Die Evangelische Kirche zeichnete den Beitrag „Planet Willi – Die Sendung mit dem Elefanten“ von Birthe Müller-Wittkuhn (l.) und Matthias Wittkuhn (2.v.r.) mit Tochter Olivia und Pfarrer Bernd Merz (r.) mit dem „Robert Geisendörfer Preis“ aus. Nicht im Bild ist ihr Sohn Willi, der das Downsyndrom hat.

Die Evangelische Kirche zeichnete den Beitrag „Planet Willi – Die Sendung mit dem Elefanten“ von Birthe Müller-Wittkuhn (l.) und Matthias Wittkuhn (2.v.r.) mit Tochter Olivia und Pfarrer Bernd Merz (r.) mit dem „Robert Geisendörfer Preis“ aus. Nicht im Bild ist ihr Sohn Willi, der das Downsyndrom hat.

Kirche: Down-Kind „keine Belastung, sondern Bereicherung“

Sechs Fernseh- und Radioproduktionen hat die Evangelische Kirche am Dienstag mit ihrem „Robert Geisendörfer Preis“ ausgezeichnet. Zu den Gewinnern gehörte ein TV-Drama zur tödlichen Love-Parade-Tragödie, ein Hörspiel über „Umsiedler“ und eine Geschichte über einen Jungen mit Downsyndrom.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat am Dienstagabend im Münchener „Künstlerhaus“ sechs Beiträge mit ihrem Medienpreis „Robert Geisendörfer Preis für Hörfunk- und Fernsehproduktionen“ ausgezeichnet. Ein quirliger Beitrag über einen Jungen mit Downsyndrom erhielt besondere Aufmerksamkeit bei der Preisverleihung. Die Auszeichnung ehrt dieses Jahr zum 35. Mal Medienschaffende und ist insgesamt mit 30.000 Euro dotiert.

Die EKD würdigte mit dem „Robert Geisendörfer Preis“ im Rahmen des Evangelischen Medienkongresses Sendungen aus allen Programmsparten, „die das persönliche und soziale Verantwortungsbewusstsein stärken, zum guten Miteinander von Einzelnen, Gruppen, Völkern und zur gegenseitigen Achtung der Geschlechter beitragen“. Die Evangelische Kirche verleiht ihn dieses Jahr in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk.

Aufklärung über Downsyndrom wichtig, damit Gesellschaft bunt bleibt

Einer der beiden Kinderfernsehpreise ging an die Sendung „Planet Willi – Die Sendung mit dem Elefanten“, die der WDR für den Kinderkanal produzierte. Der Film beschreibt das Leben einer Familie mit einem Jungen, der das Downsyndrom hat. „Planet Willi“ ist laut der Jury das perfekte Beispiel für „die Kunst, ein anspruchsvolles Thema in schlüssige Bilder zu übersetzen“. Die Beiträge machten keinen Hehl daraus, dass die Eltern bei Willis Geburt bestürzt gewesen seien und der Umgang mit ihm auch anstrengend sein könne. Die Juroren erklärten weiter: „Vor allem jedoch zeigt die zutiefst berührende und ungemein wahrhaftig wirkende Sendung, dass Willi keine Belastung, sondern eine Bereicherung für die Familie ist.“

Zur Preisverleihung zeigte die Kirche einen kurzen Clip mit einem Gruß vom Protagonisten Willi

Zur Preisverleihung zeigte die Kirche einen kurzen Clip mit einem Gruß vom Protagonisten Willi

Zur Verleihung dankte Willis Vater, der Autor Matthias Wittkuhn, für die Auszeichnung mit dem „Robert Geisendörfer Preis“, weil diese ihm und seiner Frau die Möglichkeit gebe, über ein Leben mit Kind mit Downsyndrom zu berichten. „Aufklärung und Information ist das Wichtigste, damit wir weiterhin eine bunte Gesellschaft haben.“ In Bezug darauf, dass der Preis an „nicht marktkonforme Produktionen“ überreicht werde, sagte Willis Mutter, die Co-Autorin Birthe Müller-Wittkuhn, diese Bezeichnung treffe es genau. „Willi ist nicht marktkonform.“ Beim Evangelischen Medienkongress, in dessen Rahmen der Preis verliehen wird, ging es am Dienstag um das Thema Wahrheit. Müller-Wittkuhn betonte: „Das ist das Großartige mit Willi: Er ist so wahr. Das Leben mit unseren Kindern fühlt sich so wahrhaftig an!“

Die ZDF-Produktion „Stadt, Land, Bus – Der Goldene Tabaluga“ erhält den anderen Preis aus der Kategorie „Kinderprogramme“. Pfarrer Bernd Merz, Geschäftsführer von Matthias-Film, leitete die entsprechende Jury. In der Produktion sollen fünf Jugendliche herausfinden, was typisch deutsch ist, und reisen dafür in einem zum Wohnmobil umgerüsteten Doppeldeckerbus durch ihre Heimat. „Ihre gegenseitige Wertschätzung trägt enorm zu dem positiven Lebensgefühl bei, das ,Stadt, Land, Bus‘ vermittelt“, lobte die Jury.

