Bärbel Schäfer hat als Moderatorin von TV- und Hörfunksendungen Bekanntheit erlangt und wurde mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet

Bärbel Schäfer hat als Moderatorin von TV- und Hörfunksendungen Bekanntheit erlangt und wurde mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet

Bärbel Schäfer: Dem Hass die Stimme der Liebe entgegen setzen

In einem bewegenden Buch schildert die Journalistin Bärbel Schäfer ihre Treffen mit der Holocaustüberlebenden Eva. Den beiden Frauen gelingt es, die Spiralen des Schweigens zu durchbrechen.

Immer am Mittwoch besucht die Journalistin und Hörfunkmoderatorin Bärbel Schäfer die 85-jährige Eva Szepesi. Die hat als junges Mädchen die Schoah in KZ-Auschwitz überlebt. Jahrzehntelang hat sie geschwiegen, doch mit der Journalistin hat sie nun über die Hölle des Vernichtungslagers, die Angst bei der Deportation und den Verlust ihrer geliebten Mutter und ihres Bruders geredet. Bärbel Schäfer hat alles in ihrem Buch „Meine Nachmittage mit Eva: Über Leben nach Auschwitz“ aufgeschrieben. Darin geht es um Fragen. Und um Schweigen. Die Autorin, die aus Liebe zu ihrem Mann Michel Friedman zum Judentum übergetreten ist, fragte auch die eigene Großmutter nach ihrer Rolle während der Nazizeit. Als Antwort erhielt sie Schweigen. Vom Vater wollte die Journalistin wissen, wie er mit dem Schweigen der Eltern umging. Schweigen. In der eigenen Familie war der Holocaust ein Tabu. In ihrem Buch schildert Bärbel Schäfer, wie sie durch Treffen mit der Holocaustüberlebenden die Spiralen des Schweigens durchbrechen konnte.

pro: Frau Schäfer, in Ihrem Buch gleichen Sätze und Passagen den stakkatoartigen Salven eines Maschinengewehrs. Den Wortsalven folgen elegische Passagen, aufgeschäumt von Liebe und Poesie. Welche Intention haben Sie damit verfolgt?

Bärbel Schäfer: Das Buch ist wie die Gespräche, die ich mit Eva geführt habe, eine emotionale Achterbahnfahrt. Es gibt im Buch Abgründe, es gibt Klingen und Klippen, über die man springen muss. Es ist eine Reise, bei der sich die Leser verwunden können. Auf der Reise begegnet der Leser nicht nur den Anfängen von Gewalt, sondern auch dem Wegsehen bei Gewalt. Die Kälte und Härte der Sprache, die ja auch dieses Land in sich trägt - nicht nur, aber auch - wollte ich gerne sprachlich abbilden.

Wie viel Katharsis steckt in Ihrem Buch?

Das Buch ist weder eine Therapie, noch eine Katharsis. Es ist die gemeinsame Reise von zwei Frauen aus unterschiedlichen Generationen, die sich in ihren Wunden, ihren Verletzungen, in ihrer Verzagtheit und ihren Ängsten begegnet sind. Betasten. Ich fragte mich, warum ein Mensch, der als Kind alleine die Shoah überlebt hat, vierzig Jahre geschwiegen hat. Und warum wurde auch in meiner Familie die Legendentusche über Geschichten gestrichen? Noch einmal der Familie zuzuwenden und zu fragen: Was wart ihr für Menschen? Denn Evas Wirklichkeit in diesem Land der 50-er und 60-er Jahre ist eben auch auf die Wirklichkeit meiner Großeltern getroffen.

Sie haben mit Eva nicht über Vergebung geredet. Warum?

