Die damals 15-jährige Tochter von Ulrich Giesekus sollte 150 Euro wegen einer abgepflückten Blume zahlen und musste vor Gericht erscheinen. Hätte ein weißer Teenager dafür eine Anzeige bekommen?

Die damals 15-jährige Tochter von Ulrich Giesekus sollte 150 Euro wegen einer abgepflückten Blume zahlen und musste vor Gericht erscheinen. Hätte ein weißer Teenager dafür eine Anzeige bekommen?

Rassismus in Deutschland? Kommt drauf an, für wen

Ulrich Giesekus hat zwei afrikanische Mädchen adoptiert, als sie sechs Monate alt waren. Immer wieder erlebte er, wie seinen – heute erwachsenen – Töchtern Rassismus im Alltag begegnete: von nett gemeinten Kommentaren über eine denkwürdige Begegnung mit der Polizei bis zu verächtlichen Beschimpfungen. Als Weißer bekam er so etwas nicht zu hören. Ein Erfahrungsbericht

Wann macht ein Weißer die Erfahrung von rassistischen Angriffen? Eigentlich nie. So ging es mir früher auch mit Rassismus in Deutschland. Kannte ich nicht, konnte ich mir nicht vorstellen. Rassismus ist abstoßend, aber irgendwo weit weg. USA, Südstaaten, Südafrika, auf jeden Fall nicht bei uns im fortschrittlichen Nordeuropa. Allerdings bin ich seit 1988 Jahren Vater von zwei Afrikanerinnen, unseren Adoptivkindern. Sie waren sechs Monate alt, als sie zu uns kamen.

Das Leben mit schwarzen Töchtern ist eine Erfahrung. Da erlebe ich Dinge, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Das fing damit an, dass wir im Restaurant nicht bedient wurden, als die beiden noch im Kindergartenalter waren. Gut gemeinte Herablassungen wie die der älteren fremden Dame, die den beiden „armen Negerle“ ein Eis kaufen wollte, oder der ungefragte Griff in die krausen Locken – blöd, aber nicht tragisch. Die Nachbarn ein paar Straßen weiter, die mit ihren Kindern an der Tür klingelten, um die „Mohrle“ zu sehen. Wie im Kuriositätenkabinett. Oder die Leute, die von beiden immer als „Schokoriegel“ reden. Und immer die gleichen Kommentare: „Wo kommst du her?“ (Aus Freudenstadt im Schwarzwald), „Du sprichst aber gut Deutsch“ (ist ja auch meine Muttersprache), „Brauchst du auch Sonnencreme?“ (Ja, auch Schwarze kriegen Sonnenbrand). Die sind wie der Mann, der einer Schwangeren ungefragt den Bauch tätschelt. Erniedrigend, aber nicht bösartig.

Dabei bleibt es aber nicht. Viele Kommentare sind sehr verächtlich und böse. Wie das Gezischel „Das haben alles wir bezahlt!“ mit dem Zeigefinger auf das neue Skateboard. Und eine Tochter, die das gar nicht verstanden hat und perplex antwortet: „Nein, das habe ich von meinen Eltern zu Weihnachten gekriegt.“

Anzeige wegen abgeknipster Blüte

Als eine unserer Zwillinge mit 15 von einem zivilen Polizisten angezeigt wurde, weil sie eine Margeritenblüte (!) aus einem städtischen Blumenkübel abgeknipst hat, um sie ihrer Freundin ins Knopfloch zu stecken, wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie unfair auch die deutsche Polizei für Schwarze sein kann. Ein paar Tage später erhielten wir vom Bauhof der Stadt eine Rechnung über 150 Euro für die Neubepflanzung eines Blumenkübels. Ein Foto der besagten Margeritenstaude zeigte, dass die Pflanze fröhlich weiterlebte, und natürlich keine Neubepflanzung stattgefunden hatte. Eine E-Mail mit der Ankündigung, dass ich meinerseits wegen dieser falschen Rechnung Anzeige wegen Betrugs erstatten würde, führte dazu, dass ein sofortiger Rückruf vom Bauhof erfolgte: Es handele sich alles um einen „bedauernswerten Irrtum“, und es sei kein Schaden entstanden. Die Fotos vom Blumenkübel habe ich noch auf dem Rechner.

Wenn man nun glaubt, das sei das Ende der Geschichte: weit gefehlt. Denn die Anzeige wegen Sachbeschädigung lag ja nun bei der zuständigen Staatsanwaltschaft in Rottweil. Also erhielt unsere Tochter eine Vorladung für eine Gerichtsverhandlung. Eine verängstigte, ganz normale 15-jährige Deutsche, die vor Gericht muss, weil sie eine Blüte von einer Pflanze abgeknipst hat. Und dummerweise eine schwarze Hautfarbe hat. Aktenzeichen AZ 1 Ds 20 Js 7474/2003jug.; AK 540/03.

