Der Theologe Bernd Brandl stand für das Christliche Medienmagazin pro zum Thema 1. Weltkrieg Rede und Antwort

Der Theologe Bernd Brandl stand für das Christliche Medienmagazin pro zum Thema 1. Weltkrieg Rede und Antwort

„Kirchen wollten ihre patriotische Pflicht erfüllen“

Die Begeisterung für den Ersten Weltkrieg kannte 1914 keine Grenzen – auch in den Kirchen. Die Zahl derer, die gegen den Krieg aufbegehrte, war gering. Warum das so war, erklärt der Kirchenhistoriker der Theologischen Hochschule Bad Liebenzell, Bernd Brandl. Dieser Beitrag ist Bestandteil der pro-Themenwoche zum Ersten Weltkrieg, der vor 100 Jahren endete.

pro: Was bewegte die Deutschen 1914?

Brandl: Anders als 1939 zogen die Menschen enthusiastisch und begeistert in den Krieg. Niemand ahnte, wie mörderisch und zerstörerisch die modernen Waffen den Krieg machten. Europa hatte im 19. Jahrhundert eine lange Phase des Friedens. Viele Kriege waren eher lokal und wurden noch mit alten Waffen und Mann gegen Mann ausgefochten. Die Dimension eines modernen Krieges mit Giftgas und U-Booten kannte bis dahin noch keiner.

Hatten die Menschen Sehnsüchte und Erwartungen zu Beginn des Ersten Weltkriegs?

In Deutschland erwarteten die Menschen einen schnellen Sieg. Sie wähnten sich auf der gerechten Seite und meinten, Gott würde für Deutschland kämpfen und dabei helfen, die Feinde des Vaterlandes niederzuringen.

Führte der Krieg die Menschen in die Kirchen oder eher nicht?

Die Kirchen veranstalteten besondere Gottesdienste für die Soldaten, die in den Krieg zogen. Pfarrer segneten nicht nur Soldaten, sondern auch Waffen. Zu Beginn des Krieges waren die Gottesdienste gut besucht. Noch hatten die Kirchen einen tiefgreifenden Einfluss auf die Seelen der Menschen. Staat und Kirche traten als Einheit auf. Die Kirchen gaben den Kriegszielen des Kaisers die religiöse Weihe und Tiefe. „Am deutschen Wesen“ sollte wirklich die Welt genesen, wie ein Sprichwort der Zeit hieß. Vor allem die evangelischen Kirchen waren eng mit dem Staat und dessen Zielen verbunden. Die Verbindung von „Thron und Altar“ war täglich erfahrbare Realität.

Warum war der Nationalismus auch in den Kirchen so stark?

Seit den Befreiungskriegen zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstand ein starker deutscher Nationalismus. Er wurde durch die philosophische Strömung des Idealismus und von Teilen der Erweckungsbewegung beeinflusst; dadurch bekam der Nationalismus auch eine religiöse Färbung. Später wurde dieser Nationalismus für viele zu einer Art Ersatzreligion. Die Revolution 1848 lehnten die Kirchen weitgehend ab, weil sich diese gegen die gottgewollte Ordnung richtete; vor allem die evangelischen Kirchen waren seit der Reformation eng mit den herrschenden Kreisen und Fürstenhäuser verbunden. Während die Evangelische Kirche die Politik Bismarcks unterstützten, blieb die Katholische Kirche distanziert zum neuen Reich.

Wie ging es dann weiter?

Nach dem Sieg gegen Frankreich 1871 gab es nationale Strömungen in allen kirchlichen Kreisen. Thron und Altar standen fester denn je zusammen. Der Kaiser war unbestrittenes Oberhaupt der Evangelischen Kirche. Aber nicht nur in den Landeskirchen, sondern auch im Pietismus und in den Gemeinschaften, den diakonischen Werken und den Freikirchen waren Christen von diesen nationalen Stimmungen nicht ausgenommen. Viele Adelige beteiligten sich aktiv an missionarischen und diakonischen Werken und prägten diese. Das bekannteste Beispiel ist wohl Friedrich von Bodelschwingh, aber auch Eva von Tiele-Winckler (Förderin der Liebenzeller Mission, Anm. d. Red.) oder Graf Eduard von Pückler (Vorsitzender des Gnadauer Verbandes) seien hier genannt.

