Pädagogik
Die eingebildeten Kranken
Hyperaktiv oder aufgeweckt? Psychologen diagnostizieren zu oft psychische Krankheiten, meint der Psychologe Jerome Kagan.
Foto: horizontal.integration (flickr, CC-BY-NC-SA 2.0)
Mehr Ursachenforschung angesagt
Für die meisten betroffenen Kinder wirke sich erst die Diagnose negativ aus. "Für die ist es ein Signal, dass mit ihnen etwas nicht in Ordnung ist – und das kann lähmend wirken." Zwar ließen sich 40 Prozent der Jugendlichen als ängstlich oder depressiv einstufen. Doch seien diese Empfindungen in diesem Alter nicht ungewöhnlich. Und nur bei 8 Prozent wirkten sich diese tatsächlich auf den Alltag aus.
Kagan empfiehlt, stärker auf die Ursachen als auf die Symptome der Krankheit zu schauen. Auch ein Mensch, der ein Lebensziel nicht erreicht, könne kurzzeitig depressiv werden. Aus diesem Grund sei er jedoch nicht psychisch krank und brauche daher keine Medikamente. Hingegen gebe es Menschen, die aufgrund ihrer Gene oder vorgeburtlicher Einflüsse psychische Krankheiten aufwiesen. Es seien diese Menschen, denen die Psychologie helfen müsse.
Aufgrund des Ausmaßes der Fehldiagnosen bescheinigt Kagan der Psychologie eine Krise. Jeder vierte Mensch werde als psychisch krank eingestuft. Dies sei ungefähr so sinnvoll, wie bei einem Menschen eine schwere motorische Behinderung festzustellen, wenn dieser die Meile nicht in zehn Minuten laufen kann. Er sei traurig, diesem Berufsstand anzugehören und er schäme sich auch "ein bisschen" dafür, gibt Kagan zu.
Anerkannter Psychologe
Kagan gehört weltweit zu den angesehensten Psychologen. Auf einer Liste von US-Forschern der bedeutendsten Psychologen des 20. Jahrhundert rangiert er auf Platz 22. Der 83-Jährige befasste sich Zeit seines Berufslebens mit der Entwicklungspsychologie. Sein bedeutendster Forschungsbeitrag sind die Untersuchungen zu angeborenen Temperamenten. Bereits im Alter von vier Monaten lasse sich tendenziell feststellen, ob ein Mensch ein eher ängstlicher Erwachsener werde.
Sein neues, bislang nur auf Englisch erschienenes Buch befasst sich mit der aus seiner Sicht krisenhaften Situation der Psychologie: "Psychology's Ghost – The Crisis in the Profession and the Way Back" (deutsch etwa: "Das Gespenst der Psychologie: Die Krise eines Berufes und der Weg hinaus"). (pro)
Kommentare [1] >>>
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bueroelfe | 30.07.2012 15:29:17
Endlich sagt’s mal einer! Ein Studium, das mit Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung beginnt, leert die Köpfe (und Herzen) derer, die dem Einzelnen einst helfen wollten. In der Psychologie ist es wie in der „normalen“ Schulmedizin: es wird definiert, über einen Kamm geschert, dann Grenzwerte festgelegt. Alle drüber und drunter werden als „mit Dir stimmt was nicht“ stigmatisiert. Das ist der Grundstein für ein einträgliches Geschäft. Geheilt wird dabei nicht, aber das wäre ja auch geschäftsschädigend. Heilen, wirklich ganz machen, das geht nur in einer engen Beziehung zum wirklichen Chef.