Margot Käßmann schaut optimistisch auf das Jahr des Reformationsjubiläums
Margot Käßmann schaut optimistisch auf das Jahr des Reformationsjubiläums

Käßmann: „Die Basis will die Ökumene“

Für die Theologin Margot Käßmann ist das Festjahr zum Reformationsjubiläum schon jetzt ein Erfolg. Protestanten und Katholiken rückten enger zusammen – und manch Kirchenferner gerate wieder mit dem Glauben in Kontakt.

Die Feierlichkeiten zu 500 Jahren Reformation bringen aus Sicht von Theologin Margot Käßmann Katholiken und Protestanten einander näher. Es sei gelungen, dem Reformationsgedenken einen ökumenischen Akzent zu geben, sagte die Botschafterin der evangelischen Kirche für das Reformationsjubiläum 2017 im Interview der Deutschen Presse-Agentur.

Ende Oktober hat das Festjahr zum Gedenken an die Reformation vor 500 Jahren begonnen. Die neue Lutherbibel musste bereits nachgedruckt werden. Wie ist das Interesse an dem großen Jubiläum?

Margot Käßmann: Ich empfinde das Interesse als enorm. Das ist zum einen ein historisches Interesse, was war damals? Dann aber auch die Frage nach Identität, wer bin ich als Evangelischer, als Katholik? Und ich habe den Eindruck, jetzt ist da auch die Vorfreude, dass das Jahr beginnt.

Was sticht für Sie aus dem bisherigen Festprogramm hervor?

Ich möchte zwei Dinge nennen. Das eine ist, dass ich mich freue, wie europäisch das Jubiläumsjahr jetzt schon geprägt ist. Zur Zeit fährt der Reformationstruck durch Europa. Da ist zu erleben, dass die europäischen Partnerkirchen das wirklich als gemeinsames Jubiläumsjahr sehen. Das war am Anfang nicht so klar. Und mich freut, dass das Festjahr wirklich ökumenisch wahrgenommen wird. Bei der Deutschen Bischofskonferenz gab es anfangs Skepsis, wird das konfessionalistisch, hat das wieder einen antikatholischen Affekt? Aber wir können sagen, dass jetzt schon klar ist, es wird ein internationales Reformationsjubiläum mit ökumenischem Akzent, ganz anders als 1817 und 1917.

Wie Sie sagen, gab es zunächst viel Skepsis, was das gemeinsame Reformationsgedenken mit der katholischen Kirche angeht. Nun scheint man weit gekommen. Gibt das Hoffnung für die Zukunft?

Ich denke, jetzt bewährt sich, was sich in 100 Jahren ökumenischer Bewegung entwickelt hat. Fast überraschend zeigt sich, wie vertrauensvoll die Verbindung inzwischen ist sowohl auf der Ortsebene als auch auf der Ebene der leitenden Geistlichen. Dass der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mit der Deutschen Bischofskonferenz nach Israel gepilgert ist, dass wir zu Beginn des Lutherjahres die Luthermedaille an Kardinal Karl Lehmann verliehen haben, dass der Papst in Lund war zu einem Gebet mit dem Lutherischen Weltbund, wir in Hildesheim am Samstag vor dem zweiten Fastensonntag nächstes Jahr einen Versöhnungsgottesdienst feiern, den jede Gemeinde mitfeiern kann – all das sind gute Signale, die die Gemeinden auch wünschen. Der Basis steht schlicht der Sinn nach Ökumene. Für mich ist das Ziel nicht eine Einheitskirche, die Unterschiedlichkeit ist auch kreativ. Aber die Hoffnung ist, dass wir eines Tages offiziell gemeinsam Abendmahl feiern können.

Weckt das Reformationsgedenken ein neues Interesse an Religion?

Mein Eindruck ist, dass das Interesse an Religion groß ist. Und wir sollten nicht unterschätzen, dass in Deutschland rund 50 Millionen Menschen Mitglied einer Kirche sind. Dass wird manchmal so lapidar gesehen, als seien wir noch zwei Millionen. Aber darüber hinaus erlebe ich Interesse an Religion. Ich habe in Zwickau in einem Gottesdienst gepredigt, da waren 1.300 Menschen in der Kirche in einer Region, wo sehr wenige kirchlich sind. Die Erinnerung an die Reformation kann uns auch helfen, eine Sprache zu finden wie Luther eben, um über christlichen Glauben so zu sprechen, dass die Menschen verstehen, es geht sie etwas an.

