Hat eine bewegte Geschichte hinter sich: die Hagia Sophia in Istanbul, rechts im Bild

Hat eine bewegte Geschichte hinter sich: die Hagia Sophia in Istanbul, rechts im Bild

Hagia Sophia wird Moschee

Kirche, Moschee und dann Museum – die Hagia Sophia ist eines der beliebtesten Bauwerke Istanbuls. Immer wieder gab es in der Türkei Forderungen, sie wieder zur Moschee zu machen. Nun hat ein Gericht den Status als Museum annulliert und den Weg bereitet, um sie wieder zur Moschee zu machen.

Das Oberste Verwaltungsgericht in der Türkei hat einem Bericht zufolge den Weg frei gemacht, damit das berühmte Gebäude Hagia Sophia in Istanbul künftig als Moschee genutzt werden kann. Das Gericht annullierte am Freitag den Status der einstigen Kirche als Museum. Das berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu am Freitag. Eine Begründung der Entscheidung lag zunächst nicht vor.

Unmittelbar nach der Entscheidung ordnete der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan am Freitag die Öffnung zum islamischen Gebet an. Vor der Hagia Sophia in der Istanbuler Altstadt sammelte sich spontan eine Gruppe Befürworter der Entscheidung. Sie riefen „Allahu Akbar!“ („Gott ist groß!“). Die Polizei sperrte den Platz vor der Hagia Sophia ab. Beamte der Einsatzpolizei brachten sich in Stellung, es blieb aber zunächst ruhig.

Griechenland und die russisch-orthodoxe Kirche kritisierten die Entscheidung scharf. Die griechische Kulturministerin Lina Mendoni sprach von einer „Provokation für die zivilisierte Welt“. Erdogan führe „sein Land sechs Jahrhunderte zurück“. Wladimir Legoida vom Moskauer Patriarchat sagte der Agentur Interfax: „Die Sorge von Millionen von Christen wurde nicht gehört.“ Die Entscheidung dürfte die Beziehung zwischen den Nachbarn Griechenland und der Türkei weiter verschärfen, die sich ohnehin schon um Erdgasvorkommen im Mittelmeer und Migrationsthemen streiten.

Auch Ärger mit der Unesco ist programmiert. Die Hagia Sophia gehört seit 1985 als Teil der Istanbuler Altstadt zum Unesco-Weltkulturerbe. „Die Hagia Sophia ist ein architektonisches Meisterwerk und ein einzigartiges Zeugnis der wechselseitigen Beziehungen zwischen Europa und Asien im Laufe der Jahrhunderte. Sein Status als Museum spiegelt die Universalität seines Erbes wider und macht es zu einem starken Symbol des Dialogs“, erklärte Unesco-Generaldirektor Audrey Azoulay am Freitag. Die Entscheidung zur Umwandlung sei ohne vorherige Gespräche gefällt worden.

Besorgnis bei den Kirchen

Auch die Deutsche Bischofskonferenz hat sich besorgt über die Umwandlung der Istanbuler Hagia Sophia in eine Moschee geäußert. Das Gebäude habe bis heute eine große Bedeutung sowohl für Muslime wie auch für Christen, vor allem für die Orthodoxe Kirche, sagte der Sprecher der Bischofskonferenz, Matthias Kopp, am Freitagabend der Deutschen Presse-Agentur in Bonn. Die 1934 erfolgte Umwidmung in ein Museum habe seinerzeit zu einer bis heute tragfähigen Befriedung geführt: Gläubige der beiden großen Religionen, aber auch nichtreligiöse Türken hätten sich auf diese Weise mit dem großartigen Gebäude identifizieren können.

„Der Beschluss des Gerichts und die aktuelle Verlautbarung des türkischen Präsidenten bergen demgegenüber die Gefahr in sich, dass die Hagia Sophia künftig wieder als Symbol religiösen ‚Raumgewinns‘ gedeutet werden könnte“, gab Kopp zu bedenken. „Wir werben deshalb für eine politische Entscheidung, die die Einheit des Landes und das Gefühl der Zusammengehörigkeit von Muslimen und Christen stärkt, statt Bitterkeit zu schüren und Fliehkräfte zu begünstigen.“

Nach dem Willen des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, sollte die aktuelle Entscheidung ungeschehen gemacht werden. Auf Facebook teilte der Ratsvorsitzende am Samstag mit, dass das Gebäude seit 1935 von vielen Menschen „als Ort eines friedlichen Zusammenlebens der Religionen besucht worden“ sei. „Dieses friedliche Zusammenleben zu stärken, sollte unser aller Ziel sein. Und es sollte auch Ziel staatlichen Handels sein. Die jetzige Entscheidung wirkt dem entgegen und sollte rückgängig gemacht werden“, erklärte der EKD-Ratsvorsitzende.

Verschärfen sich die Spannungen?

Der Status des Bauwerks ist ein Politikum. Anhänger der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP fordern seit langem, die Hagia Sophia wieder zur Moschee zu machen. Vor allem Griechenland und Russland sind wegen der Bedeutung der Hagia Sophia für die Orthodoxie gegen eine Änderung des Status. Die Entscheidung könnte die Spannungen zwischen der Türkei und dem Nachbarn Griechenland weiter verschärfen, die sich ohnehin schon um Erdgas im östlichen Mittelmeer streiten.

Die Hagia Sophia (griechisch: Heilige Weisheit) wurde im 6. Jahrhundert nach Christus erbaut und war Hauptkirche des Byzantinischen Reiches, in der die Kaiser gekrönt wurden. Nach der Eroberung des damaligen Konstantinopels durch die Osmanen im Jahr 1453 wandelte Sultan Mehmet II. die Hagia Sophia in eine Moschee um. Auf Betreiben des türkischen Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk ordnete der Ministerrat im Jahr 1934 die Umwandlung der Hagia Sophia in ein Museum an.

Hinter dem Verein, der gegen diesen Beschluss geklagt hatte, steht nach Angaben von Anadolu ein pensionierter Lehrer, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee zu erwirken. Der Anwalt des klagenden Vereins, Selami Karaman, bestätigte die Entscheidung auf Anfrage der dpa zunächst nicht.

Auch als Moschee könnten Touristen die Hagia Sophia besichtigen, ähnlich wie die nahe gelegene Blaue Moschee in der Istanbuler Altstadt. Im vergangenen Jahr zog die Hagia Sophia nach offiziellen Angaben 3,7 Millionen Besucher an. Sie war damit das meistbesuchte Museum in der Türkei. Berühmt ist sie vor allem wegen der rund 56 Meter hohen Kuppel, die nahezu schwerelos über dem Hauptraum zu schweben scheint. Im Inneren sind die Wände mit byzantinischen Mosaiken und Marmor verziert. Um dem Bilderverbot im Islam gerecht zu werden, müssten die Mosaiken während des islamischen Gebets abgedeckt werden.

Von: dpa

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