In der Kategorie „Allgemeine Programme“ prämierte die Jury unter der Leitung des Vorsitzenden, Kirchenpräsident Volker Jung, unter anderem die TV-Produktion „Das Leben danach“ des WDR von Eva und Volker A. Zahn (Autoren) und Nicole Weegmann (Regie). Der Spielfilm erzählt eine fiktive Geschichte der realen Tragödie der Duisburger Love Parade. Laut Jury vermittelt er: „Genauso könnte es gewesen sein. Der Film ist ein hochkomplexes Trauerdrama, das sich konsequent mit den Folgen von Schuldgefühlen und der Frage von Schuld auseinandersetzt, ganz nebenbei die institutionalisierten Bewältigungsversuche aufs Korn nimmt und am Ende des Tunnels vielleicht sogar die Möglichkeit des Verzeihens andeutet.“

Suizid des Vaters: Schweigen schwieriger als darüber zu sprechen

Autor und Regisseur Christian Gramstadt erhielt für sein Fernsehstück „Das Gift der Mafia. Und das europäische Gesetz des Schweigens“ einen Preis. Die Dokumentation sei „spannend wie ein Wirtschaftskrimi“. Es geht um ein Netzwerk der illegalen Giftmüllentsorgung, das sich quer durch Europa ziehe. „Bewahrung der Schöpfung geschieht hier durch die Aufdeckung und Bekämpfung organisierten Verbrechens“, erklärten die Juroren.

Regisseur Martin Zylka, Autor Karlheinz Koinegg und Kirchenpräsident Volker Jung

Regisseur Martin Zylka, Autor Karlheinz Koinegg und Kirchenpräsident Volker Jung

„Lauter liebe Worte“ des Autoren Karlheinz Koinegg und des Regisseurs Martin Zylka wird als Hörfunkbeitrag ausgezeichnet. Das Hörspiel handelt von einem Mann, dessen Vater sich umbrachte, als er neun Jahre alt war. Es ist die Geschichte des Autoren selbst. Für das Stück reist er zurück in seine Kindheit ins Duisburger Stahlarbeitermilieu. Er spricht mit Angehörigen und Fachleuten, sucht Arztbriefe, findet Ratlosigkeit und überall „lauter liebe Worte“ für seinen Vater. „Dass Koinegg trotz der persönlichen Betroffenheit eine versöhnliche Sicht auf das Vergangene gelingt, macht das Hörstück besonders wertvoll“, begründete die Jury ihre Entscheidung. Koinegg erklärte am Dienstagabend: „Ich habe gemerkt, dass das Schweigen über 40 Jahre lang schwieriger war, als darüber zu sprechen.“

„Fremdenfeindlichkeit funktioniert auch ohne Ausländer“

In derselben Kategorie ehrte die Kirche „Die Umsiedler“ nach dem gleichnamigen Kurzroman des deutschen Schriftstellers Arno Schmidt. Autorin Anna Pein und Regisseur Oliver Sturm hätten „ein Hörspiel gemacht, das durch einen überzeugenden Kunstgriff, die Einarbeitung von Tondokumenten aus den frühen 50er Jahren, eine ungeahnte Aktualität erhält“. Historisch habe die damalige Situation nicht viel gemein mit der heutigen Flüchtlingsthematik, aber der Grundkonflikt der Integration des „Fremden“ in die vertraute „heimatliche Kultur“ lade laut Jury „zur Analogiebildung“ ein. Regisseur Sturm erklärte während der Preisverleihung, dass er und sein Team bei der Arbeit an dem Stück gemerkt haben: „Fremdenfeindlichkeit funktioniert auch ohne Ausländer.“

Die Hörfunkkorrespondentin Bettina Rühl erhielt den Sonderpreis der Jury

Die Hörfunkkorrespondentin Bettina Rühl erhielt den Sonderpreis der Jury

Der Sonderpreis der Jury 2018 für „exemplarische publizistische oder künstlerische Leistungen“ ging an Bettina Rühl. Sie ist freie Hörfunkkorrespondentin und wird für ihre „herausragende, unermüdliche und jahrelange Berichterstattung aus und über Afrika“ geehrt. Die Jury erläuterte, Rühl gebe sich nicht mit einfachen Erklärungen zufrieden, sondern forsche unvoreingenommen nach den Gründen von Gewalt. Sie analysiere scharf und zeichne „differenzierte Bilder, die frei von Pathos und Klischees das Leben in Afrika darstellen“. Die Korrespondentin erinnere im Radio „unermüdlich an den ,vergessenen Kontinent‘ und hilft, das meist ziemlich vage Bild von Afrika zu konturieren und zu korrigieren“.

Prinz Asfa-Wossen Asserate hielt die Laudatio für Rühl, „eine Frau, die ihr Leben Afrika gewidmet hat“. Er lobte ihre Arbeit und ihren klaren Blick auf ihre Themen: „Sie verschweigt nicht die Probleme, denen dieser Kontinent gegenübersteht.“ Rühl zeigte sich erfreut, dass Menschen ihre einstündigen Sendungen wirklich hörten. Manche Inhalte könnten nicht kurz gesagt und zusammengefasst werden, hält sie der journalistischen Regel entgegen, dass es möglich sein muss, alles auch in Kurzform zu sagen.

Von: Martina Blatt

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