Pädagogik | 24.04.2014

Das Werk "Sexualpädagogik der Vielfalt" wirbt für unkonventionellen Unterricht: Dabei sollen Teenager etwa ein Bordell konzipieren

Das Werk "Sexualpädagogik der Vielfalt" wirbt für unkonventionellen Unterricht: Dabei sollen Teenager etwa ein Bordell konzipieren
Foto: dog97209 / flickr | CC-BY-NC-ND 2.0

Lack und Leder auf dem Lehrplan

Bizarre Züge der Sexualpädagogik hat der Redakteur Christian Weber am Donnerstag in einem Beitrag in der Süddeutschen Zeitung kritisiert. Verwirren Pädagogen Kinder mitunter absichtlich bei Sexualfragen?

In dem Artikel „Was sie noch nie über Sex wissen wollten“ stellt Weber Unterrichtsempfehlungen zur Diskussion, die hochrangige Sexualpädagogen aussprechen. Das Werk „Sexualpädagogik der Vielfalt“ der Pädagogen Elisabeth Tuider und Stefan Timmermanns empfiehlt etwa als Unterrichtsaufgabe, dass 15-Jährige ein Bordell in einer Großstadt modernisieren sollen. Das „Freudenhaus der sexuellen Lebenslust“ solle alle Bedürfnisse bedienen – egal ob die eines heterosexuellen Mannes oder einer lesbischen Trans-Frau.

Eine Institution wie der Familienberatungsverbund „pro familia“ empfiehlt das Werk. Die Autoren und diese Bücher seien „absoluter Mainstream“, erläutert Weber. In einer anderen Übung sollen 14-Jährige in einer virtuellen Auktion für Parteien eines Miethauses Gegenstände erwerben, darunter Dildos, Kondome, Potenzmittel, Vaginalkugeln, Lack und Leder. In dem Haus wohnen eine alleinerziehende Mutter, eine schwules Paar, ein lesbisches Paar mit zwei kleinen Kindern oder eine betreute Wohngemeinschaft für drei Menschen mit Behinderung. Eine Kleinfamilie mit Mutter, Vater und Kind komme nicht vor.

„Freie Selbstbestimmung des Individuums in jedem Lebensalter“

Das durch die Pädagogen angestrebte Lernziel dieser Übungen sei: „Die Jugendlichen sollen Heterosexualität als Norm in Frage stellen.“ Weber zitiert weitere Zielsetzungen der Sexualpädagogen: „bewusst[e] Verwirrung und Veruneindeutigung [werden] angestrebt“. Die Autoren um Tuider vertreten die Ansätze der „dekonstruktivistischen Pädagogik sowie der (neo-)emanzipatorischen Sexualpädagogik“. In der Bucheinleitung von „Sexualität der Vielfalt“ heißt es: „Die Prinzipien dieser Theorien umfassen eine möglichst freie Selbstbestimmung des Individuums in jedem Lebensalter.“

Weber, Redakteur in der Wissens-Redaktion der Süddeutschen Zeitung (SZ), sagt gegenüber pro: „Ich befürchte, diese Pädagogik tut den Kindern nicht gut. Ich habe den Eindruck, dass das eine Ideologie ist, die vielleicht sogar mit guten Absichten alle Menschen befreien möchte, sich dabei aber nicht genau überlegt hat, ob das den Menschen gut tut.“ Und weiter: „Kinder werden übersexualisiert, in einem Alter, in dem sie das wahrscheinlich gar nicht wollen. Ich befürchte, dass das einfach nur verstörend wirkt.“

Kinder sollten selbstverständlich aufgeklärt werden und sie sollten wissen, was Sex ist, vertritt Weber seinen Standpunkt. „Ich würde aber sagen, dass es ein guter Grundsatz ist, dass die Pädagogik von den Fragen der Kinder ausgeht. Darauf sollen sie Antworten bekommen. Aber man sollte ihnen nicht etwas überstülpen. Ich habe den Eindruck, das geschieht dort. Ich kann mir nicht vorstellen, dass 12-jährige Kinder über Oralsex reden wollen oder dass 15-Jährige kaum Spaß haben, ein Bordell zu konzipieren. Das wird ihnen aufgedrückt.“

„Muss man ein pietistischer und homophober Spießer sein?“

Weber fragt in seinem Artikel: „Muss man ein verklemmter, pietistischer und homophober Spießer sein, wenn man sein Kind nicht mit allergrößter Begeisterung in diese Art von Unterricht schicken möchte?“ Die Intention dieser Frage erklärt er gegenüber pro: „Wenn jemand moderne Sexualpädagogik kritisiert, kommt er leicht in eine Ecke, ein frommer Christ oder prüde zu sein. Ich glaube, dass das nicht nötig ist. Von der evangelikalen Idee bin ich relativ weit entfernt, bin aber dennoch irritiert über diese Sexualpädagogik. Ich wollte nicht, dass mein Kind in solch einen Unterricht geht – aber nicht aus moralischen oder im engeren Sinne religiösen Gründen.“

„Akzeptanz von sexueller Vielfalt“, wie sie auch die Baden-Württembergische Bildungsreform fordere, sei durchaus „sinnvoll“. Bei nährerer Recherche, was „Sexualpädagogik der Vielfalt“ konkret bedeutet, „wird einem doch komisch zumute“, schreibt Weber.

So etwa bei der Lektüre einer Schrift des Arbeitskreises Lesbenpolitik in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Baden-Württembergs. Darin heißt es, dass bei Lesben Geschlechtskrankheiten laut Statistik am seltensten vorkommen. Das „Risiko von Geschlechtskrankheiten und Schwangerschaft“ sei in einer heterosexuellen Beziehung vorhanden. In der Handreiche wird gefragt: „Ist es möglich, dass deine Heterosexualität von einer neurotischen Angst vor Menschen gleichen Geschlechts kommt?“

„Öffentlichkeit weiß nicht Bescheid“

Wie auch die christlichen Bildungsplankritiker, empfindet Weber es als positiv, dass in den Schulen Toleranz gelehrt wird. Weber sagt im Gespräch: „Was ich so erschreckend finde, ist, dass etwas geschieht, worüber die Öffentlichkeit gar nicht Bescheid weiß. [...] Kaum jemand kann sich vorstellen, was in diesen Büchern steht.“ Und weiter: „Leute werden relativ schnell in eine prüde Ecke gestellt, die sagen, diese Art von Sexualpädagogik finde ich nicht gut, aber die Menschen wissen größtenteils gar nicht, was deren Inhalt oder Theorie ist.“

Diese Art der Sexualpädagogik sei „keine völlige Außenseitermeinung von Gender-Theoretikern, die vor sich hinspinnen“. Der Journalist kritisiert: „Frau Tuider läuft von einem Kongress zum anderen, sie macht Ausbildungen.“ Weber geht davon aus, „dass davon etwas ankommt in den Schulen“.

Weber ist der Meinung: „Es sollte eine öffentliche Debatte über diese Art von Sexualpädagogik geben. Ich bin mir nicht sicher, mit welcher empirischen Begründung sie die Pädagogik begründen. Die Texte beinhalten interessante Theorien über Dekonstruktion und so weiter. Aber hat sich jemand genau angeschaut, wie das auf Kinder wirkt?“ Der SZ-Redakteur befürchtet, dass ein derartiger Unterricht, „wenn er eins zu eins übernommen wird, wie ihn Frau Tuider vorschlägt, manche Kinder verstört“. (pro)

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