Wie bewerten Sie insgesamt die Rolle der Kirchen?

Beim Ausbruch des Krieges schlug in den Kirchen aller europäischen Nationen der Nationalismus noch einmal hohe Wellen. Mit Ausnahme der Quäker und Teilen der Mennoniten riefen sie ihre Mitglieder auf, ihre patriotische Pflicht zu erfüllen und in den Krieg zu ziehen. Sie nutzten jedes Mittel, um der eigenen Nation zu dienen: durch Gottesdienste, (Militär-)Seelsorge und vor allem in diakonischen Diensten in den Lazaretten und Krankenhäusern. In den Kirchen hörten die Menschen keine Friedensappelle, sondern Aufrufe, den Krieg zu unterstützen. In den Kriegspredigten wurden unbefangen nationale Wünsche mit Forderungen des Reiches Gottes gleichgesetzt. Nicht von ungefähr stand auf dem Leibgurt der Soldaten „Mit Gott für Volk und Vaterland“.

Der Papst hatte ja versucht zu vermitteln, war aber gescheitert …

Die Nationen schlugen den Friedensplan des Papstes aus, weil sie sich dadurch benachteiligt sahen. Papst Benedikt XV. ächtete den Krieg als Mittel zur Fortsetzung der Politik. Er wollte weitgehend die Vorkriegsordnung wiederherstellen. Ein internationales Schiedsgericht sollte strittige Territorialfragen klären. Keine der beiden Kriegsparteien wollte jedoch von ihren Maximalforderungen ablassen. So geriet der Papst zwischen die Fronten und musste erleben, dass der Vatikan bei den Friedensverhandlungen 1919 ausgeschlossen wurde. Es schmerzte ihn besonders, dass sich die deutschen, katholischen Bischöfe nicht von ihrer Überzeugung eines „heiligen Krieges“ abbringen ließen. In ihrer Theologie setzten sie den Willen und den Weg Gottes mit dem Willen und Weg des deutschen Volkes gleich.

Bestand die Chance, gegen den Krieg anzupredigen?

Natürlich hätte es diese Option gegeben. Aber wer konnte sich der offensichtlichen Kriegsbegeisterung der Massen entgegenstellen? Niemand wollte eines mangelnden Patriotismus beschuldigt werden. Von daher gelang es nur wenigen, sich dieser religiös gefärbten Kriegsbegeisterung zu entziehen. Keiner wollte als „vaterlandsloser Geselle“ dastehen. Eine Zeitschrift wie „Licht und Leben“, die vor allem im Pietismus gern gelesen wurde, war teilweise verboten. Herausgeber Joseph Gauger hatte kritisiert, dass der Kaiser den Genozid an den Armeniern verschweige.

Viele Theologen verwendeten das Vokabular vom „heiligen“ oder „gerechten“ Krieg.

Als Beispiel möchte ich das sogenannte „Kriegsvaterunser“ des Religionspädagogen Dietrich Vorwerk in seinem Kriegsliederheft „Hurra und Halleluja“ nennen. Theologische Konzepte für den gerechten Krieg gibt es schon im Mittelalter und in der Reformationszeit. Neu war lediglich die bruchlose Identifizierung des Deutschen Reiches mit dem Reich Gottes. Deswegen wurde auch der Begriff „Heiliger Krieg“ aus Texten des Alten Testamentes übernommen. Allerdings gibt es bis in die Gegenwart hinein Beispiele, wie Christen der Versuchung erliegen, die biblische Theologie des Reiches Gottes auf politische und innerweltliche Ziele, Mächte und Konzepte zu übertragen. Die Theologie des Ersten Weltkrieges ist dafür ein abschreckendes Beispiel. Dass Jesus vor Pilatus sagte „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“, wurde schlicht ignoriert und ausgeblendet.

Wie war die Theologie des Krieges?

