Das Mehrgenerationenwohnprojekt sieht von außen wie eine ganz normale Wohnanlage aus
Das Mehrgenerationenwohnprojekt sieht von außen wie eine ganz normale Wohnanlage aus
WeiterRaum heißt das Projekt in Wetzlar, in dem zurzeit 31 Personen aus den unterschiedlichen Generationen leben
WeiterRaum heißt das Projekt in Wetzlar, in dem zurzeit 31 Personen aus den unterschiedlichen Generationen leben
Michael Stollwerk (Mitte) hat gemeinsam mit Volker Bednarz das Projekt vorangebracht
Michael Stollwerk (Mitte) hat gemeinsam mit Volker Bednarz das Projekt vorangebracht

Alle unter einem Dach

Zusammen ist man weniger allein. Was für die Protagonisten des gleichnamigen Filmes gilt, trifft auch auf die Bewohner des „WeitenRaums“ in Wetzlar zu: ein Haus auf christlichem Fundament, in dem mehrere Generationen wohnen und Leben teilen – ohne dass sie miteinander verwandt sind. Während traditionelle Familienmodelle an Bindungskraft verlieren, sind Formen gemeinschaftlichen Wohnens in den vergangenen Jahren immer beliebter geworden.

Das Haus, in dem Volker Bednarz wohnt, macht neugierig. Immer wieder kommen Besucher hierher, um es sich anzuschauen. Heute ist ein Hauskreis aus dem Nachbarort zu Gast, der sich über das Wohnprojekt informieren möchte – das Mehrgenerationenhaus „WeiterRaum“ in Wetzlar. Bednarz, der bei einem christlichen Medienunternehmen arbeitet, ist einer der Initiatoren und Antriebsmotoren für das Projekt in der mittelhessischen Stadt. Der Wohnkomplex verfügt über unterschiedliche Wohnungen, vom kleinen Appartement bis zur geräumigen 115-Quadratmeter-Wohnung. 14 Parteien haben dort Platz. Auf dem Rasen und den mit Natursteinmauern eingefassten Beeten vor und hinter dem Haus beginnen die Pflanzen zu sprießen. Die großflächige Anlage fügt sich nahtlos in die Wohngegend ein.

31 Menschen zwischen einem halben und 75 Jahren füllen den „WeitenRaum“ mit Leben. Sie wohnen nicht nur hier, sondern verbringen auch einen Teil ihrer Freizeit zusammen. Die Hausgemeinschaft ist das tragende Element in diesem Wohnprojekt. Die Bewohner, von denen die meisten vor zwei Jahren eingezogen sind, haben unterschiedliche Hintergründe. Für das Ehepaar Kühn, sie ist 58 Jahre und er 64 Jahre alt, etwa war solch ein Projekt in der Lebensplanung gar nicht vorgesehen. Sie wollten eigentlich den Lebensabend in ihrem eigenen Häuschen verbringen. Die Bedürfnisse der letzten Lebensphase änderten ihre Meinung. „Es ging nicht darum, schön zu wohnen, sondern sein Netzwerk für diese Phase aktiv zu planen“, sagt Mechthild Kühn, die den Schritt zu keinem Zeitpunkt bereut hat. Die alleinstehende Lektorin Renate Hübsch (56) hat für sich eine Möglichkeit gesucht, „alleine zu leben, aber nicht isoliert“, und im „WeitenRaum“ die Lösung gefunden.

Wahlverwandtschaften

Wie viele Mehrgenerationen-Wohnprojekte es in Deutschland gibt, dazu liegen keine genauen aktuellen Zahlen vor. Insgesamt gebe es deutlich weniger altersübergreifende Projekte als Wohnformen für eine bestimmte Altersgruppe, erklärt Andrea Töllner, Sprecherin der Bundesvereinigung „Gemeinschaftliches Wohnen“. Ein Trend zum gemeinsamen Wohnen über Altersgrenzen hinweg sei dennoch ersichtlich. „Die Schwelle wird niedriger. Die Wohnungswirtschaft öffnet sich diesen Angeboten und stellt Projekte zur Verfügung. Die Menschen können mitmachen ohne lange Planungs- und Beteiligungsprozesse.“ Töllner ergänzt: „Natürlich ist es zum Teil so, dass Menschen diese Projekte als Familienersatz oder als Wahlverwandtschaften bezeichnen.“ Dies funktioniere aber nur, wenn die Projekte ausreichend groß seien und die Mitbewohner Aufgaben übernähmen, die sonst im familiären Rahmen erledigt wurden.

