Pädagogik | 23.01.2016

Die „Hello Barbie“ richte mehr Schaden an, als dass sie nützt, meinen Datenschützer und Erziehungswissenschaftler (Symbolfoto)

Die „Hello Barbie“ richte mehr Schaden an, als dass sie nützt, meinen Datenschützer und Erziehungswissenschaftler (Symbolfoto)
Foto: Richard Newton/flickr | CC BY 2.0

Barbie hört mit

„Spion im Kinderzimmer“ oder „Stasi-Barbie“ wird sie genannt. Die sprechende und hörende „Hello Barbie“-Puppe bringt Datenschützer und Pädagogen gegen sich auf. Für sie bleiben Bausteine und Kochlöffel die besten Spielzeuge für Kinder.

Sie möchte die beste Freundin sein. Sie fragt: „Was magst du am liebsten: Essen, Mode oder Sehenswürdigkeiten?“ Sie schlägt Spiele vor oder erzählt Witze. Wenn sie nach Berufsempfehlungen gefragt wird, sagt sie vielleicht: „Du hast mir gesagt, dass du gerne auf der Bühne stehst. Wie wäre es mit Tänzer oder Politiker? Oder was ist mit einem tanzenden Politiker?“

In den USA ist die „Hello Barbie“ das neue Aushängeschild der Spielzeugfirma Mattel. Pünktlich zum Weihnachtsgeschäft ist die sprechende Puppe mit der blonden Wallemähne dort auf den Markt gekommen. Das Besondere an der neuen Barbie: Ihre Besitzer können sich mit ihr ähnlich wie mit einem richtigen Menschen unterhalten. Sie ist lernfähig, merkt sich, worüber das Kind mit ihr gesprochen hat, und greift darauf in folgenden Gesprächen zurück. Sie könne zu einer „besten Freundin“ für die Kinder werden, bewirbt Mattel die Plastikblondine mit dem computergesteuerten Gehirn.

Denn mit nichts anderem als mit moderner Technik funktioniert die „Hello Barbie“: In ihrem Gürtel befindet sich ein Aufnahmeknopf. So lange, wie der gedrückt wird, nimmt sie alles auf, was der Sprecher sagt. Per WLAN werden die Sätze an eine Cloud gesendet. Das ist in diesem Fall ein Server der Firma ToyTalk, die den Sprachassistenten für die Puppe mit entwickelte. Unter über 8.000 gespeicherten Äußerungen wird automatisch die passende ausgewählt, mit der die Barbie dann dem Benutzer antwortet. Mattel hat das zur Verfügung stehende Vokabular in einem 238 Seiten langen Dokument im Internet veröffentlicht. So nennt die Puppe zum Beispiel keine Schimpfwörter und bei „unangemessenen Unterhaltungen“ soll sie das Gespräch in eine andere Richtung lenken. „Immer wieder haben wir zu hören bekommen, wie gerne sich Mädchen mit ihrer Barbie unterhalten würden“, begründet Mattel die Erfindung der „Hello Barbie“.

Regelmäßig erhalten die Eltern Aufnahmen der Gespräche ihrer Kinder mit Barbie per E-Mail. Die Eltern würden so erfahren, was ihr Kind wirklich denkt und fühlt, wenn es allein ist, und welche Wünsche es hegt – zum Beispiel zum Geburtstag oder zu Weihnachten, heißt es dazu von Mattel. Um Missbrauch vorzubeugen, müssten Eltern der Nutzung der Barbie zustimmen, eine von ToyTalk bereitgestellte App auf ihrem Smartphone installieren und sich ein Kundenkonto bei ToyTalk anlegen, damit die Puppe wie gewünscht funktioniert.

„Big Brother Award“ für Mattel

In seinen Datenschutzrichtlinien verspricht ToyTalk, die Gespräche der Kinder nicht zu werblichen Zwecken zu nutzen, und sollte das Kind sensible, persönliche Daten preisgeben, diese von den Aufzeichnungen sofort zu löschen. Eltern haben aber auch die Möglichkeit, die Aufnahmen direkt mit „Dritten“ zu teilen, zum Beispiel per E-Mail oder bei Facebook und Twitter. Bei den Datenschutzhinweisen von Mattel ist zu lesen, dass das Unternehmen sofort einen „angemessenen Reaktionsplan“ entwickeln wird, sollte die „Hello Barbie“-Datenbank doch einmal gehackt werden.

