Politik | 09.07.2015

Die „einseitige“ Benennung der Organspende als „Akt der Nächstenliebe“ müsse die Evangelische Kirche aus Sicht der Evangelischen Frauen aufgeben und auch diejenigen vertreten, die sich gegen eine solche entscheiden

Die „einseitige“ Benennung der Organspende als „Akt der Nächstenliebe“ müsse die Evangelische Kirche aus Sicht der Evangelischen Frauen aufgeben und auch diejenigen vertreten, die sich gegen eine solche entscheiden
Foto: Phalinn Ooi / fotolia | CC BY 2.0

Organspende: Herz um Herz

Für die Evangelische Kirche in Deutschland ist Organspende ein Akt der Nächstenliebe. Immer wieder hat sie Christen in der Vergangenheit dazu ermutigt, anderen auf diesem Weg zu helfen. Doch nur wenige wissen, worauf sie sich mit dem Ausfüllen eines Organspendeausweises einlassen.

Arnd Focke stirbt mit 29 Jahren. Nicht am Ort seines Autounfalls, wo er künstlich beatmet wird und ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erleidet. Auch nicht bei der anschließenden Kopfoperation, die die schlimmsten Verletzungen lindern soll. Focke nimmt seinen letzten Atemzug nicht in seinem Krankenzimmer, umringt von Vater und Mutter, die ihn seit dem Unfall täglich besuchen und stundenlang seine Hand halten. Der Mann, der sieben Monate später Vater geworden wäre, haucht sein Leben im Operationssaal aus. Auf seinem letzten Weg begleiten ihn nur die anwesenden Mediziner. Sie öffnen seinen Brustkorb bei schlagendem Herzen, schwemmen das Blut aus dem Hirntoten und kühlen seine noch arbeitenden Organe mit vier Grad kalter Perfusionslösung und Eiswasser. Wahrscheinlich hat Arnd Focke dabei gezuckt, vielleicht ist seine Herzfrequenz gestiegen, vielleicht hat sich sein Gesicht rötlich verfärbt. Das gehört zu den normalen Reaktionen des Körpers auf die Entnahme innerer Organe für eine Organspende. „Lazaruszeichen“ nennen die Mediziner diese Reflexe, meist Bewegungen von Armen und Beinen, wegen derer die Patienten bei der Operation fixiert werden.

Arnd Fockes Eltern Renate und Gebhard Focke wussten nach eigenen Angaben nicht, wie die Ärzte ihren sterbenden Sohn auf die Entnahme vorbereiten würden, als sie ihn vor knapp zwanzig Jahren, kurz nach seinem Unfall, dafür freigaben. Sie wussten nicht, dass sie ihren beim Abschied im Krankenzimmer fast lebendig wirkenden Sohn erst beim Bestatter wiedersehen würden – seltsam verändert, entstellt durch die letzte Operation und mit fest aufeinander gepressten Lippen. „Hätte ich gewusst, dass ich meinen Sohn durch unsere Entscheidung alleine auf einem OP-Tisch sterben lassen würde, ich hätte den Ärzten gesagt, sie sollen uns in Ruhe lassen“, sagt Gebhard Focke im Gespräch mit pro.

Im Jahr 2012 hat die Politik die Organspende in Deutschland neu geregelt. Seitdem gibt es die sogenannte Entscheidungslösung. Das bedeutet, jede krankenversicherte Person ab 16 Jahren wird von den Krankenkassen per Post dazu aufgefordert, einen Organspendeausweis auszufüllen. Jeder Deutsche soll sich mindestens einmal im Leben mit der Frage beschäftigen und sich über seinen eigenen Willen klar werden. Ein Kriterium für die Zulassung zur Organspende ist der Hirntod, also der laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung „endgültige, nicht behebbare Ausfall der Gesamtfunktion von Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm“. Die Diagnose muss von zwei unabhängigen Ärzten gestellt werden, die nicht am anschließenden Transplantationsprozess beteiligt sind.

