Frank Richter hält es für bedenklich, dass viele Menschen im politischen Diskurs die Wirklichkeit nicht mehr an sich heranlassen und lieber ihren Gefühlen folgen

Frank Richter hält es für bedenklich, dass viele Menschen im politischen Diskurs die Wirklichkeit nicht mehr an sich heranlassen und lieber ihren Gefühlen folgen

„Nächstenliebe und Respekt sind Software der Gesellschaft”

Als Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung vermittelte Frank Richter in aufgeheizter Stimmung zwischen „besorgten Bürgern“, Pegida-Anhängern und ihren Kritikern. Jetzt will der Theologe Oberbürgermeister von Meißen werden. In einem pro-Interview erklärte er, was die Gesellschaft im Innersten zusammenhält und warum es dabei auf jeden Einzelnen ankommt.

Das Interview erschien erstmals im Januar 2017. Aus aktuellem Anlass veröffentlichen wir es noch einmal.

pro: Stichwort Frieden: Wie schätzen Sie die Lage ein? Sind wir noch ein friedliches Land, oder droht der innere gesellschaftliche Frieden zu kippen?

Frank Richter: Die Welt ist an vielen Stellen aus den Fugen. Staaten zerfallen oder implodieren. Die Zahl und die Härte der kriegerischen Auseinandersetzungen nehmen zu. Gewalt zeigt sich in einer archaischen Weise. Denken Sie nur an das, was uns von den Gräueltaten des sogenannten Islamischen Staates berichtet wird. Wir bewegen uns hinsichtlich der Friedlichkeit unserer Welt auf einer Rutschbahn nach unten.

Hat das heute eine andere Qualität als zu anderen Zeiten?

Das alles hat es sicher auch schon früher gegeben. Heutzutage wird es mittels der modernen Kommunikationsmöglichkeiten frei Haus geliefert. Wenn es einen Anschlag in Paris gibt, dann weiß das binnen weniger Minuten ganz Europa. Wenn jemand im Zug nach Würzburg erstochen wird, dann geschieht das zwar in Bayern, aber man erfährt davon in Sachsen genau so schnell wie in Bayern. Die Macht der Bilder ist stark. Sie lösen stärkere Emotionen und größere Ängste aus als Worte. Dass die Krisen der Welt auch in unser Land kommen – mitsamt ihrer zerstörerischen Kraft –, verunsichert uns. Das Weltgeschehen ist unübersichtlich. Viele Menschen haben Angst.

Rührt daher auch die Aggression, die man im Internet, in der Rhetorik in öffentlichen Debatten oder auch auf der Straße wahrnimmt?

Hass kommt in der Regel aus angestauter Wut. Diese rührt aus einer Erfahrung von Ohnmacht und Überforderung – „Ich kann mich nicht mehr wehren; ich verstehe das alles nicht mehr.“ – Auf Dauer hält ein Mensch das nicht aus. Die negativen Gefühle äußern sich als hasserfülltes Reden und Tun gegen andere, vornehmlich gegen die Schwächeren. Das ist eine fatale Entwicklung.

„Zusammenhalt ist unser aller Aufgabe”

Ist Frieden nur eine Utopie?

Ja, Frieden ist eine Utopie. Frieden ist aber auch ein Ideal, ein Wert, der das Zusammenleben der Menschen bestimmt. Weder die Utopie noch der Wert noch das Ideal werden jemals vergehen. Insofern ist der Frieden sehr real. Es ist eine Ursehnsucht der Menschen, dass es friedlich zugeht, dass wir uns gegenseitig aushalten und ertragen, dass wir uns freundlich und nicht gewalttätig begegnen, dass es gerecht zugeht, dass möglichst alle gut leben können. Diese Sehnsucht kann nicht sterben, solange wir leben. Deswegen werden auch alle Kräfte, die sich um Frieden bemühen, immer wieder auferstehen. Da bin ich ganz sicher.

Wie ist es möglich, in der Gesellschaft den Frieden zu bewahren?

Ich plädiere dafür, unsere gesellschaftliche und politische Ordnung, die freiheitlich-demokratische Grundordnung wahrzunehmen und wertzuschätzen. Es ist die beste, die unser Land je hatte. Die Ordnung ist kein Problem, die Praxis schon. Ich erlebe auf allen Ebenen der Gesellschaft sehr viel Egoismus, Individualismus und Missbrauch dieser Ordnung, in dem Sinne: „Es geht mir nur um mich. Ich nutze die Ordnung der Gesellschaft aus, um meine eigenen Interessen durchzusetzen.“ Was wir brauchen, ist eine Besinnung auf den Ursprung und den Sinn von Gesellschaft.

Ich schätze das Wort des früheren Verfassungsrichters Wolfgang Böckenförde: „Der demokratische Staat steht auf Grundlagen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Was sind die Grundlagen? Respekt, wechselseitige Wertschätzung, Wahrhaftigkeit, Allgemeinwohlorientierung, Mitmenschlichkeit, Nächstenliebe, Solidarität. Das ist die „Software“, der Kern des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Den kann der freiheitliche Staat nicht selbst schaffen; dies ist nicht die Aufgabe von „denen da oben“. Es ist unser aller Aufgabe. Gesellschaftlicher Zusammenhalt wächst in der Kirche, er wächst in Gemeinschaften, überall dort, wo Menschen sich ihrer Werte bewusst werden und diese auch leben. Wenn uns das dauerhaft wegbricht, dann kann der Staat in Ordnung sein wie er will, er wird fundamental ins Rutschen kommen. Der innere Frieden wäre gefährdet.