Vorerst ist die Puppe nur in den USA erhältlich. Trotzdem sorgt das Spielzeug auch in Deutschland unter Datenschützern und Pädagogen für Diskussionen. Der deutsche Datenschutzverein digitalcourage vergab dieses Jahr den Negativpreis „Big Brother Award“ in der Kategorie „Technik“ an Mattel und ToyTalk. Der Verein verleiht die Awards jedes Jahr an Firmen, Organisationen und Personen, die in besonderer Weise und nachhaltig die Privatsphäre von Menschen beeinträchtigen oder persönliche Daten Dritten zugänglich machen. Auch in den USA formierte sich Widerstand gegen die „Hello Barbie“. Die Organisation „Campaign for a Commercial-Free Childhood“ (CCFC; „Kampagne für eine werbefreie Kindheit“) startete im Frühjahr dieses Jahres eine Petition gegen den Verkauf der Puppe. Bis jetzt unterzeichneten über 6.000 Personen die Online-Petition direkt bei CCFC und weitere knapp 38.000 auf der Petitionsplattform Change.org.

Die Datenschutzbeauftragte des Landes Schleswig-Holstein, Marit Hansen, steht der Barbie ebenfalls kritisch gegenüber. „Ich mache mir Sorgen darum, dass die geheimsten Gedanken der Kinder an die Eltern und an Firmen gelangen“, sagte sie gegenüber pro. Die Firma habe zwar nach eigenen Angaben Sicherheitsmaßnahmen getroffen, aber „wenn ich die Datenschutzerklärung der Firma ToyTalk lese, die für die Sprachanalyse zuständig ist, findet sich darin der Verweis auf weitere beteiligte Firmen, die ebenfalls die Tonaufnahmen erhalten können“. Gelangten die Daten in falsche Hände, könne Missbrauch damit getrieben werden, „nicht nur durch gezielte Werbung von Firmen“. Hansen ist auch gegen die Analyse der Kinderstimmen durch die Firmen, um die Spracherkennung zu verbessern. „Zurzeit werden immer mehr Datenbanken aufgebaut, die Stimmmuster enthalten, mit deren Hilfe die Sprecherinnen und Sprecher auch in anderen Situationen erkannt werden können.“ Auf diese Weise ließen sich umfangreiche Überwachungssysteme aufbauen. Auch Gefühle und Herkunft des Kindes könnten an der Stimme erkannt werden. „All dies kann eine Basis für Manipulationen oder Diskriminierungen sein.“

Die Puppe sei „ein Spion im Kinderzimmer“, so Hansen. Zwar höre sie nur mit, wenn der Knopf gedrückt sei. Kindern sei aber nicht bewusst, dass alles, was sie in diesen Momenten sagen, aufgenommen und ausgewertet werde. „Überwachung wird hier zum Spiel. Das Sich-Anvertrauen der Kinder wird bei einer Puppe ausgenutzt.“ Es handele sich um ein besonderes Eindringen in die Privatsphäre der Kinder.

„Auch Kinder brauchen Privatsphäre“

Ganz ohne Weiteres könnte die Puppe wohl nicht auf den deutschen Markt kommen. Die Datenschutzrichtlinien in der EU und in Deutschland seien strenger als in den USA. „In Deutschland ist die Vertraulichkeit des gesprochenen Wortes ein hohes Gut.“ Paragraph 201 im Strafgesetzbuch stelle die Verletzung dieser Vertraulichkeit unter Strafe. Dass die Firmen die Daten offensichtlich zu Werbezwecken nutzen werden, glaubt Hansen nicht. Jedoch sei der Anteil an Modevokabular der Puppe wie die Begriffe „fashion“ oder „trends“ überproportional groß. „Die Kinder werden selbst darauf kommen, was sie als nächstes einkaufen wollen“, vermutet die Datenschützerin.

