Heiles Familienleben: Jedes weitere Kind erhöht laut einer Bertelsmann-Studie das Armutsrisiko der Familien

Heiles Familienleben: Jedes weitere Kind erhöht laut einer Bertelsmann-Studie das Armutsrisiko der Familien

Kinderreiche Familien häufiger von Armut bedroht als andere

Familien sind finanziell häufig schlechter gestellt als bisher angenommen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. Besonders bei kinderreichen Familien ist das Armutsrisiko demnach größer als gedacht. Unumstritten sind diese Ergebnisse nicht.

Die Entscheidung für Familienzuwachs ist nicht zuletzt eine finanzielle Frage: Das Armutsrisiko von Familien erhöht sich mit jedem weiteren Kind. Das geht aus einer Studie der Bertelsmann-Stiftung hervor, die am Mittwoch veröffentlicht wurde. Danach waren im Jahr 2015 13 Prozent der Paare mit einem Kind armutsgefährdet, rund jedes sechste Paar (16 Prozent) mit zwei Kindern und fast jedes fünfte (18 Prozent) mit drei Kindern.

Der Studie zufolge gelten Haushalte als arm, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens aller Haushalte beträgt. Die Studie stützt sich auf Zahlen des Statistischen Bundesamts und des Sozioökonomischen Panels (SOEP). Aus Sicht der Forscher der Universität Bochum, die die Studie durchgeführt haben, sei das Armutsrisiko von Familien damit deutlich höher als bislang angenommen.

Garantiertes Existenzminimum für Bedürftige

Bundesfamilienministerin Katarina Barley (SPD) bezeichnete Kinderarmut gegenüber der Nachrichtenagentur dpa als „eines der drängendsten Probleme in unserem Land“. Künftig will die Koalition das Kindergeld um 25 Euro im Monat erhöhen. Auch der Kinderzuschlag für Einkommmensschwache soll erhöht werden, der bedürftigen Kindern ein garantiertes Existenzminimum sichern soll.

Die Opposition kritisierte diese Maßnahmen: Mit der Erhöhung von Kindergeld und Kinderfreibetrag sei es nicht getan, sagte Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende der Grünen, am Mittwoch. Die nächste Bundesregierung müsse beherzt gegen Kinderarmut vorgehen. „Die Bundesregierung hat über Jahre Familien reicher gerechnet, als sie tatsächlich sind“, kritisierte Katja Kipping, Vorsitzende der Partei Die Linke. „Es gibt ein Mittel gegen Kinderarmut, es heißt Kindergrundsicherung.“

Auch das Kinderhilfswerk kritisiert die geplanten Maßnahmen als nicht weitreichend genug: Es brauche ein Bundeskinderteilhabegesetz, das Kindern und Heranwachsenden aus Familien in prekären Lebenslagen einen Rechtsanspruch auf Förderung und Teilhabe gibt, forderte Holger Hofmann, Bundesgeschäftsführer des Kinderhilfswerks.

Hartmut Steeb, Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, stimmt dagegen dem Tenor der Studie zu: „Allerdings dürfen wir in der Debatte nicht nur die Alleinerziehenden bedenken. Bei Familien mit mehr Kindern kommt hinzu, dass die sogenannte Vereinbarkeit von Beruf und Familie, für Mehrkinderfamilien schon logistisch nicht durchzuhalten ist, wenn die Kinder keinen Schaden nehmen sollen", sagte Steeb gegenüber pro. Das erweckt den Eindruck, als ob die Haupttätigkeit in der Familie nicht wirklich ein Beruf wäre, verweist Steeb auf die Forderungen der Deutschen Evangelischen Allianz zur Familienpolitik: „Sie sind zwar alt, aber leider immer noch hoch aktuell."

Methodische Diskrepanzen

Kritik äußerten die Bochumer Wissenschaftler an den Methoden der Armutsforschung. Mit der bisher verbreiteten OECD-Methodik würden arme Haushalte systematisch reicher gerechnet als sie sind und reiche systematisch ärmer, sagt Antje Funcke, Expertin für das Thema bei der Bertelsmann-Stiftung. Deswegen hätten die Forscher eine neue Berechnungsart angewandt.

Laut den Zahlen der Bertelsmann-Stiftung waren 2015 68 Prozent der Alleinerziehenden armutsgefährdet. Wenn bei dieser Frage die OECD-Methodik angewendet werde, sind es 46 Prozent. Zudem habe sich die Einkommensschere zwischen wohlhabenden und armen Familien viel stärker auseinander entwickelt als bislang angenommen.

Der Ruf nach einer neuen Methodik ist nicht unumstritten: „Die Diskussion um die Methodik wird seit den 90er Jahren geführt“, sagt der OECD-Experte für dieses Thema, Michael Förster. Methodische Diskussionen zu führen, hält er für einen Rückschritt. Der Trend der Bertelsmann-Studie sei aber sicherlich richtig, „wir kommen im Detail nur zu anderen Ergebnissen“. Die Stiftung fordert angesichts der neuen Studie ein größeren Gewicht auf die Bekämpfung von Armut zu legen.

Von: Johannes Weil/dpa

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