Umbarmherzig und ohne Gott
Stürzten "strahlende Persönlichkeiten" aus Wirtschafts- und Politikkreisen ab, dann meist endgültig und ohne Möglichkeit zur Rückkehr. Zwar liege den Skandalen der jüngsten Vergangenheit konkretes Fehlverhalten zugrunde, jedoch könne kaum von einem "Kapitalverbrechen" die Rede gewesen sein. "Aber rechtfertigt dieses Fehlverhalten die teilweise zu beobachtende verbale Hinrichtung?", fragt Inacker. Ein Rücktritt sei als "Bestrafung" nicht mehr ausreichend, die Regel sei vielmehr der dauerhafte Ausschluss von allen öffentlichen Ämtern und Funktionen.
Kollektiver Erregungszustand, keine Barmherzigkeit
"Wir sind eine Gesellschaft ohne Fehlertoleranz und ohne Barmherzigkeit geworden", schreibt Inacker in seinem Leitartikel. "Wir sind eine Gesellschaft, die jederzeit in kollektiven Erregungszustand versetzt werden kann und dabei die Verhältnismäßigkeit aus dem Blick verliert." Als möglichen Grund nennt der Leiter des Handelsblatt-Hauptstadtbüros den Verlust der traditionellen religiösen Werte. "Es mag überraschend klingen: Aber eine Gesellschaft ohne Gott ist eine Gesellschaft ohne Barmherzigkeit."
In seiner Argumentation bezieht sich Inacker unter anderem auf den Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde. Laut des Staatsrechtlers lebt eine Demokratie von Voraussetzungen, die sie selbst nicht geschaffen hat und die der religionsneutrale Staat nicht vorgeben kann. Böckenförde hat sich damit auf das religiöse Fundament der Gesellschaft bezogen, das ihr wichtige Werte und Normen gibt.
Wenig Chance auf Rehabilitierung
"Heute verschwenden wir diesen Schatz", stellt Inacker fest. "Wir verkaufen unsere christlich geprägte Sozialisation und ersetzen diese Moral und den von ihr geprägten gesunden Menschenverstand durch die Dominanz der großen Rechtsanwaltskanzleien", so der "Handelsblatt"-Journalist. "Es sind Rechtsfabriken, die dann in Politik und Unternehmen Verhaltensregeln einführen. Sie schaffen damit neue Wertegebäude, in denen für den Faktor Mensch nur noch wenig Platz bleibt."
Wer also in Ungnade falle, habe kaum Chancen auf Rehabilitierung. Das Prinzip der Gnade sei in entsprechenden Fällen nicht von Bedeutung, hält Inacker fest. "Eine christliche Gesellschaft weiß um die Fehlbarkeit des Menschen. Sie will nicht den Übermenschen, sondern setzt auf Reue und Vergebung." Im Christentum jedoch folge auf Reue eine zweite Chance. Heute sei Bestrafung jedoch lebenslänglich und unverzeihlich. "Einer Gesellschaft mit fehlender Wertebasis fehlt nicht nur ein Kompass, sondern auch die Fähigkeit, sich weiterzuentwickeln", betont der "Handelsblatt"-Redakteur. Nur durch die Möglichkeit des erfolgreichen Scheiterns könne ein Mensch Verantwortung übernehmen. (pro)
Kommentare [3] >>>
Warum eigentlich noch heiraten?
Liebe Evangelische Kirche in
Deutschland,
natürlich werden sich evangelikale
Christen über Deine neue Orientierungshilfe zum Thema Familie
aufregen, das ist so absehbar wie die Regenbogenfahne auf dem
Christopher Street Day. Als gläubige Frischverheiratete stört mich etwas ganz anderes an der Art, wie Du Familie "neu denkst".
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sojherde | 22.12.2012 03:55:46
Das sehe ich auch so. Dass es fielen nicht auffällt liegt mE daran,dass die Medien die entsprechende Atmosphäre schaffen, in der die Leute negativ gegen diese Personen aufgeladen werden.Weil ich im Ausland lebe,bekomme ich das nicht so mit und wundere mich über so wenig Sachlichkeit. Ich kann es mir nur so erklären.
Demokrit | 20.12.2012 18:06:36
Und wieder glaubt ein einzelner Mensch alle Deutschen zu kennen, er spricht ohne Differnzierung von der dt. Gesellschaft. Der Fall Wulff liegt gerade mal ein Jahr zurück, woher weiß Herr Inacker das Wulff nie wieder eine öffentliche Position innehaben wird? Man kann darüber streiten ob jemand 3, 5 oder 10 Jahre lang erstmal nur Positionen unter Aufsicht bekommen sollte, mit einem Rücktritt sollte aber auch immer eine Zeit ohne jegliche öffentliche Position verbunden sein. Jeder Mensch ob mit oder ohne Verfehlungen muss sich Vertrauen erarbeiten und das geht nur, dazu muss jeder eine gewisse Zeit unter Beobachtung arbeiten. Jemand der neu in eine Partei eingetretten ist wird auch nicht gleich Generalsekretär auch wenn er es bei einer anderen Partei schon war oder eine ähnlichePositionen innehatte, auch er muss sich Vertrauen erarbeiten. Eine Karenzzeit nach einer Verfehlung ist keine willkürliche Strafe. Inacker vergisst dass die Parteien von Wulff und zu Guttenberg die Möglichkeit gehabt hätten beide bei sich zu behalten, auf einem Beraterposten oder in der Verwaltung der Partei hätten sich beide ganz beqeuem Vertrauen erarbeiten können. Man kann nicht die gesamte dt. Gesellschaft für den Umgang der Parteien mit den beiden Personen verantwortlich machen. Auch eine säkulare Gesellschaft weiß um die Fehlbarkeit des Menschen, dazu muss man sich nur die Diskussion um Hartz4-Sanktionen, Burnout und Armut ansehen. Ob Regeln nun von Gott gegeben ist oder vom Menschen erarbeitet wurde ist oft nicht das Problem, sondern die Einhaltung der Regeln.
mööp | 20.12.2012 17:13:21
Totaler Quatsch! Das Einzige, was da passiert: die Typen ernten exakt das, was sie selbst über Jahre gesät haben (vielleicht nicht als Individuen, wohl aber als "sich erhaben wähnende Schicht"!). Aber so ist das eben im Leben: wenn man lange genug nach unten tritt und AltenpflegerInnen und VerkäuferInnen für 4 mitgenommene Maultaschen (die ohnehin entsorgt worden wären) entlässt, während "oben" mitgenommen wird, was nur geht, dann rächt sich das früher oder später. In den Briefen und bei Jesaja steht da manches Lesenswerte dazu. Aber da unsere christliche Szene hierzulande ja weitestgehend ebenfalls aus "Bessergestellten" besteht, wird wahrscheinlich das Mitleid mit dem ach so armen Spitzenpersonal mal wieder weitaus ergiebiger ausfallen als das für die, die es tatsächlich benötigen würden (denn die geschassten Spitzenleute fallen eh immer wieder auf die Füsse, dafür sorgt allein schon das Netzwerk, dass sie sich geknüpft haben. Während "die da unten" keinerlei Lobby haben, und die Hilfen, die existieren, a) ohnehin nur den Tropfen auf den heissen Stein darstellen und sich allerorten b) im Abbau befinden). Nicht schön, das. Aber durchaus ein Zeichen der Zeit. HEUTE dürften Maria und Josef zweifelsfrei unter der Brücke übernachten, während für den lieben Herodes ein Hilfsfond eingerichtet würde. Nein, welche ekelerregende Zeiten!