Auch wenn Eltern über ihre Kinder Bescheid wissen müssten, heißt Hansen es nicht gut, dass Mattel den Erziehungsberechtigten Audioaufnahmen der Barbie-Kind-Gespäche zuschickt. Kinder wüssten nicht, dass die Eltern so ihre Geheimnisse erfahren. „Auch Kinder brauchen Privatsphäre und Bereiche, in denen sie nicht von den Eltern kontrolliert werden, sobald sie dem Babyalter entwachsen sind.“ Hansen appelliert an die Eltern, die sich der Risiken solcher Spielzeuge bewusst sein müssten, da sie für den Datenschutz ihrer Kinder verantwortlich seien. Überhaupt hält Hansen Spielzeuge, die Daten sammeln, für ungeeignet.

„Eltern sollten sich mit Kindern beschäftigen“

Der Erziehungswissenschaftler Albert Wunsch, der an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Köln und der CVJM-Hochschule Kassel lehrt, hält ebenfalls wenig von der Puppe. „Beste Freunde sind ‚analoge Wesen’, aus Fleisch und Blut“, entgegnete er im Interview mit pro auf die Werbung von Mattel, die Barbie könne eine „beste Freundin“ für das Kind sein. Eltern und Kindern werde so eine emotionale Beziehung zur Barbie vorgegaukelt, die nicht tragen könne, denn eine Beziehung setze das Vorhandensein von Identität voraus, sagte Wunsch. Man könne es auch mit den Worten des Religionsphilosophen Martin Buber sagen: „Am Du wird der Mensch zum Ich!“ Durch das Spielen mit der „Hello Barbie“ entwickelten Kinder falsche Erwartungen an Freundschaften. Bei denen gehe es um Annäherung, Freude, Zuneigung, aber auch um Zurückweisung und Frustration. „Alles das kann bei einer Computer-Puppe nicht erlebt werden. Echte Freundschaft funktioniert eben nicht auf Knopfdruck.“ So könne das Kind mit der „Hello Barbie“-Puppe wichtige soziale Fähigkeiten eben nicht erlernen.

Die „Hello Barbie“ hindere das Kind außerdem daran, Kreativität beim Spielen zu entwickeln. „Mit einer echten Puppe wird die Fantasie des Rollenspiels in Gang gesetzt. Tolle Dialoge und Reaktionen werden von derselben Person für die andere Seite immer wieder neu entwickelt.“ Diese Art des Spiels gebe es bei der neuen Barbie nicht. Wunsch sieht in der Werbebotschaft, Eltern könnten durch die Barbie erfahren, wie es ihrem Kind wirklich gehe, eine „Vortäuschung von Zuwendung und Nähe, die den Kaufmodus ankurbeln soll“. In der Intensität, in der Mattel darauf hinweise, würden die Eltern „dazu verführt, in gutem Glauben und Gewissen zu handeln“. Stattdessen sei es besser, sich direkt mit dem Kind zu beschäftigen, um herauszuspüren, wie es ihm gehe, als darauf zu hoffen, diese Informationen von der Puppe zu erhalten. Der Pädagoge traut vielen Eltern zudem nicht zu, die Wirkung der Barbie auf ihre Kinder abschätzen zu können. Oft fehle den Eltern „das Rückgrat, das Argumentationsvermögen und die Klarheit“, um sich auch gegen die vordergründigen Wünsche der Kinder zu entscheiden und diese damit im Zweifelsfall zu schützen. Die „Hello Barbie“ ist für Wunsch „maximal eine Notlösung, bei der nur punktuell auch etwas Sinnvolles stattfinden kann“. Interaktion lernten Kinder nur mit „echten“ Menschen.

Die besten Spielzeuge für Kinder seien „unbesetzte Teile“ wie zum Beispiel Lego. „Das Interessante von Lego ist nicht der Stein, sondern die Fantasie, die durch ihn entsteht“, sagte Wunsch. Kinder hätten eine sehr ausgeprägte Fähigkeit, dasselbe Teil mit ihrer Fantasie in völlig verschiedene Rahmenbedingungen zu bringen. „Geben Sie dem kleinen Kind einen Kochlöffel: Einmal ist es ein Rührgerät, dann ein Musikinstrument und dann stellt er die Großeltern dar.“ Durch das Spiel mit den einfachsten Gegenständen entwickelten Kinder die intensivste Fantasie. Eine sprechende Puppe hindere diese Entwicklung nur.

Die Herstellerfirma Mattel war gegenüber pro bis zum Redaktionsschluss zu keiner Stellungnahme bereit. (pro)

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