11.000 Menschen warten auf Spenderorgan

Der Deutsche Ethikrat sprach sich im Februar in einer Stellungnahme zwar mehrheitlich dafür aus, dass der Hirntod eindeutig den Tod des Menschen markiert. Eine Minderheit aber hält ihn nicht zwingend für das Ende des Lebens und verweist darauf, dass der Körper auch nach Absterben des Gehirns mit medizinischer Unterstützung noch vielfältige Funktionen haben kann. Im Körper einer hirntoten Frau etwa kann ein Kind heranwachsen. Hirntote schwitzen, ihre Wunden heilen, Männer können eine Erektion haben. Eine Behandlung hirntoter Patienten sei medizinisch trotzdem nicht sinnvoll und ein Behandlungsabbruch ethisch gefordert, erklären die Skeptiker im Ethikrat dennoch. Einig sind sich alle Mitglieder darin, dass der Hirntod weiterhin als Kriterium für die Entnahme von Spenderorganen gelten soll.

Die Medizin ist derzeit auf das Hirntodkriterium angewiesen. Funktionierende und transplantierbare Organe können – mit Ausnahme der Nieren – nur hirntoten Patienten entnommen werden, deren Herz- und Kreislaufsystem künstlich aufrechterhalten wird. Ist der Mensch erst einmal verstorben und Herz oder Lunge länger als mehrere Minuten nicht durchblutet, sind sie nicht mehr zur Spende zu gebrauchen. Und diese wiederum rettet Leben. Denn derzeit warten laut der Deutschen Stiftung Organspende rund 11.000 Menschen in Deutschland auf ein Spenderorgan. Dem entgegen stehen rund 3.800 Transplantationen im Jahr 2014 bundesweit. Nur etwa ein Sechstel dieser Organe stammt von noch lebenden Patienten. Der Bedarf ist bei weitem nicht gedeckt.

Das hat auch die Evangelische Kirche in Deutschland immer wieder thematisiert. In einer gemeinsamen Erklärung mit der katholischen Deutschen Bischofskonferenz aus dem Jahr 1990 erklären die Kirchen die Organspende zu einer Möglichkeit, „über den Tod hinaus sein Leben in Liebe für den Nächsten hinzugeben“. Der Hirntod, so heißt es weiter, markiere zweifelsfrei das Ende des irdischen Lebens. Indem ein Mensch seine Organe spende, könne „noch über den Tod hinaus etwas spürbar werden von der ‚größeren Liebe‘, zu der Jesus seine Jünger auffordert“, erklären die Geistlichen. Im Jahr 2009 schrieb der ehemalige Berliner Bischof Wolfgang Huber in der Tageszeitung BZ: „Zur Organspende bereit zu sein, ist eine Möglichkeit, Nächstenliebe zu üben.“ Drei Jahre später erklärte der damalige EKD-Ratsvorsitzende, Nikolaus Schneider: „Nach christlichem Verständnis sind das Leben und damit der Körper des Menschen ein Geschenk Gottes. Diesen kann und darf er aus Liebe zum Nächsten und aus Solidarität mit Kranken einsetzen.“ Eine christliche Verpflichtung zur Organspende aber gebe es nicht. Alle Optionen seien „christlich verantwortbar und ethisch zu respektieren“.

Kritik am Hirntodkriterium

Christiane Thiel, Pfarrerin in Sachsen, sieht das gänzlich anders. Wenn Gemeindeglieder sie um eine Einschätzung des Für und Wider von Organspende bitten, gibt sie eine eindeutige Auskunft: „Von einer Transplantation rate ich immer ab!“ Zum einen sieht sie das Hirntodkriterium kritisch. Wer wisse schon, was ein Mensch, der so klassifiziert werde, noch fühlen könne und was nicht. Zum anderen argumentiert sie theologisch: Der Mensch sei mehr als nur sein Gehirn, Körper und Geist seien biblisch betrachtet eine Einheit. Deshalb lehne sie eine „Ersatzteillagermedizin“ strikt ab, auch wenn ihr klar ist, dass sie damit innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland und auch im allgemeinen Diskurs in der Minderheit ist. Das Argument der Nächstenliebe sei stark. „Natürlich ist es christlich, etwas für andere zu geben. Aber ob das auch Organe betreffen muss, da bin ich skeptisch“, sagt sie. Es sei nicht Aufgabe des Menschen, Jesus nachzuahmen, indem er sich selbst für andere opfere, sagt sie. Und: „Es ist Teil meiner evangelischen Freiheit, da nachdenklich zu bleiben.“