Der vorsitzende Richter brauchte nur einen Blick in die Unterlagen zu werfen, um zu erkennen, was los war. Ein Satz zum Staatsanwalt: „Ich gehe davon aus, dass die Staatsanwaltschaft zustimmt, dass wir den Fall schließen; es gibt keine Straftat und keinen Schaden; die Kosten des Verfahrens trägt der Staat.“ Er hat sofort geblickt, was da gelaufen ist, und war „not amused“. Und dann zu unserer Tochter: „Ich habe früher auch mal im Park Tulpen für meine Mama gepflückt. Das ist zwar verboten, aber nicht schlimm. Ich würde mich freuen, wenn wir uns mal wiedersehen – aber bitte nicht hier.“

Horrorshow in der S-Bahn

Ab da wussten wir, dass es Polizisten gibt, die nicht farbenblind sind. Ich glaube, dass die große Mehrheit der Polizei korrekt handelt – aber selbst eine Ausnahme reicht ja aus, dass Menschen aus ethnischen Minderheiten diese unschönen und gefährlichen Begegnungen haben und daraus ihr Bild machen. Vertrauen kommt immer langsam zu Fuß und reitet im Galopp davon. Eine menschenverachtende Erfahrung reicht, um die Polizei nicht als „Freund und Helfer“ zu sehen, und für die Betroffenen bleibt es in der Regel auch nicht bei einer seltenen Ausnahme.

Und wir hatten das Glück, einen fairen Richter zu haben. Das war 2003 – und es ist sicher nicht besser geworden. Die Aversion gegenüber Fremden ist heute bei vielen Menschen aufgrund der Ereignisse der letzten Jahre größer.

Was wohl passiert wäre, wenn die Eltern dieses Mädchens Migranten oder Geflüchtete mit schlechten Deutschkenntnissen gewesen wären? Hätten sie auch widersprochen und gar mit einer Anzeige gedroht? Oder verängstigt sofort die 150 Euro überwiesen? Wären sie aus Angst der Verhandlung fern geblieben und dann wirklich in Schwierigkeiten gekommen?

Aus den Mädchen sind inzwischen berufstätige ordentliche Steuerzahler geworden, beide verheiratet und Mütter, die damit auch für die Rente der nächsten Generation sorgen. Eine halbe Stunde S-Bahn in Berlin mit ihnen ist eine kleine Horrorshow. Es gibt immer irgendwelche Bemerkungen. Drecksneger! Armes Deutschland! Geh zurück wo du herkommst! Eure Sozialhilfe zahlen wir mit unseren Steuern! (Umgekehrt könnte es stimmen, die beiden zahlen sicher mehr Steuern als diese Hassbotschafter.) Oder unverblümte Angebote zur Prostitution (beide sind sehr attraktiv, aber sicher nicht in diesem Sinne einladend). Auch nonverbale Beleidigungen, vor ihnen auf den Boden spucken, ein Gruß mit dem Mittelfinger und anderes sind einfach normal.

Die wenigsten sind Neonazis

Natürlich vermeiden meine Töchter den Besuch von Gebieten, in denen Nazis oder Rechte vermehrt ihr Unwesen treiben. Nein, viele Stadtgebiete sind nicht sicher, da können sie nicht hin. Sie machen einen großen Bogen um Skinheads mit Springerstiefeln und haben einen Radar für Provokationen. Manchmal hilft es, so zu tun, als würde man mit Knopf im Ohr telefonieren. Ich bin immer wieder fasziniert, wie clever sie ihre Tricks einsetzen, um möglichst nicht aufzufallen – das lernen Schwarze besser als Weiße.

Die Menschen, die in der S-Bahn oder anderen Bereichen des öffentlichen Lebens ihre rassistischen Beleidigungen loslassen, sind aber meistens keine „Glatzen“, sondern ganz normale, oft ältere Menschen. Man erkennt diese Rassisten nicht von außen. Viele Polizisten sind sicher keine, auch Kontrolleure in Bahn, Lehrer oder Kellner. Wie viele Rassisten darunter es aber dann doch gibt, weiß nur eine Bevölkerungsgruppe nicht: Weiße. Weil sie es nie erleben und nur die Neonazis in Springerstiefeln zählen.

Es gab für uns auch Lebensbereiche, die weitgehend ohne spürbare Vorurteile waren. Zum Beispiel in der Schule – zumindest was die Lehrkräfte betrifft – war es immer fair. Und es gibt sogar Bereiche, in denen Schwarze Vorteile haben. Bei einem Tanzwettbewerb haben sie den ersten Preis gewonnen – und es war eher nicht die beste Performance. Im Showbiz und in der Kreativbranche, in denen beide inzwischen ganz erfolgreich ihr Geld verdienen. Da passen die Schwarzen in unsere Schubladen, da wollen wir sie sehen.

Eine schöne Erfahrung, die ich als Papa gemacht habe, war die Antwort meiner Teenager-Tochter auf eine bewundernde, aber trotzdem rassistische Äußerung nach einem Konzert in einer Kirche: „Ihr habt einfach den Rhythmus im Blut – toll, wie du singen kannst!“ Die Antwort „Ne, das habe ich von meinem Papa gelernt“ macht mich heute noch stolz. Weil sie stimmt. Ich bin ein weißer Mann – und habe ein Gefühl für Rhythmus und Melodie! Sowas gibt’s!

Gibt es Rassismus in Deutschland? Nicht für Weiße. So wie es keinen Sexismus für Männer gibt. Aber wer schwarz ist oder weiblich, kann ein Lied davon singen. Und wer sowohl schwarz als auch weiblich ist, kriegt eine geballte Ladung von beidem.

Von: Ulrich Giesekus

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