In Wetzlar haben seit 2008 acht Personen, darunter auch Magda Wüstner, das Projekt Christliches Mehrgenerationenhaus forciert. Vorbild war die Alters-Wohngemeinschaft des ehemaligen Bremer Bürgermeisters Henning Scherf (SPD): „Die leben das richtig toll“, fand Wüstner. Die Idee, Leben in dieser Wohnform mit anderen zu teilen, machte sie zu ihrem Herzensanliegen und gewann die Mitstreiter dafür. Bis das Projekt umgesetzt werden konnte, war viel Geduld gefragt. Bauherr war die regionale Wohnungsgesellschaft. Sie stellte das Geld für die Investition zur Verfügung. Der eigens dafür gegründete Verein „WeiterRaum“ beteiligte sich an der baulichen Planung und lieferte die Ideen zur inhaltlichen Gestaltung des Wohnprojektes. Er ist auch dafür zuständig, die Wohnungen zu belegen. Wer einziehen möchte, muss Mitglied werden.

In aller Freiheit

Dem Theologen Michael Stollwerk ist es wichtig, dass sich die Bewohner auf eine gemeinsame Basis einlassen: „Schon in der Vereinssatzung haben wir als Fundament unserer Gemeinschaft das christliche Menschenbild festgeschrieben.“ Aus ihrer religiösen Überzeugung haben die Initiatoren von Anfang an keinen Hehl gemacht. „Potenzielle Bewohner müssen das ertragen können. Unser Schirm ist aber weit gespannt“, sagt Stollwerk. So beginnt die zweimonatliche Mitgliederversammlung mit Andacht und Gebet, und auch bei gemeinsamen Mahlzeiten ist das Tischgebet ein fester Bestandteil. Zweimal pro Woche treffen sich einige zum gemeinsamen Beten. „Dies soll aber kein Gemeindeersatz sein“, betont Stollwerk. Aktuell kommen viele der Bewohner aus Landes- und Freikirchen sowie der Katholischen Kirche. Aber manche fühlen sich konfessionell auch nicht gebunden.

Die Bewohner schätzen die Möglichkeit, miteinander zu leben, inklusive der Freiheit, unter diesem gemeinsamen geistlichen Schirm zu sein. Inwiefern der Einzelne am gemeinsamen Leben teilnimmt, bleibt ihm selbst überlassen. Wer möchte, beteiligt sich an der Gestaltung: Alles kann, nichts muss. Denn jeder pflegt neben der Hausgemeinschaft sein eigenes soziales Netzwerk. Stollwerk selbst hatte sich noch ein bisschen mehr gemeinschaftliches Leben vorgestellt, bevor er dort eingezogen ist. Er hatte eher das Bild einer Kommunität vor Augen, „aber das musste ich schnell loslassen“. Den Einzug hat er trotzdem nicht bereut. Die Bewohner treffen sich immer wieder zu gemeinsamen Aktionen. Manche gehen gemeinsam wandern, andere treffen sich zum Spielen oder einfach zum Klönen im Garten. Im vergangenen Jahr hat die gesamte Hausgemeinschaft auf der Streuobstwiese einer Bewohnerin Äpfel gepflückt.

Meist ist das sehr spontan. Wer dabei sein möchte, ist herzlich eingeladen. Viermal im Quartal gibt es ein Café, zu dem die Nachbarn eingeladen sind. So wollen die Bewohner des „WeitenRaumes“ auch ins Stadtviertel hineinwirken. Wenn ein Kaffeetrinken im Gemeinschaftsraum oder auf dem Hof ansteht, wird eine formlose Rundmail oder eine Whatsapp-Nachricht geschrieben. Bei Kaffee und Kuchen oder abends am Grill werden persönliche Anliegen ausgetauscht. So sind neue Freundschaften entstanden. „Das macht und fördert die Gemeinschaft“, erzählen die Beteiligten. Jeder kann seine Ideen einbringen. Unter Druck gesetzt wird keiner, weil jeder die Frei- und Rückzugsräume wertschätzt.

„Kommunikation ist das A und O“

Der Jüngste im Haus ist Mattheo. Vor einem halben Jahr ist der Sohn von Anne Graf und ihrem Mann geboren. „Der kleine Mattheo ist unser Kind“, sagen aber auch die anderen Bewohner. Für Grafs haben die vielen Mitbewohner Vorteile: „Mattheo hat sehr viele Omas, Opas, Tanten und Onkels. Obwohl wir durch das Kind weniger flexibel sind, sind wir doch in eine tolle Gemeinschaft eingespannt“, sagt die junge Mutter. „Wir waren nicht von Anfang an bei der Entwicklung des Projekts dabei. Für uns als junge Familie standen andere Dinge im Vordergrund. Deswegen haben wir uns erst spät dafür entschieden, hier einzuziehen.“ Das Konzept des gemeinsamen Wohnens habe sie überzeugt.

