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Christen geraten bei Protesten zwischen die Fronten

Seit Wochen kommt es bei Protesten gegen die kolumbianische Regierung immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften. Engagierte Christen sehen sich vermehrt als Ziel von Gewalt. Eine Menschenrechtsorganisation hat jetzt die Lage vor Ort untersucht.
Von PRO
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Protest, Demonstration, Kolumbien, Medellín
Ende April ist in Kolumbien ein Generalstreik in einen Dauerprotest ausgeartet. Hier in der Stadt Medellín.

Was Ende April als Generalstreik gegen eine Steuerreform begann, ist in einen Dauerprotest ausgeartet. Die kolumbianische Regierung hat die geplante Steuererhöhung, die vor allem die Mittel- und Unterschicht hart treffen würde, zunächst zurückgezogen. Doch der Aufstand geht weiter und die Demonstranten, zum Großteil jüngere Menschen, äußern tiefes Misstrauen und vielfältige Kritik gegenüber der amtierenden Regierung.

Berichte von Vermissten, Verletzten und Toten während der Proteste häufen sich, was die Demonstrationen nur weiter anfacht. Laut dem Friedensinstitut Indepaz kamen seit Ende April 70 Menschen durch die Proteste ums Leben. Hinweise auf unverhältnismäßige Gewaltanwendung der Sicherheitskräfte haben jetzt die Interamerikanische Menschenrechtskommission (CIDH) auf den Plan gerufen, die mit Präsident Iván Duque, Polizeivertretern und Angehörigen von Opfern gesprochen hat und die Todesfälle aufklären will.

Eine aktive Rolle als Vermittler zwischen verschiedenen Interessensgruppen im Konflikt nehmen Kirchen und christliche Organisationen ein. Die katholische Kirche hat Unterstützung zum Dialog zwischen der Regierung und dem Nationalen Streikkomitee angeboten. Anfang Mai trafen sich etwa 40 religiöse Vertreter verschiedenster Denominationen zu Gesprächen mit Präsident Duque. Pastoren von protestantischen Kirchen wollen den Jugendlichen zur Seite stehen, die unter anderem einen besseren Zugang zu Bildung und bessere Arbeitsbedingungen fordern.

Kirchenvertreter gehen aber auch mit auf die Straße und unterstützen den Widerstand auf friedliche Weise. Mitten unter den Demonstranten rief etwa eine Gruppe von Priestern und Pastoren zum gemeinsamen Gebet auf. Sie nennen sich die „erste ökumenische Frontlinie für Kolumbien“. Auf ihren Schildern war eine Zeichnung von Jesus mitsamt kolumbianischer Farben zu sehen. Ein Banner trug die Aussage „Jesus Christus ist die Antwort“ und zeigte den Bibelvers aus Johannes 15 Vers 15: „Denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“

Druck auf Christen nimmt zu

Doch durch ihr öffentliches Engagement machen sich Christen auch angreifbar. Nicht erst mit Beginn der Proteste waren und sind sie häufiges Ziel von Drohungen und Gewalt. Laut der Hilfsorganisation für verfolgte Christen Open Doors ziehe gerade der christliche Einsatz für Menschenrechte und gegen Korruption den Ärger von radikalen Gruppen und Kriminellen auf sich. Ein Problem sei auch der fehlende Schutz für Christen vonseiten der Regierung, außerdem würden Verbrechen häufig nicht aufgeklärt. Seit dem Friedensabkommen zwischen der kolumbianischen Regierung und der Guerilla-Bewegung FARC im Jahr 2016 sind laut einer Ermittlungsbehörde mehr als 900 Aktivisten ermordet worden.

Die Christenverfolgung in Kolumbien hat nach Angaben von Open Doors zugenommen. Der Weltverfolgungsindex 2021 stuft das Land auf Platz 30 von 50 insgesamt. Im Vorjahr lag es noch auf Platz 41. Neben Mexiko ist es das einzige Land in Südamerika, in dem Christen der Analyse zufolge starke Verfolgung erleiden. Die Triebkräfte sind vielfältig: neben kriminellen Gruppen gehören laut Open Doors auch indigene Stämme zu den Unterdrückern des christlichen Glaubens. Außerdem wachse die allgemeine Intoleranz gegenüber christlichen Ansichten zu gesellschaftspolitischen Themen, obwohl mehrerer Statistiken zufolge mehr als 70 Prozent der kolumbianischen Bevölkerung dem Christentum angehören.

Mehr als 40 Prozent der kolumbianischen Bevölkerung ist laut dem staatlichen Statistikamt von Kolumbien von Armut betroffen, ein starker Anstieg ist seit 2019 zu verzeichnen. Die Corona-Pandemie hat der Wirtschaft in Kolumbien schwer zugesetzt und für enorme Staatsausgaben gesorgt. Unter anderem höhere Steuern auf Lebensmittel sowie eine Privatisierung des Gesundheitssystems sollten das ausgleichen. Beides hat Präsident Iván Duque rückgängig gemacht, als die Proteste immer lauter wurden.

Von: Madeleine Berning

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3 Antworten

  1. Immerhin scheint Kolumbien ja ein ziemlich freies Land sein, wenn dort Demonstrationen gegen die Regierung erlaubt sind. Das die Regierung sogar darauf reagiert und Maßnahmen rückgängig macht, wäre bei uns ja undenkbar.

      1. Dann war die DDR wohl auch nicht so übel, denn Gewalt, Kriminalität , Korruption und Armut gab es da kaum. Die medizinische Versorgung war auch sehr gut. Trotzdem waren die Menschen unfrei, weil politisch unmündig. Natürlich ist jedes Land anders und es ist immer leicht zu argumentieren, das man das nicht vergleichen könne. Allerdings kann man so aber auch nie den “Anfängen wehren”, wenn man Entwicklungen immer abwarten muß, bis es zu spät ist sie zu ändern.

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