Wie kann sich das Festjahr langfristig auswirken, wie können die vielfältigen Begegnungen mit der Religion Früchte tragen, über 2017 hinaus?

Für mich ist es einmal eine Ermutigung nach innen, für die Christinnen und Christen im Land, gestärkt aus dem Jubiläum hervorzugehen. Zum anderen hoffe ich, dass wir bei der Weltausstellung Reformation in 16 Wochen auch diskutieren: Wie wollen wir denn Kirche und Gesellschaft in Zukunft gestalten? Das ist nach vorne gerichtet und nicht nur retrospektiv oder historisierend. Ich erhoffe mir dadurch, dass eine mutige Aufbruchstimmung entsteht, und vielleicht Menschen mit dem christlichen Glauben in Berührung kommen, die sonst wenig Anknüpfungspunkte haben.

Müsste die Kirche sich mit ihrer Botschaft nicht öfter unter das Volk mischen, raus aus ihren Gebäuden?

Nun können Sie nicht jede Woche Kirchentag und auch nicht jeden Tag Weihnachten feiern, das sind schon Höhepunkte. Aber ich finde erstens richtig, dass die evangelische Kirche das Jubiläum nutzt, um auf die Sache mit Gott aufmerksam zu machen. In einer mobilen und innovativen Gesellschaft braucht man auch Wurzeln und Tradition. Und zum anderen wissen alle, dass wir solche Festtage und Feste auch brauchen, um die Mühen des Alltags wieder durchzustehen. So ein Fest kann ermutigen.

Die Reformation hat Deutschland geprägt, bietet das Festjahr eine Möglichkeit, an die Verwurzelung der Religion in der Gesellschaft zu erinnern?

Mir war sehr wichtig, dass der Deutsche Bundestag einstimmig gesagt hat, das ist ein Ereignis von Weltrang mit historischer Bedeutung für die Bundesrepublik Deutschland, Europa und darüber hinaus, das ist kein rein kirchliches Ereignis. Das ermutigt, die öffentliche Rolle von Religion im gesellschaftlichen Diskurs stark zu machen. Kirche und Staat sind getrennt, das ist gut. Und trotzdem gehört der Glaube nicht in eine private Nische. Bei vielen ethischen Fragen, die anstehen, sollten Christen ihre Orientierungspunkte in die Debatte einbringen. Das gilt auch mit Blick auf die Frage der Bedeutung von Religion in der Gesellschaft, und die ist ja durch den Islam aktueller geworden, als sie in den letzten Jahren war.

Zum Reformationsjubiläum ist eine Mammutprogramm auf die Beine gestellt worden. Ist da überhaupt noch Platz geblieben für einen kritischen Blick auf die Person Martin Luther?

Ich finde gut, dass die evangelische Kirche gerade im Vorfeld des Jubiläumsjahres den Antijudaismus Luthers intensiv diskutiert hat. Das war ein wichtiger Prozess, wir sind eine lernende Kirche, wir können uns verändern. Viele sind auch erschrocken gewesen, denen der Antijudaismus Luthers gar nicht bewusst war. Jetzt sagen manche, das ist schon zu viel Diskussion gewesen über das Thema. Aber die Chance zu nutzen, da hat die evangelische Kirche zugepackt, und das finde ich richtig.

Seit fünf Jahren werben sie für das Lutherjahr, was kommt für Sie nach dem Jubiläum?

Dann gehe ich in Ruhestand, den dienstlichen Ruhestand. Ich kann immer noch Predigten oder Vorträge halten oder ein Buch schreiben – wie heißt es so schön: So Gott will und wir leben. Vor allem ist mein viertes Enkelkind unterwegs und für meine Enkel möchte ich sehr gern schlicht Zeit haben.

Die evangelische Theologin und Buchautorin Margot Käßmann (58) wirbt seit 2011 in Deutschland und weltweit für das Lutherjahr 2017. Zuvor war sie elf Jahre Bischöfin von Hannover und von 2009 bis 2010 Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Von: dpa

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