Nachdenklich sind auch die Evangelischen Frauen in Deutschland. In einem Positionspapier aus dem Jahr 2013 fordern sie ihre Kirche dazu auf, das Thema Organspende kritischer zu beleuchten. Ihr Argument: Angehörige von Organspendern haben keine Möglichkeit, von ihrem Kind oder ihrem Ehepartner Abschied zu nehmen. Sie sehen einen durch die Maschinen vital erscheinenden Menschen in seinem Krankenbett – und das nächste Mal einen Toten. Sterbebegleitung sei bei Organspendern in der Regel nicht möglich, weil Geistliche keinen Zugang zum OP hätten. Die Evangelischen Frauen kritisieren auch das Hirntodkriterium. Ein Menschenbild, das das Individuum auf seine Hirnfunktion beschränke, sei aus christlicher Perspektive mindestens bedenklich. Zudem seien alle Menschen mit einer „unverlierbaren Würde“ ausgestattet, „unabhängig von ihrer körperlichen Verfasstheit und ihren Möglichkeiten zur aktiven Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Das heißt: Nicht die Hirnleistung macht uns zu Menschen, sondern die Beziehung Gottes.“ Niemals könne der Körper als „recycelbare Materie“ verstanden werden, die „zerlegt“ oder „konserviert“ werden solle.

Wer Organe spende, müsse darauf intensivmedizinisch vorbereitet werden. Organspender werden nach Eintritt des Hirntods in der Regel mehrere Stunden, manchmal auch Tage, künstlich beatmet, damit die Organe nutzbar bleiben. Die Qualität der Organe wird geprüft, etwa durch Ultraschall. Auch eine medikamentöse Behandlung ist nicht ausgeschlossen, denn: Der Hirntod bedeutet auch, dass der Körper trotz Maschinen nicht mehr optimal versorgt wird. Hormonausschüttungen unterbleiben, der Elektrolyte- und Wasserhaushalt bricht unter Umständen zusammen. Wer also einen Behandlungsabbruch bei Hirntod in einer Patientenverfügung fordert, zugleich aber einen Organspendeausweis trägt, stellt die Ärzte vor eine eigentlich unlösbare Aufgabe. Im Zweifel entscheiden die Angehörigen.

Die „einseitige“ Benennung der Organspende als „Akt der Nächstenliebe“ müsse die Evangelische Kirche aus Sicht der Frauenvereinigung aufgeben und auch diejenigen vertreten, die sich gegen eine solche entscheiden. Es sei an der Zeit für eine echte, ergebnisoffene Debatte zu diesem Thema, heißt es in dem Positionstext, den kaum einer kennt.

„Kein Recht auf langes Leben“

Der Berliner Transplantationsmediziner Klemens Budde kennt die Argumente der Organspende-Gegner. Bei allem Verständnis für die emotionale Betroffenheit der Angehörigen sagt er: „Hirntot bedeutet tot.“ Selbst bei einem längst Verstorbenen und Begrabenen lebten noch gewisse Zellen im Körper. Dennoch gehe niemand davon aus, dass dieser noch am Leben sei. „Menschsein heißt, dass ich denken kann, dass es da noch eine Funktion im Gehirn gibt.“ Wenn das Hirn keine Signale mehr sende, bedeute das, dass zum Beispiel das Schmerzempfinden erlösche. „Da bin ich mir als Mediziner sicher“, sagt er. Natürlich sei es bedauerlich, wenn Angehörige nicht angemessen vom Sterbenden Abschied nehmen könnten. „Aber das geschieht doch genauso, wenn meine Mutter auf der Krebsstation liegt und in der Nacht verstirbt, wenn ich nicht dabei bin.“ Doch Budde gibt zu, dass die Aufklärung der Angehörigen verbessert werden könnte. Er wünscht sich speziell dafür geschultes Personal an jedem Krankenhaus. „Immerhin treten Sie mit der Frage der Organspende zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt an die denkbar traurigsten Menschen heran. Das sollte nicht gerade der unerfahrenste Arzt tun.“

Gebhard Focke hingegen ist durch eigene Erfahrung von einem Befürworter der Organspende zu deren Gegner geworden. „Ich werde weder ein Organ spenden noch eines annehmen“, sagt er heute. Dass diese Verweigerung andere das Leben kosten kann, nimmt er in Kauf: „Es gibt kein Recht auf ein langes Leben oder auf ein neues Herz“, sagt er. Mindestens aber die Aufklärung der Angehörigen und Spendewilligen will er verbessert sehen, damit es ihnen nicht ergehe wie ihm und seiner Frau damals. (pro)

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