Clemens Schweiger ist Missionsleiter von Campus für Christus

Clemens Schweiger ist Missionsleiter von Campus für Christus

„Atmosphäre an Unis ist antichristlicher geworden“

Seit fünf Jahrzehnten ist Campus für Christus in Deutschland aktiv. Campus-Chef Clemens Schweiger spricht im Interview darüber, warum es heute keine Megaphon-Predigten mehr gibt, was Mission für ihn heute bedeutet – und wie der Wind an den Unis rauer wird.

pro: Campus für Christus ist 50 Jahre alt geworden. Welche Bilanz ziehen Sie?

Clemens Schweiger: Es gab vor allem drei Phasen. Als Campus gegründet wurde, war Aufbruchstimmung. Evangelisation mit vier einfachen Punkten war in der christlichen Szene neu. Und in einer politischer werdenden Zeit, in der die Studentenunruhen begannen, wurde auch der Glaube wichtiger. Die zweite Phase begann um die Konferenz Explo 1985 herum – eine Konferenz in 90 Städten auf der ganzen Welt. Deutschland sollte noch viel stärker mit dem Evangelium erreicht werden – und alles sollte einfach und verständlich erklärt werden. Unser Gründer Bill Bright hatte da einen wichtigen Input gegeben. Unser Traum war, eine Erweckung zu erleben.

Dazu ist es aber nicht gekommen.

Ja. Die Stimmung hatte sich verändert, einfache Konzepte waren out. Die Menschen wollten mehr. Seither sind die Angebote vielfältiger geworden. Und wir arbeiten nicht nur mit Studenten, sondern auch mit Sportlern, Musikern. Wir sind aktiv beim Thema Ehe und Familie und haben zunächst mit „Aktion Hungerwinter“, heute GaiN, auch ein humanitäres Hilfswerk begonnen. Die dritte Phase läuft für mich seit etwa zehn Jahren. Menschen suchen mehr Halt und Orientierung. Gute Programme und gelebte Spiritualität kommen gut an. Studentengruppen wachsen überraschend.

Grundsätzlich ist Campus aber eine Missionsorganisation.

Das kann man so sagen, ja.

Wie sieht das konkret aus? Verteilen Sie Traktate? Stellen Sie sich vor der Universitätsbibliothek auf eine Bananenkiste und rufen mit Megaphon zur Bekehrung auf?

(lacht) Zu Anfangszeiten war das wirklich so! Heute sind die Zeiten aber anders. Normalerweise läuft Evangelisation bei uns über Freundschaften und Beziehungen. Aber wir sprechen Leute auch in der Cafeteria an, zum Beispiel mit den Bilder-Karten „Soularium“. Studenten sind ja diskutierfreudig und reden gerne über Lebensfragen. Manche Gruppen organisieren auch Veranstaltungen.

Auf Ihrer Homepage steht, dass Sie das Wort „Mission“ aber möglichst vermeiden wollen. Warum?

Natürlich wollen wir, dass Menschen Jesus kennenlernen. Das ist Mission – Punkt. Manche denken bei Mission aber sofort an Fundamentalismus, an Reaktionäres. Wir wollen unseren Kritikern nicht viel Angriffsfläche geben und gebrauchen den Begriff seltener.

Welche Erfahrungen haben Sie denn damit gemacht?

An den Universitäten ist die Atmosphäre deutlich antichristlicher geworden. Wir bekommen als christliche Organisation kaum noch Räume. Früher gab es eingetragene Hochschulgruppen. Offiziell ist das auch heute noch möglich, aber nicht für uns.

Warum?

Die Argumentation ist: Dann müssten wir den Muslimen und sogar den Islamisten ja auch ein Forum bieten. Der christliche Glaube wird ins Private gedrängt – und deswegen habe er an der Uni nichts zu suchen.

Gelten diese Einschränkungen auch zum Beispiel für die Evangelische Studierendengemeinde, die es in vielen Uni-Städten gibt?

Nein, die Kirchen haben einen anderen Status.

Die einen dürfen, die anderen nicht: Fühlen Sie sich diskriminiert?

Rechtlich stehen die Universitäten auf einem schwachen Fuß. Religiöse Bildung ist Teil des Bildungsauftrags auch an den Unis. Wir hoffen, dass wir bald eine juristische Aussage von den Landesregierungen bekommen, dass religiöse Bildung auch durch Gruppen wie Campus für Christus, die nicht zu einer Kirche gehören, betrieben werden kann.

Auf einer Couch in der Gießener Innenstadt diskutierten Campus-Mitarbeiter mit Menschen über den Glauben

Auf einer Couch in der Gießener Innenstadt diskutierten Campus-Mitarbeiter mit Menschen über den Glauben

„Wir sind beschenkt von Gott, und das wollen wir weiterschenken“

Die Gesellschaft wird zunehmend säkularer. Ist eine christliche Studentengruppe denn noch zeitgemäß?

Unbedingt! Mehr denn je! Christus ist das Licht der Welt. Die Welt wird dunkler, umso mehr braucht die Welt das Licht. Die Leute wissen heute kaum noch etwas über die Bibel. Und in Kirche und Schule wird auch nicht vermittelt, dass man ganz konkret im Alltag mit Gott rechnen kann, dass er auf Gebet antwortet. Ich habe das zumindest nicht erlebt.

Die Zentrale von Campus für Christus ist in Gießen. Zum 50. Geburtstag von Campus haben Sie in der Stadt 50 Geschenke verteilt. Was war das zum Beispiel?

Das waren viele Aktionen aus verschiedenen Bereichen, zum Beispiel Kunst oder humanitäre Hilfe: Päckchen mit Hilfsgütern packen, wir haben Leuten an den Bahnhöfen Kaffee und Wasser geschenkt, wir haben unsere Mitarbeiter an Firmen verliehen, die dort kostenlos geholfen haben. In unserem Bibelmarathon in der Innenstadt haben 120 Menschen die ganze Bibel am Stück innerhalb einer Woche durchgelesen. Und wir hatten ein Elektropop-Konzert für Jugendliche. Natürlich haben wir auch über Glauben gesprochen, auf einer Couch in der Fußgängerzone. Da haben die Leute gern mitgemacht.

Wie sind die Aktionen angekommen?

Durchweg positiv. Wir wollten damit zum Ausdruck bringen: Wir sind beschenkt von Gott, und das wollen wir weiterschenken. Ein Taxifahrer konnte es gar nicht glauben, dass wir ihm eine Tasse Kaffee kostenlos gegeben haben. Normalerweise kriegt man heute nichts geschenkt, zumindest nicht ohne Hintergedanken. Unser einziger Hintergedanke war: Gott groß machen. (pro)

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Nicolai Franz. (pro)

Von: nf

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