Jeder Bewohner bringt sich in Diensten ein, die im Haus anstehen, oder hilft dem anderen bei den Dingen des täglichen Lebens. Pflege von Alten oder Kranken übernehmen die Bewohner aber nicht selbst, wollen allerdings bei Bedarf dafür sorgen, dass professionelle Hilfe ins Haus kommt. „Vielseitig begabte Menschen haben hier schlechte Karten. Wer technisch versiert ist oder Computer reparieren kann, darf oft helfen“, sagt Volker Bednarz mit einem Schmunzeln. Zwei Bewohner haben sich für ihre Aufgaben rund um das Haus – Putzen und Gartenarbeit – zu einer Dienstgemeinschaft zusammengeschlossen. Frei nach dem Motto: „Gemeinsam arbeitet es sich einfach besser.“

Konflikte scheinen rar gesät. Sie sollen nach Möglichkeit einmütig gelöst werden. Dabei bestehe in einer großen Gruppe die Gefahr, über Verletzungen hinwegzugehen, findet Stollwerk. Deswegen wird über manche Themen auch immer wieder diskutiert, um ein gutes Ende zu finden, mit dem jeder leben kann. Dabei geht es meist um praktische Fragen, wie den Besitz von Haustieren oder auch die Nutzung des großen Gemeinschaftsraums, der im Parterre allen Mietern zur Verfügung stehen soll. Auch die Ausgestaltung des Fitnessraums war lange Zeit Thema in den Besprechungen. Ist ein klärendes Gespräch im zwischenmenschlichen Bereich notwendig, ist Walter Kühn, der Mann von Mechthild Kühn, ein beliebter Ansprechpartner, weil er gut vermitteln kann. „Kommunikation ist das A und O“, sagt sie. Typische Konflikte zwischen den Generationen gebe es allerdings kaum.

Mit- und aneinander reifen

Nach zwei Jahren steht nun der erste Auszug an: aus beruflichen Gründen geht ein junges Paar nach Berlin. Angst vor fehlender Kontinuität haben die meisten Bewohner nicht: Die Menschen, die hierherkommen, gehen normalerweise mit einer gewissen Überzeugung heran und wollen längere Zeit dort bleiben. Für die Nachfolgeregelung hat der Verein eine Quote, die er einhalten möchte: „Eigentlich müssen es jetzt junge Leute sein, damit wir weiter auch mehrere Generationen hier haben“, erklärt Bednarz.

Helmut Bartak und Helga Cossmann, die seit 35 Jahren ein Paar und als 75-Jährige die Alterspräsidenten im Haus sind, freuen sich, wenn sie Kinder hören und es laut ist. „Dann ist Leben in der Bude. In meinem ganzen Leben war mir der Kontakt mit jungen Menschen wichtig. Wir lernen doch auch gegenseitig voneinander. Schauen Sie sich den Wohnkomplex an: Es sieht hier doch fast aus wie im Urlaub in Italien oder Spanien“, freut sich Cossmann. „Diese Gemeinschaft ist unbezahlbar.“ Volker Bednarz und Mechthild Kühn aus der „mittleren Generation“ genießen vor allem die Treffen und zufälligen Begegnungen, die natürlich im Sommer häufiger vorkommen als im Winter.

Mittlerweile bekommt Bednarz Anrufe von Interessierten aus ganz Deutschland, die Fragen zu dem Projekt haben, es sich anschauen oder Ähnliches durchführen wollen. Der Betrachter hat den Eindruck, dass die Generationen hier miteinander und aneinander reifen und dass dies ihnen gut tut. „Wir haben in dem gesamten Prozess ganz viele Wunder Gottes erlebt“, sind sich Bednarz und Stollwerk einig. Dies habe in der Bauphase begonnen, sich in der Zusammensetzung des „WeitenRaums“ fortgesetzt und werde heute in der Praxis erfahrbar. Bei Konflikten fragten sich alle, was der Gemeinschaft am ehesten diene. Das scheint ein erfolgreiches Rezept für die etwas andere 31er-Wohngemeinschaft zu sein. (pro)

Von: jw

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