Steinmeier: In Sachen Werte "Flagge zeigen"
Die ökonomische Krise habe zu einer
"tiefgreifenden Verunsicherung" und zu dem Wunsch geführt,
jenseits der Wirtschaft etwas zu finden, "an das man sich halten
kann", sagte Steinmeier im Haus der "Stiftung
Familienunternehmen". Der christlich-jüdischen Tradition
verdanke Europa die Gewaltenteilung, Menschenrechte und Demokratie.
Deshalb forderte er, dieses Erbe "großmütig"
weiterzugeben. Europa müsse "Flagge zeigen" für das,
wofür es stehe, "auch wenn wir nicht mehr der Nabel der Welt
sind", so Steinmeier. Er glaubt, eine gesellschaftliche
Sehnsucht nach Werten erkennen zu können, das Vertrauen in die
Politik sei durch die Finanzkrise aber verloren gegangen.
Zeugnis
von christlichen Werten geben
Steinmeier stellte in Berlin
das Buch "Wertewandel mitgestalten" vor. In dem Band
schreiben prominente Autoren wie der Vorsitzende des Rates der
"Evangelischen Kirche in Deutschland", Präses Nikolaus
Schneider, die Soziologin und Islamkritikerin Necla Kelek,
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, Familienministerin Kristina
Schröder, CDU-Fraktionschef Volker Kauder, der Ministerpräsident
Baden-Württembergs, Winfried Kretschmann, die gläubigen Unternehmer
Friedhelm Loh und Heinrich Deichmann sowie Steinmeier selbst über
das Thema Wertewandel. Präses Schneider fordert, zu erkennen, dass
der Mensch nicht der Herr über alle Dinge, und ökonomische
Sachzwänge nicht "das Maß aller Dinge" seien. Ziel der
Kirche sei es, "Zeugnis zu geben von 'christlichen Werten' in
ihrem Reden und Handeln".
Kelek greift die Debatte um den
politischen Islam auf und fordert ein Bekenntnis zur Freiheit. Den
Islam-Verbänden liege nichts an dieser Freiheit, sie hätten eine
andere Vorstellung von Gesellschaft. "Wenn 'anything goes' oder
'Laissez-faire' zur Parole werden, wird Freiheit zum bloßen
Lippenbekenntnis", schreibt sie und fordert damit angesichts
eines erstarkenden Islams eine Betonung aufklärerischer Werte in
Deutschland. Auch Schäuble geht auf dieses Thema ein und hebt den
Wert christlicher Moral, auch für Nichtchristen, hervor. "Werte,
die nicht einfach propagiert, sondern gelebt werden, Werte, die dem
eigenen Handeln als Nährboden unterliegen, können am Ende auch
denen nützen, die diese Werte nicht unbedingt in ihrem jeweiligen
Begründungszusammenhang für sich selbst annehmen wollen oder
können", schreibt er, und weiter: "Macht man sich das
klar, dann verliert die Frage nach christlichen Werten in einem
religiös-pluralen gesellschaftlichen Kontext ihren bedrohlichen
Charakter."
Deichmann erklärt aus unternehmerischer und
christlicher Sicht: "Es ist eine bleibende Herausforderung, die
Ziele unseres Leitbildes im betrieblichen Alltag immer wieder in die
Tat umzusetzen. Es hat sich aber auch gezeigt, dass die Orientierung
an den Ansprüchen der christlichen Ethik für unser Unternehmen sehr
segensreich gewesen ist."
Tugend der
Barmherzigkeit
Als segensreich empfindet auch Walter
Kardinal Kasper die christliche Ethik, nicht nur in unternehmerischer
sondern auch in politischer Sphäre. Neben Steinmeier war auch er
nach Berlin gekommen, um über Werte zu sprechen. Auch er ist
Mitautor des Buchs. "Wer mitgestalten will, muss wissen, woher
er kommt", sagte er. Die "Tugend der Barmherzigkeit"
gehöre zur christlichen Kultur Europas. Eine Leugnung dieser
christlichen Wurzeln sei nicht möglich. Dennoch beobachte er eine
"Selbstverleugnung" Europas. Besonders im Lichte neuer
Herausforderungen, wie der Begegnung mit dem Islam und asiatischen
Glaubenssystemen sei das problematisch. Steinmeier zumindest konnte
sich am Ende dieser Veranstaltung nicht vorwerfen lassen, christliche
Werte aus der politischen Debatte auszuklammern. Kurzerhand hatte er
den Kardinal nämlich in den Bundestag eingeladen: "Kommen Sie
mit zu den Verhandlungen bei der Kanzlerin heute Nachmittag. Das
könnte hilfreich sein!" (pro)
Brun-Hagen Hennerkes /
George Augustin (Hg.), Wertewandel mitgestalten-Gut handeln in
Gesellschaft und Wirtschaft, Verlag Herder, gebunden, 637 Seiten, 24
Euro, ISBN 978-3-451-30618-1
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