„Wer die Wirklichkeit nicht an sich heranlässt, kann sie nicht positiv verändern.”

Was kann man konkret tun, um den Frieden zu stabilisieren?

Zuerst bedarf es einer wahrhaftigen Wirklichkeitswahrnehmung und Bestandsaufnahme dessen, was ist. Ich muss mir Rechenschaft ablegen über das, was ich sehe und was ich dann tue. Ich erlebe oft eine ausschließlich auf das eigene Interesse bezogene Wirklichkeitswahrnehmung; dass Menschen postfaktischen Argumentationen hinterherlaufen, also die Wirklichkeit gar nicht mehr an sich heran lassen, sondern ihre eigenen Stimmungen und Gefühle und Befindlichkeiten für die Wirklichkeit halten. Wer aber die Wirklichkeit nicht mehr an sich heran lässt, der kann sie auch nicht positiv verändern.

Welche Rolle spielt dafür der offene Diskurs?

Die größte Herausforderung in der politischen Bildung sind derzeit die sogenannten Echokammern: Es gibt viele Menschen, die kommunizieren ausschließlich mit Menschen, die ohnehin schon ihrer Meinung sind. Sie hören andauernd ihr Echo. Je länger das anhält, umso eher halten Menschen das, was sich in ihren Echokammern abspielt, für die einzige Wahrheit. Wir müssen Menschen aus solchen Echokammern befreien. Oft geht das nur im persönlichen Gespräch. Sie müssen sich lösen von ihren argumentativ verfestigten Positionen und mit anderen Positionen konfrontiert werden. Sie müssen die gegenteiligen ja nicht annehmen, sollten aber wissen, dass es auf jeden Gegenstand immer auch eine andere Perspektive gibt. Dies ist unverzichtbar für eine offene und demokratische Gesellschaft.

… und für eine Gesellschaft mit vielen Einwanderern?

Die Notwendigkeit zur Verständigung ist etwas Wertvolles, Verständigung über verschiedene Wahrnehmungen und Perspektiven auf dieselbe Sache. Das wird dann besonders deutlich, wenn sich Menschen aus unterschiedlichen kulturellen Räumen begegnen. Der eine aus dem Westen, der andere aus dem Osten. Der eine aus einer muslimisch geprägten Welt, der andere aus einer christlich geprägten Welt.

Können die Kirchen dabei helfen, Verständnis aufzubauen?

Christen können in ihrer Begegnung mit Flüchtlingen, die dem Islam angehören, auf ihre „religiöse Anschlussfähigkeit“ vertrauen. Viele Menschen im Osten Deutschlands sind religiös nicht anschlussfähig, in dritter oder vierter Generation areligiös. Das ist keine Bewertung, lediglich eine Feststellung! Der Osten Deutschlands ist eine der säkularsten Regionen der Welt. Im Osten erleben viele Menschen, dass etwas auf die Weltbühne zurückkehrt, von dem sie vor 30 oder 40 Jahren meinten, dass es ein für alle mal verschwunden sei. Mit den Flüchtlingen kommt wieder eine robuste Religiosität ins Land; auch das schafft eine gewisse Verunsicherung. Christen sind insofern im Vorteil, weil sie zur Religiosität der Flüchtlinge einen Zugang finden können, wenn sie denn wollen.

Vielen Dank für das Gespräch!



Zur Person: Frank Richter wurde 1960 in Meißen geboren und wuchs in Sachsen auf. Nach Abitur und Wehrersatzdienst als Bausoldat studierte Richter in Erfurt Philosophie und Theologie. 1987 wurde er in Dresden zum Priester geweiht und arbeitete bis 1994 als Kaplan und Domvikar in der sächsischen Landeshauptstadt. Zur Zeit der politischen Wende in der DDR gehörte Richter im Oktober 1989 zu den Gründern der „Gruppe 20“, die in Dresden mit den Behörden über politische Forderungen verhandelte.

Bis 2001 war Richter als Seelsorger und Pfarrer tätig, danach als Referent für Religion und Ethik am Sächsischen Staatsinstitut für Bildung und Schulentwicklung. Um heiraten zu können, schied Richter 2005 aus dem kirchlichen Dienst aus. Nach einem dreijährigen Intermezzo als Pfarrer der alt-katholischen Gemeinde in Offenbach/Main und einer Tätigkeit als Lehrer in Hessen kehrte Richter 2009 als Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung in seine Heimat zurück.

Von Februar 2017 bis Ende Juli 2018 war Richter Geschäftsführer der Stiftung Frauenkirche in Dresden. Im September 2018 trat Richter als parteiloser Kandidat zur Wahl des Oberbürgermeisters in Meißen an. Im ersten Wahlgang konnte sich Richter mit 36,7 Prozent der Stimmen gegen Amtsinhaber Olaf Raschke (32,5 Prozent) behaupten. Die Stichwahl findet am 23. September statt.

Die Fragen stellten Norbert Schäfer und Jonathan Steinert

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