Wenn man als Kind seine ganze Familie im KZ verloren hat, wenn man dabei war, wie der Vater deportiert wurde und wenn man dann noch bis vor zwei Jahren darauf gewartet hat, dass die Mutter oder der Bruder noch zurückkommen, ging es eher um den Schmerz des Verlustes, als um den der Vergebung. Ich glaube, es gibt kein Trostpflaster für den Schmerz, der Menschen wie Eva angetan wurde. Die alles verloren haben. Das Grundvertrauen in Menschen. Eva hat erlebt wie es ist, wenn Menschen vergessen ein Mensch zu sein. Darüber haben wir gesprochen. Dann zu vergeben ist schwierig. Ich glaube, sie hat dann auch einen sehr großen Schritt gewagt. Sie ist in das Land der Täter zurück gekommen. Sie hat zwei Kinder hier groß gezogen und lebt noch in diesem Land. Sie hat das Bundesverdienstkreuz bekommen. Ich glaube, da sind ihre Taten noch sehr viel deutlicher als das, was wir hier an Worten finden können.

Im christlichen Glauben ist Vergebung ein zentrales Anliegen, ein zentrales Motiv. Was bedeutet Vergebung für Sie?

Ich bin weder ein gläubiger Mensch noch Theologin. Vergebung ist für mich erst einmal eine Reise in das Wissen wollen gewesen. Eine Reise auch des Mitspielens des Gegenübers mir Antworten zu schenken, wenn ich neugierig frage, was damals eigentlich los war. Wie waren die Nächte im Bombenkeller, wie ist das, wenn man als Kind ins KZ geschickt wurde, wie ist das, wenn das Mutterkreuz jahrelang neben einem in der Nachttischschublade liegt und nie darüber gesprochen wird. Vor der Vergebung brauchte ich Antworten. Dann ist das ein Prozess. Vergebung ist der Anfang einer langen Reise.

Sind Sie ein religiöser Mensch?

Nein. Ich bin kein religiöser Mensch, ich brauche die reale Begegnung der Auseinandersetzung des Fragen stellens, der Antworten, und der unmittelbaren Emotionalität. Ich weiß nicht, ob sich alle die Menschen vergeben können, die weg geschaut haben, die mitgelaufen sind und heute wieder xenophob oder homophon hetzen und reagieren, oder applaudieren, wenn Flüchtlingsheime brennen. Ich weiß nicht, ob diese Menschen vergeben können. Wir haben alle in unserem Alltag Situationen, Christen und Juden und Muslime, in der wir uns fragen müssen, welches Handwerkszeug uns die jeweilige Religion dazu mitgibt, menschlich zu handeln. Oder unsere Mitmenschen an mitmenschliches, warmherziges Handeln zu erinnern.

Gibt es aus ihrer Sicht ein geeignetes Imprägniermittel gegen Antisemitismus, gegen Rassismus und Homophobie?

Empathie. Es geht letztlich nur über Schritte der Menschlichkeit. Alles ist ein Zufall. Wo wir geboren wurden, in welchen Land, welche Eltern , welche Hautfarbe, Religion man hat … das kann sich keiner aussuchen - und wir hätten genau so gut der andere sein können. Von daher ist es so absurd einen Menschen zu verurteilen, der eine andere Hautfarbe hat, eine andere Religion, eine andere Kultur. Wäre ich in einem Kriegsgebiet zur Welt gekommen oder in einer Dürreregion, dann würde ich doch auch versuchen, meine Familie zu retten, die Flucht ergreifen und einen sichereren Ort zu suchen. Fluchtgeschichten gehören zum Menschsein dazu. Das kennen wir aus dem Christentum, das kennen wir vom Judentum, das kennt man aus so vielen Religionen. Mein Imprägniermittel ist einfach: Nie schweigen. Die Stimmen des Hasses sind momentan sehr laut. Die Stimmen der Liebe, der Empathie und des Miteinanders - das was Religion im Kern ausmacht - die müssen auch endlich wieder lauter werden. Momentan besetzen die anderen den Raum. Wo sind unsere Stimmen?

Wie schaffen wir es, die Erinnerung an die Verbrechen aufrecht zu erhalten, wenn die Zeitzeugen schwinden?

Die Zeitzeugin, die ich befragt habe, war auf der Opferseite. Es gab und gibt ja noch genügend Zeitzeugen auf der Täterseite. Da wäre es auch gut gewesen, wenn die auch noch mehr erzählt hätten. Es wird neue Wege geben müssen, um neue Generationen für die Anfänge von Gewalt zu sensibilisieren. Wir werden dazu eine neue Sprache finden müssen.

Hätten Sie während der Nazizeit dem System widerstanden?

