In den vergangenen Wochen galt in den Krankenhäusern wegen des Coronavirus ein Besuchsverbot

In den vergangenen Wochen galt in den Krankenhäusern wegen des Coronavirus ein Besuchsverbot

Kritik und Unterstützung für Lieberknechts Kirchenschelte

Haben die Kirchen Kranke, Sterbende und Trauernde in der Corona-Krise im Stich gelassen? Die ehemalige thüringische Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) vertritt diese Meinung - und erntet dafür heftigen Widerspruch, aber auch Unterstützung.

Viele Menschen sind in den vergangenen Wochen sehr einsam gestorben – ohne Verwandte und Freunde an ihrem Bett. Aber auch ohne Pfarrer, kritisiert die frühere Regierungschefin von Thüringen. Christoph Driessen von der Deutschen Presse-Agentur (dpa) fragt: „Zurecht?“

In den vergangenen Wochen galt in den Krankenhäusern ein Besuchsverbot. Dadurch starben viele Patienten einen sehr einsamen Tod. Höchstens die engsten Verwandten wurden vorgelassen, Enkeln dagegen blieb der Abschied von Oma oder Opa versagt. Lieberknecht kritisiert nun, dass auch Geistliche oft nicht da gewesen seien – ausgerechnet in der Stunde, in der ihr Beistand am dringendsten nötig gewesen wäre.

„Kein letzter Psalm wurde gebetet“

„Da wurde kein letzter Psalm gebetet, es gab keinen Trost, keine Aussegnung am Sterbebett“, sagte Lieberknecht der „Welt“. Sie selbst war früher Pastorin. „Man hätte neben Pflegern und Ärzten auch Seelsorger testen lassen müssen. Das hätte die Ansteckungsgefahr minimiert.“

Aber stimmt das so? Viele Seelsorgerinnen und Seelsorger hätten den Kranken und Sterbenden „unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung“ durchaus zur Seite gestanden, widerspricht der Kirchenrechtler Thomas Schüller.

Das gleiche sagt der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber. Selbst im nicht besonders kirchlich geprägten Berlin hätten Geistliche immer Zugang zu Schwerkranken bekommen, selbst wenn Angehörige abgewiesen worden seien. „Wir haben in Berliner Krankenhäusern keine Unterbrechung der Seelsorge gehabt“, stellt Huber klar.

Allerdings schließt sich der Bischof in einem wesentlichen Punkt der Kritik von Lieberknecht an: „Die Kirche hat auch nach meinem Gefühl die Aufgabe der Seelsorge und Fürsorge für Kranke, Alte und Sterbende nicht mit dem gebotenen Nachdruck herausgestellt.“ Sie hätte stärker betonen müssen, dass das Recht auf Seelsorge sogar von der Verfassung geschützt sei.

Ebenso sieht es Schüller: Dass teilweise noch nicht einmal Kinder und Enkel an Beerdigungen hätten teilnehmen dürfen, sei „unmenschlich“ gewesen. „Hier hätte man sich im Einzelfall mehr Kritik von den Kirchen wünschen dürfen“, meint der Professor.

Andreas Püttmann: „Wohlfeile Kritik“

Was Lieberknecht von vielen in der Kirche verübelt wird, ist ihr Satz „Die Kirche hat in dieser Zeit Hunderttausende Menschen allein gelassen.“ Der langjährige Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock, bezeichnet diese Schätzung als „sensationsheischend“, da durch nichts belegt. Der amtierende EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm sagte der Deutschen Presse-Agentur, damit tue Lieberknecht all jenen Seelsorgerinnen und Seelsorgern Unrecht, „die sich in den vergangenen Monaten aufgerieben haben, um Menschen zu begleiten“, wobei nicht wenige auch persönlich viel riskiert hätten.

Der unabhängige Kirchenkenner und Buchautor Andreas Püttmann ruft zudem in Erinnerung, dass in Italien innerhalb weniger Wochen mehr als 100 Priester an Covid-19 gestorben seien - weil sie Kranke besucht und Sterbende begleitet hätten. „Da wurde sogar der Vorwurf laut, sich unverantwortlich an der Ausbreitung der Epidemie beteiligt zu haben.“

Gerade religiöse Zusammenkünfte hätten in mehreren Ländern – zum Beispiel im Elsass – zur Beschleunigung der Epidemie beigetragen, so Püttmann. „Es ist wohlfeil, jetzt nur auf schmerzliche Einschränkungen kirchlicher Angebote zu zeigen und diese Kehrseite der Risikovermehrung zu verschweigen.“

Von: dpa

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