"Gott war auf unserer Seite"
pro: Herr Storck, Sie haben sich Ihr
Leben lang für Versöhnung zwischen Ost und West eingesetzt und nun
ehrt Sie der Bundespräsident persönlich mit einem
Bundesverdienstkreuz. War das überfällig?
Matthias Storck:
Ich habe es immer für das Selbstverständlichste gehalten, anderen
meine Lebensgeschichte zu erzählen. Meine Frau und ich haben in der
ehemaligen DDR im Gefängnis gesessen – nur weil wir uns in unsere
eigenen Angelegenheiten eingemischt haben, weil wir unzufrieden mit
den Verhältnissen waren und etwas dagegen getan haben. Wir wollten
den Menschen erklären, in was für einer Welt wir gelebt haben. Das
tun wir bis heute in Schulen, und ich habe Bücher und Artikel
geschrieben. Viele wissen nicht mehr, was Diktatur überhaupt ist.
Das allein sagt so viel über die wunderbare Freiheit in dieser
Bundesrepublik aus. Die Deutsche Einheit ist ein Geschenk. Das müssen
wir den Menschen mitteilen.
Das Bundesverdienstkreuz
erhalten Sie von Joachim Gauck, mit dem Sie einiges verbindet. Sie
waren beide DDR-Bürgerrechtler, sind Pastoren und auch langjährige
Bekannte...
Ich habe ihn vor vielen Jahren kennengelernt. Damals war
ich im Deutschlandfunk zu hören, er hat daraufhin angerufen. Seitdem
verbindet uns eine Freundschaft. Noch kurz bevor er die Nachricht
erhielt, dass er Bundespräsident werden sollte, hat er uns besucht.
Ihn hat unsere Lebensgeschichte sehr erschüttert und uns verbindet,
dass der Glaube unserem Leben die Form gibt.
Sind gläubige
Menschen die vehementeren Bürgerrechtler?
Ich würde
sagen: Sie müssen vehement sein. Das liegt im Glauben selbst
begründet. Wir Protestanten verdanken unseren Namen schließlich
einer Protestation in Speyer mit dem Tenor: "Wir stehen für uns
selbst ein!" Freiheit und Verantwortung gehen zusammen, und
jemand wie Joachim Gauck zieht dieses Wissen aus seinem Glauben.
Natürlich kann auch ein Wolf Biermann, der ja kein gläubiger Mensch
ist, zu einem solchen Schluss kommen. Aber er weiß auch: Wir leben
in der Kultur des christlichen Abendlandes wie die Fische im Wasser.
Die Wurzeln der Humanität ziehen ihre Nahrung aus dem christlichen
Glauben. Meine Überzeugung ist: Die Widerstände im Osten waren
erfolgreicher, wenn sie vor dem Hintergrund des christlichen Glaubens
geschahen, schließlich hatten wir einen tollen Verbündeten – den lieben Gott! Der Glaube hat die Menschen stark gemacht.
Wie
hat Ihnen Ihr Glaube in der Zeit im DDR-Gefängnis geholfen?
Ich
sehe die Handschrift des lieben Gottes an ganz vielen Stellen. Zum
Beispiel haben wir mitten in der Zelle mit Kaffee und Kuchen
Abendmahl gefeiert. Man hatte uns ein reguläres Abendmahl verboten,
also haben wir über dem, was wir hatten, die Einsetzungsworte
gesprochen. Tiefgründiger kann ein Abendmahl nicht sein als dort, in
einer Zelle, mit Kaffee und Kuchen. Doch es gab auch Verrat, und
darüber habe ich im Laufe meines Lebens viel gelernt. Ein Pfarrer
wollte uns zum Beispiel in eine Falle locken, indem er uns zu einer
Flucht anstachelte. Er war ein Agent der Stasi. Ein weiterer Pfarrer
besuchte mich im Gefängnis, führte seelsorgerliche Gespräche mit
Gefangenen und fertigte Protokolle davon an. Das ist so grauenvoll.
Auch mein eigener Vater ist schwach geworden. Nur durch meinen
Glauben konnte ich barmherzig sein und lernen: Wenn man in einer
Diktatur nicht zum Verräter wird, ist das in den seltensten Fällen
eine Charakterfrage. Meistens ist es einfach göttliche Gnade, die
uns nicht in Situationen kommen lässt, in denen wir versucht sind,
andere zu verraten.
Hat sie das an der Kirche zweifeln
lassen? Immerhin waren es Geistliche, die Sie verraten haben...
Es
hat mich aus der Bahn geworfen. Ich hatte irgendwann das Gefühl,
überhaupt keinen Talar mehr tragen zu wollen. Ich habe dann eine
Pause eingelegt. Verrat kann aus Schwäche geschehen, etwa im Falle
eines Mitgefangenen von mir. Dem sagten Sie damals, er könne nach
einem, statt nach sieben Jahren aus dem Gefängnis kommen, wenn er
mich bespitzele. Ich bin heute froh, dass er es getan hat, hätte
dieser damals 19-Jährige seine volle Haftstrafe abgesessen, er wäre
zum Wrack geworden. Doch Verrat kann auch geschehen, weil Menschen
Orden dafür erhalten, wie im Falle vieler anderer Spitzel. In der
DDR sind Menschen dafür ausgezeichnet worden, dass sie die
Geheimnisse anderer ausplauderten. Nun bekomme ich eine Auszeichnung
dafür, dass ich von diesen Dingen erzähle.
Sie haben
schon erzählt, wie Ihr Glaube Ihren Widerstand geprägt hat. Wie hat
denn Ihr Widerstand Ihren Glauben geprägt?
Ich wäre ohne
die DDR heute ein andere Christ. Die Vorstellung, in der DDR Pfarrer
zu werden, war damit verbunden, diesen Staat menschlicher machen zu
wollen. Nicht umsonst standen Pfarrer wie Joachim Gauck beim
Widerstand in der ersten Reihe. Im Westen dachte ich dann: Hier
brauche ich nicht Pfarrer zu sein, die Gesunden brauchen keinen Arzt.
Doch dann habe ich verstanden, dass die Menschen erfahren müssen,
dass nichts von dem, was sie hier glauben und tun dürfen,
selbstverständlich ist. Das hat also meinen Dienst geprägt. Das
erzähle ich zum Beispiel meinen Konfirmanden.
Herr Storck,
vielen Dank für das Gespräch!
Die Fragen stellte Anna Lutz.
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