Der Domprediger Ernst von Dryander hat beim Ausbruch des Krieges im Berliner Dom zu einem Kampf gegen die Unkultur, die Barbarei und die Instinkte der ungeordneten Massen aufgerufen. In diesem „religiösen Kriegsfuror“ erlosch „jedes Verständnis für Jesus, für Demut, Feindesliebe“, bedauerte ein Zeitgenosse. Katholische wie Evangelische Kirchen werteten den Krieg als Möglichkeit, den neuzeitlichen Umbrüchen in der Wissenschaft Paroli zu bieten und der wachsenden Entkirchlichung entgegenzuwirken. Ob die Kirche Gott für ihre eigene Politik missbraucht hat, ist schwer zu sagen. Bewusst war ihnen das bestimmt nicht. Man wähnte Gott auf seiner Seite auf dem Weg zum Sieg. Die deutsche Sache wurde mit Gottes Willen identifiziert. Die Niederlage war nicht nur eine politisch-militärische Katastrophe, sondern für die Protestanten brach das gesamte Weltbild zusammen.

Der Kirchenhistoriker Martin Greschat spricht von einer „erschreckenden Preisgabe der christlichen Substanz in den Voten der europäischen Kirchen“. Wo hat die Kirche am meisten preisgegeben?

Vor allem aus der Perspektive der Völker des globalen Südens war dieser europäische Krieg eine geistige Katastrophe. Wie konnte es sein, dass sich die christlich wähnenden europäischen Völker auf den Schlachtfeldern gegenseitig umbrachten? Missionare hatten das europäische Christentum als die höchste und allen anderen überlegene Weltreligion verkündigt. Der 1. Weltkrieg zerschoss buchstäblich diesen europäischen, christlich unterfütterten Überlegenheitsdünkel nachhaltig. Eine Folge davon war, dass die nichtchristlichen Weltreligionen erstarkten.

Warum waren die nationalen Kirchen nicht fähig, Friedensinitiativen zu unterstützen?

Es mag Gründe geben, die im Sinne einer recht verstandenen Zwei-Reiche-Lehre einen Verteidigungskrieg als „gerechten“ Krieg rechtfertigen können. Aber für Kirchen, die sich auf Jesus und seine Verkündigung in der Bergpredigt gründen, kann es keine Kriegsbegeisterung geben. Für sie sollte der Friede immer die wichtigste und erste Option sein. Sich mit Waffengewalt zur Wehr setzen und sich zu verteidigen sind immer nur letzte Mittel, nur dann legitim, wenn alle Friedensbemühungen scheitern. Christen sind sich bewusst, dass sie im Kriegsfall nicht schuldlos bleiben können. Dieses Bewusstsein fehlte den Kirchen fast völlig. Die Nähe zur jeweiligen eigenen Nation hatte sie blind gemacht für den Geist und die Verkündigung Jesu.

In welchen Bereichen gab es größeren nennenswerten Widerstand von Theologen?

Eine Wurzel war die Bewegung für internationale Freundschaftsarbeit und für das praktische Christentum. Sie wurde nach der Missionskonferenz von Edinburgh 1910 ins Leben gerufen. Den Initiatoren ging es um soziale Gerechtigkeit und den Erhalt des Friedens über konfessionelle und nationale Grenzen hinweg.

Wie sah das konkret aus?

Deutsche und englische Kirchenvertreter blieben regelmäßig im Austausch. Sie gründeten die „Vereinten kirchlichen Komitees zur Pflege freundschaftlicher Beziehungen zwischen dem britischen und dem deutschen Volk“. Die Zeitschriften „Peacemaker“ und „Die Eiche“ informierten durch ihre Beiträge die Leser in den anderen Ländern und sollten Vertrauen aufbauen. Diesen Bemühungen schlossen sich weitere Länder an. Im August 1914 trafen sie sich in Konstanz zu einer internationalen Friedenskonferenz. Die Konferenz wurde nach Ausbruch des Krieges abgebrochen. Die britischen Vertreter konnten Deutschland geradeso verlassen. Die Stimme des „Weltbundes für Freundschaftsarbeit“ verstummte auch im Krieg trotz aller nationalistischen Töne nicht. Sie organisierten eine Kriegsgefangenenhilfe und dachten über das Völkerrecht nach. Der schwedische Erzbischof Nathan Söderblom versuchte 1917 und 1918 eine internationale Friedenskonferenz einzuberufen. Er scheiterte aber an den Kirchenführern der Kriegsparteien, die nicht miteinander reden wollten.

