Zu verschiedenen Entwicklungen in der Christenverfolgung stand der Geschäftsführer von Open Doors, Markus Rode, pro Rede und Antwort
Zu verschiedenen Entwicklungen in der Christenverfolgung stand der Geschäftsführer von Open Doors, Markus Rode, pro Rede und Antwort

„In Afrika findet ein regelrechter Genozid an Christen statt“

Der Geschäftsführer des christlichen Hilfswerks Open Doors, Markus Rode, sagt, Deutschland solle sich nicht nur für die Religionsfreiheit anderer Länder einsetzen, sondern sich auch intensiv mit der eigenen beschäftigen. Im Gespräch mit pro äußert er sich außerdem zu der Kritik an einer Open-Doors-Erhebung und was der Einzelne gegen die weltweite Christenverfolgung tun kann.

Herr Rode, was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen, wenn Menschen im Westen verfolgten Christen helfen wollen?

Markus Rode: Christen hier benötigen Informationen zur Situation verfolgter Christen, um sich mit ihnen und ihrem Leid identifizieren zu können. Verfolgte Christen haben in den meisten Verfolgungsländern kaum Möglichkeiten, sich öffentlich zu artikulieren und leben oft im Untergrund. Wenn man mit ihnen unmittelbar in Kontakt treten möchte, birgt das oft hohe Risiken für die Betroffenen. Diese Barrieren sind nicht leicht zu überwinden. Aus diesem Grund versuchen Werke wie Open Doors, Brücken zwischen den Christen im Westen und verfolgten Christen zu bauen. Darüber können dann Informationen, Ermutigung und Hilfe fließen und Christen hier haben direkten Einfluss auf die Situation ihrer verfolgten Glaubensgeschwister. Und durch die Flüchtlingskrise sind Gemeinden jetzt auch in Deutschland aktiv dabei, Flüchtlingen zu helfen.

Open Doors tut einen Dienst für die verfolgten Christen weltweit. Wie erfolgreich sind Sie dabei?

Der Gründer von Open Doors, Bruder Andrew, wurde einmal gefragt, ob die eigene Arbeit etwas bewirkt habe, da die Situation der Christen ja immer schlimmer geworden sei. Seine Gegenfrage war: Was wäre, wenn Open Doors diesen Dienst nicht getan hätte?“ Gerade wegen der zunehmenden Christenverfolgung müssen wir unseren Dienst noch weiter ausbauen, damit unsere Glaubensgeschwister immer wieder ermutigt und getröstet werden und ihren Glauben nicht verlieren. Doch das können wir nur gemeinsam mit den Christen tun, die sich als Leib Christi mit verfolgten Christen verbunden fühlen.

Wie sieht das konkret aus?

Wir schulen die Menschen und bilden sie aus. Wir haben eine weltweit verzweigte Untergrund-Bibelschule. Wir bilden neue Leiter aus und bereiten die bedrängten Gemeinden auch auf die Begleiterscheinungen einer zunehmenden Islamisierung vor, und wie sie nach biblischem Vorbild darauf reagieren. Darüber hinaus kümmern wir uns um existenzielle Nöte der Christen. Wir geben Rechtsbeistand und sind für Politiker und politische Institutionen Ratgeber. Wir sind keine klassische Menschenrechtsorganisation, sondern ein geistlicher Dienst. Wir stärken die verfolgte Kirche, damit sie das Evangelium weitergibt und viele Menschen mit dieser frohen Botschaft erreicht. Und natürlich helfen wir den Christen in den Krisenregionen auch immer, damit sie diese Hilfe auch mit Bedürftigen teilen, unabhängig von ihrer Religion. Dabei werden die Prioritäten unseres Dienstes immer in Abstimmung mit den verfolgten Christen gesetzt.

Im Mai haben sie eine Erhebung zur Situation von Christen in Flüchtlingsheimen vorgelegt, die nicht unumstritten war. Sind die Zweifel daran ausgeräumt?

Wir haben die Methodik sauber beschrieben und die religiös motivierten Übergriffe auf Basis von Interviews mit den Betroffenen sauber dokumentiert. Von einem Journalisten einer großen Zeitung wurde die Erhebung pauschal als unseriös bezeichnet. Die Berichte der Betroffenen wurden hinsichtlich ihres Wahrheitsgehalts bezweifelt und damit alle Opfer dieser oft brutalen Übergriffe pauschal als Lügner unter Generalverdacht gestellt. Hier haben offensichtlich politische Ziele mehr Gewicht gehabt als die dramatische Situation der Betroffenen. Seriöser Journalismus sieht anders aus. Damit hat der Redakteur den Betroffenen einen Bärendienst erwiesen. Betroffen war ich nicht wegen Kritik an Open Doors, sondern wegen der christlichen Flüchtlinge, die schon soviel Leid erlebt haben und jetzt wie in ihren Herkunftsländern auch in Deutschland als Lügner dargestellt werden.

