"Die wissen gar nicht, was Pressefreiheit ist"
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pro: Herr Heinrich, warum sind Sie nach
Aserbaidschan gefahren?
Frank Heinrich: Der
Menschenrechtsausschuss des Deutschen Bundestages, dem ich angehöre,
hat erfahren, dass derzeit Menschenrechtsgruppen vor Ort
demonstrieren und auf die Probleme im Land aufmerksam machen wollen.
Sie tun das, um etwas von dem Scheinwerferlicht abzubekommen, das
derzeit auf den "Eurovision Song Contest" gerichtet ist.
Auf den Straßen von Baku sollte ein Konzert mit dem Titel "Sing
for Democracy" stattfinden. Das wollte ich unterstützen.
Was
ist aus dem Konzert geworden?
Die Demonstrierenden wollten einfach
nur das Medium Musik nutzen, um auf die mangelhafte
menschenrechtliche Lage im Land aufmerksam zu machen. Die Aktion war
nicht gegen den Song Contest selbst gerichtet. Die Veranstalter haben
bei den Behörden Genehmigungen dafür beantragt – alle sind
abgelehnt worden. Das Outdoor-Event konnte nicht stattfinden. Das hat
mir gezeigt: In den Bereichen freie Meinungsäußerung und
Pressefreiheit hat Aserbaidschan noch eine Menge
Nachholbedarf.
Haben Sie das vor Ort deutlich gemacht?
Ich
habe mich dort mit Abgeordneten getroffen und die menschenrechtlichen
Probleme angesprochen. Daraufhin wurde mir vorgeworfen, Deutschland
betreibe eine Kampagne gegen Aserbaidschan. Konkret wurde immer
wieder ein kritischer Artikel des "Spiegel" benannt. Ich
musste dort also erst einmal deutlich machen, dass Politik und Presse
in Deutschland zwei getrennte Organe sind, von einer Kampagne
Deutschlands hier also nicht die Rede sein kann. Ich habe vor Ort
auch das Gerichtsverfahren gegen den regierungskritischen
Journalisten Avaz Zeynalli besucht. Angeklagt ist er wegen
angeblicher Erpressung eines Abgeordneten. Was ich dort gesehen habe,
war markant. Der Mann saß im Sitzungsraum in einem Käfig.
Filmaufnahmen und Aufzeichnungen wurden verboten. Nach über einer
Stunde zogen sich die Richter für vier Minuten zurück, kamen wieder
und verlasen 13 Minuten lang ein vorbereitetes Dokument. Das alles
spricht für sich.
Der Prozess wird Ende Mai fortgesetzt.
Ja, ebenso sitzen zum Beispiel auch zwölf Menschen, die
im April letzten Jahres bei einer nicht genehmigten Demonstration
festgenommen wurden, im Gefängnis. Nicht nur Angehörige von ihnen
sind derzeit im Hungerstreik, um ihre Freilassung zu bewirken. Es
gibt weitere Einzelfälle von Inhaftierten, die sogar geschlagen
werden – und das alles nur, weil sie ihre Meinung frei geäußert
haben. Ein anderer wurde verhaftet, weil er gefilmt hat, und das,
obwohl er als Presseberichterstatter erkennbar war. Er trug eine
Jacke mit der Aufschrift "Presse". Diese Fälle habe ich
auch im Gespräch mit den Politikern vor Ort angesprochen. Auf mich
wirkte es aber, als wisse man dort gar nicht, was Pressefreiheit
überhaupt bedeutet. Ein Oppositionspolitiker hat mir gegenüber aber
tatsächlich zugegeben, dass es da wohl Nachholbedarf gibt.
Finden
Großveranstaltungen in Ländern statt, in denen es nachweislich
erhebliche Menschenrechtsverletzungen gibt, fordern Kritiker in
vielen Fällen Boykotte. So war es 2008 in China bei den Olympische
Spielen, so ist es bei der diesjährigen Fußball-EM in der Ukraine.
Sollte der "Eurovision Song Contest" abgesagt oder
boykottiert werden?
Nein. Der Gewinn durch die öffentliche
Aufmerksamkeit ist groß. Wenn ganz Europa nach Aserbaidschan blickt,
bekommen auch die eine Stimme, die sonst keine haben. Die großen
Medien haben die Chance genutzt, auf die Menschenrechtsverletzungen
hinzuweisen.
Aserbaidschan ist zwar nicht EU-Mitglied,
gehört aber dem Europarat an. Ist dieser hier gefordert?
Ja.
Aserbaidschan sperrt sich derzeit gegen einen Besuch des
SPD-Abgeordneten Christoph Strässer, der die Lage vor Ort im Auftrag
des Europarats in Augenschein nehmen sollte...
...Strässer
ist Berichterstatter für "Politische Gefangene" in
Aserbaidschan...
...Wenn dieses Land also Mitglied des
Europarats ist, dann muss es sich auch an dessen Spielregeln halten.
In erster Linie müssen wir das aber über Diplomatie und nicht über
Sanktionen anstreben. Das Thema Menschenrechte in Aserbaidschan muss
öfter von deutschen Politikern angesprochen werden – auch nach dem
Eurovision Song Contest.
Herr Heinrich, vielen Dank für
das Gespräch!
Die Fragen stellte Anna Wirth
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Weiterführende Links zu dem Thema
- Singen für die Freiheit [pro]
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