Es gab Bestrebungen in den Militärs, den Krieg frühzeitig zu beenden. Wäre das aus Ihrer Sicht möglich gewesen?

Alle Friedensbemühungen von verschiedenen Seiten scheiterten an den erklärten Kriegszielen der Kriegsparteien, die diese nicht aufgeben wollten. Deutschland brach die Verhandlungen mit dem Westen ab, weil sie Belgiens Unabhängigkeit nicht zustimmen wollten. Auch ein deutscher Separatfrieden mit Russland gelang nicht, weil Frankreich und England Bedenken hatten. Die Niederlage wurde durch den massiven Truppeneinsatz Amerikas und die Erschöpfung der deutschen Soldaten besiegelt.

Haben die Deutschen das Kriegsgeschehen zu wenig aufgearbeitet?

Die massive Kriegspropaganda ließ eigentlich nur einen Sieg Deutschlands zu. Deswegen verstanden die Menschen in Deutschland nicht, warum es zur Niederlage kam. Die Dolchstoßlegende war mit dafür verantwortlich, dass die Agitation der Nationalsozialisten bei der Bevölkerung auf fruchtbaren Boden fiel. Das Kriegsgeschehen wurde in der Weimarer Republik nicht wirklich aufgearbeitet. Die Zeit zwischen den Weltkriegen konnte man als kurzes Atemholen begreifen, um nicht bezahlte Rechnungen im nächsten Krieg zu klären.

Haben die christlichen Kirchen im Ersten Weltkrieg versagt?

Wer die Kriegspredigten liest und sich die Durchhalteparolen der Kirchen anschaut, kommt zu diesem Schluss. Es gab keine Antwort auf die Frage, was passiert, wenn Deutschland den Krieg verliert. Wo ist dann Gott in der Niederlage? Mit ihrer fehlgeleiteten Geschichtstheologie rutschten die Kirchen nach dem Zusammenbruch in ein tiefes geistiges und theologisches Loch. Die ungelöste Frage nach dem geistigen und geistlichen Sinn der Niederlage (hat Gott uns verlassen?) wurde zur Schicksalsfrage der neu gegründeten Weimarer Republik. Die Antworten auf diese Frage blieben unbefriedigend. Auch das war ein Grund, warum die radikalen Kräfte sich 1933 mit ihrer Deutung des Krieges durchsetzen konnten.

Was bleibt für die Kirchen bei der Rückschau auf den 1. Weltkrieg?

Die Kirche sollte sich hüten, dem gängigen Zeitgeist nachzulaufen und sich von ihm bestimmen zu lassen. Während der Zeitgeist rechts, kaisertreu und kriegsbegeistert war, weht heute der „Mainstream-Zeitgeist“ aus einer entgegengesetzten Richtung. Egal, aus welcher Himmelsrichtung er jedoch blasen mag: Ihm gilt es zu widerstehen, weil Kirche nicht dem Zeitgeist, sondern Jesus Christus verpflichtet ist. Zweitens war es ein schmerzlicher Prozess, bis sich die Kirche dazu durchrang, dem zuzustimmen, was in der ersten These der Barmer theologischen Erklärung betont wird: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben. Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Wort Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“ Diese These gilt im Rückblick auch schon für das Versagen der Kirchen im Ersten Weltkrieg, wo die Stimme des guten Hirten im Getöse des Krieges unterging. Drittens sollte sich Kirche hüten vor einer Geschichtstheologie, die das Reich Gottes vorschnell mit Mächten, Gestalten und Wahrheiten wie Volk, Nation oder Rasse zusammenbindet und Gottes Wille und Reich bruchlos als Gottes Offenbarung mit politischen Zielen der eigenen Nation gleichsetzt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Johannes Blöcher-Weil

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