Sie haben dann noch viele weitere Übergriffe dokumentiert.

Ja, damit haben wir unsere erste Erhebung erweitert, untermauert und die von Kritikern veröffentlichen Zweifel widerlegt. Die auf 743 erweiterte Anzahl der dokumentierten religiös motivierten Übergriffe ändert nichts an der Kernaussage der Erhebung. Christen, aber auch Jesiden, wurden so brutal behandelt, dass wir schnell handeln und dabei sauber dokumentieren mussten. Entscheidend ist, dass wir diesen Christen zur Seite stehen und ihren Schutz weiterhin einfordern, denn die Übergriffe finden nicht mehr nur in den Asylheimen statt, sondern sie haben sich bereits auf die Straße verlagert.

Wo sehen Sie für die Zukunft den größten Handlungsbedarf für Ihr Werk?

In Deutschland sind wir gerade dabei, eine „Flüchtlingshelfer-Datenbank“ zu erstellen, auf die Gemeinden zugreifen können, um in Flüchtlingsangelegenheiten Hilfe von christlichen Experten zu erhalten. Wir wollen auch christliche Rechtsanwälte vernetzen, die in den derzeit willkürlichen Abschiebe-Prozessen gegen christliche Konvertiten helfen könnten. Wir wollen transparent darstellen, wie Christen helfen können und zudem die Politiker weiterhin für das Thema sensibilisieren.

Und wie sieht die Situation weltweit aus?

Weltweit hat das Level und die Schärfe der Verfolgung von Christen zugenommen. Im Mittleren Osten findet ein regelrechter Exodus statt. In der Ninive-Ebene haben viele keine Hoffnung mehr, jemals in ihre zerbombten Häuser zurückzukehren. Auf der anderen Seite gibt es Lichtblicke. Mehrere hundert christliche Jugendliche aus den Kurdengebieten haben sich kürzlich zu einer Hoffnungskonferenz getroffen. Sie sind bereit für einen Neuanfang. Wir wollen ihnen dabei helfen und appellieren an die Politiker, die befreiten Städte in der Ninive-Ebene bei Mossul zügig wieder aufzubauen. Das wäre auch ein Hoffnungszeichen für syrische Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren.

Das ist doch eine Herkulesaufgabe, oder?

Ja, aber mit Gott ist nichts unmöglich. In Afrika ist die Situation noch schlimmer als im Mittleren Osten. In den Nuba Bergen im Sudan, wo viele Christen leben, findet derzeit ein regelrechter Genozid statt, über den in den Medien einfach nicht berichtet wird. Die Flugzeuge der islamistischen Regierung zerbomben Kirchen, christliche Schulen und Krankenhäuser, um diese Gegend von Christen zu säubern. Es wird nur etwas dagegen unternommen, wenn die Medien diese unfassbare Situation aufgreifen und die Öffentlichkeit dort hin schaut. Auch hier sind die westlichen Politiker gefordert, die die Regierung des Sudan mit Entwicklungshilfe unterstützen.

Was kann jeder Einzelne tun, um Christen in Not zu helfen?

Leider können wir uns in dieser Frage nicht auf die Regierungen und die Staatengemeinschaft verlassen. Jeder einzelne Christ, aber auch Gemeinden können helfen, die Betroffenen zu ermutigen und in ihrem Glauben zu stärken. Auch gerade christliche Politiker haben es oft nicht leicht, das Thema aufzugreifen, wenn es um Christen geht. Umso mehr haben wir als Christen die Verantwortung, uns als Teil des Leibes Christi hier einzusetzen. Open Doors kann helfen, Brücken zu bauen. Wenn diese Brücken nicht intensiv von uns Christen genutzt werden, bleibt der Dienst von Open Doors jedoch nur eine leere Hülle.

Für wie viele Jahre reicht ihre Energie noch als Chef von Open Doors?

Ich halte mich an das Bibelwort „Die auf den Herren hoffen, ermüden nicht.“ Mit meiner eigenen Motivation und Kraft wäre ich schon längst am Ende, wenn ich die Dunkelheit und Grausamkeit in dieser Welt sehe. Aber ich weiß, dass Jesus den Sieg errungen hat, der wirklich Bestand hat. Deswegen sehe ich meine Aufgabe nicht als Job, sondern als Berufung.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Johannes Weil. (pro)

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