweite Evangelische Allianz hat auch ein Nachhaltigkeitszentrum. Was ist der spezifische Beitrag, den die Allianz zu dem Thema leisten kann?

Dieses Zentrum hat zwei Gründe. Wir sind der Meinung, dass wir laut den ersten Kapiteln der Bibel den Auftrag haben, die Schöpfung zu bewahren. Das findet nun einmal immer mehr auf globaler Ebene statt. Da sollten wir nicht außen vor sein, sondern mittendrin, wenn nicht sogar vorneweg. Da unsere Welt insgesamt religiöser wird, wird auch diese ganze Frage der Nachhaltigkeit eine Frage der Religionsgemeinschaften. Unser Zentrum ist also auch ein großes Dialogprogramm. Auch vonseiten der anderen Religionen wird der Wunsch, mit uns zusammenzuarbeiten, immer stärker artikuliert. Da viele Funktionsträger selber aus religiösen Ländern kommen und selber eine Religion praktizieren, tun sie sich zunehmend schwer, mit völlig säkularisierten Menschen zusammenzuarbeiten. Das kann man in der UN zwar nicht vermeiden, aber die Säkularen repräsentieren eben nicht mehr die Mehrheit weltweit.

Nik Nedelchev und Thomas Schirrmacher von der Weltweiten Evangelischen Allianz im Gespräch mit Bartholomäus I., Patriarch von Konstantiopel

Nik Nedelchev und Thomas Schirrmacher von der Weltweiten Evangelischen Allianz im Gespräch mit Bartholomäus I., Patriarch von Konstantiopel

Können Sie über die globalen Fragen wie Klima und Migration ein bestimmtes Thema ausmachen, das für die WEA oder die Christenheit überhaupt besonders drängend ist?

Die größte Bedrohung ist, dass die Bibelkenntnis abnimmt. Es geht dabei nicht um auswendig gelerntes Wissen, sondern um das Bibelwissen als Grundlage der zentralen Wahrheiten des Christentums. Schon in Deutschland kommen immer mehr Menschen zum Glauben, die nicht als Christen aufgewachsen sind und kaum mit einem biblischen Wissen an den Start gehen. Und es wird immer schwieriger, sie dann dafür zu gewinnen, das nachzuholen. In China werden so viele Menschen Christen, dass man rein praktisch nicht hinterherkommt, sie inhaltlich zu schulen, weil oft die Strukturen dafür fehlen. Oder in den Favelas in Brasilien: Dort haben wir ein eigenes Programm, um Pastoren zu schulen. Warum? Weil dort insbesondere im Bereich der Pfingstgemeinden so viele neue Gemeinden entstehen, dass oft derjenige, der am längsten dabei ist, der Pastor wird. Und wir haben viele Fälle, wo die Pastoren nicht einmal lesen und schreiben können.

Das ist aber nicht nur ein Problem der Evangelikalen. Die orthodoxen Kirchen sind zum Beispiel bei den Bibelgesellschaften eingestiegen und wollen aktiv dafür sorgen, dass die Bibel in den orthodoxen Ländern verbreitet wird. Auch Papst Franziskus hat ganz Ähnliches gesagt. In seiner Schrift zum Predigen schreibt er, dass das Grundproblem der katholischen Kirche ist, dass die Priester die Bibel nicht mehr lesen und für den Sonntag dann plötzlich von irgendwo eine Predigt herkommen müsse. Das Richtige, sagt er, ist, dass der Priester die ganze Woche mit der Bibel lebt und am Sonntag gar nicht weiß, über welche der vielen Bezüge, die er kennengelernt hat, er predigen soll.

Warum ist das eine Gefahr?

Weil das Christentum nie nur religiöse Praxis ist, sondern im Kern ein Bekenntnis hat. Wenn den Christen zum Beispiel inhaltlich nicht mehr bewusst ist, dass die Dreieinigkeit aus der Offenbarung kommt, dann ist Tor und Tür dafür geöffnet, dass jeder aus dem Christentum das macht, was ihm selber gerade passt. Das kann man keinem verbieten, wir haben Religionsfreiheit. Aber das ist dann nicht mehr Christentum. Das Christentum kommt nicht ohne Inhalte aus. Das, was uns verbindet, sind die Inhalte, nicht die Formen, mit denen wir sie zum Ausdruck bringen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Jonathan Steinert

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