Der Frage bin ich auch im aktuellen Buch nachgegangen. Wer wäre ich gewesen in dieser Zeit? Das kann keiner von uns sagen. Ich war nicht in der Zeit. Ich bin aber neugierig aus einer anderen Zeit heraus zu wissen, wie funktioniert das und welche Schlüsse gibt es, um Gewalt heute, oder Anfänge von Gewalt und Sündenbocktheorien zu vermeiden. Natürlich hat man Angst vor der eigenen Feigheit. Dass man eben auch ein schweigender Mitläufer gewesen wäre, ein Duckmäuser. Es gab Millionen Menschen, die das getan haben. Meine Großeltern gehörten dazu. Es gab aber auch Menschen, die anders gehandelt haben. Deswegen können die Millionen nicht sagen, es wäre nicht möglich gewesen. Wir kennen genug Beispiele. Denken Sie die Geschwister Scholl. Es gab viele, die einfach geholfen haben. Meine Schwiegereltern haben so überlebt, weil Oskar Schindler geholfen hat. Ich hoffe, ich wäre einer derjenigen gewesen, die geholfen hätte.

Der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hat an die Kultusminister der Länder appelliert, Besuche von Gedenkstätten und Konzentrationslagern mit in den Lehrplänen zu verankern. Was halten Sie von dem Gedanken?

Ich glaube, es kann nie schaden, wenn man an Orte geht, an denen man sich erinnert, wo der Mensch vergessen hat, ein Mensch zu sein. Wir erleben aktuell wieder viele Anfänge von Gewalt. In Ungarn regiert ein offener Antisemit. In Paris wird eine alte Dame niedergestochen, weil sie Jüdin ist. Kinder werden an Schulen gemobbt, weil sie Juden sind. Vor den jüdischen Einrichtungen steht noch immer Polizeischutz. Damit rechtsradikale und islamistisch motivierte Gewaltkreisläufe endlich durchbrochen, Voruteile endlich abgebaut werden, gemeinsam an einen Ort zu gehen, an dem man sich erinnert, kann dass das einer von vielen Wegen sein, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Warum gibt es Kriege, warum gab es Deportation, was macht die Bevölkerung der Mehrheitsgesellschaft. Hat sie weggeschaut? Hat sie die Züge gefahren, die Nummern in den Arm gebrannt? All diese Spuren sind über die Generationen in unserem Land miteinander verwoben. Ich glaube, dass ein Besuch eine sehr emotionale Reise sein kann. Geschichte ist Familiengeschichte. Dies könnte einen Platz haben an Schulen.

Wie wollen Sie ihre Söhne an das Thema heran führen?

Der Großvater unserer Kinder hat auf Schindlers Liste gestanden. Wir haben beides in unserer Familie. Es gibt Täter und Opfergeschichten. Das wird in der Familie offen im Dialog thematisiert. Ich bin selber lange genug als Kind unter das Schweigen, was unter die Familienteppiche gekehrt wurde, über die abgeschnittenen Biografien gestolpert. Ich wollte so nicht werden und wissen, was meine Großeltern für Menschen in dieser Zeit waren. Darüber haben sie nie gesprochen. Diesen Fehler werden wir als Eltern nicht machen. Dafür sind wir auch ein zu kommunikativer Haushalt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Norbert Schäfer.

Bärbel Schäfer: „Meine Nachmittage mit Eva: Über Leben nach Auschwitz", Gütersloher Verlagshaus, 224 Seiten, ISBN: 978-3579086859

Bärbel Schäfer: „Meine Nachmittage mit Eva: Über Leben nach Auschwitz", Gütersloher Verlagshaus, 224 Seiten, ISBN: 978-3579086859

Bärbel Schäfer hat als Moderatorin von TV- und Hörfunksendungen Bekanntheit erlangt und wurde mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet. Die Journalistin hat mehrere erfolgreiche Sachbücher zu gesellschaftlichen Themen veröffentlicht. In ihrer Radio-Sendung, die sonntags auf hr3 gesendet wird, empfängt sie jeweils einen Gast zu Gesprächen. Sie lebt in Frankfurt am Main.

Von: Norbert Schäfer

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