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"Gott ist Person, nicht nur Energie"

Sprechen die Kirchen zu wenig über Gott als Person? Ja, meint der Theologe Stephan Schaede, Leiter der evangelischen Akademie "Loccum" in Niedersachsen. Im Interview mit der "Welt" erklärt er, warum der Gott der Bibel mehr ist als nur eine abstrakte Kraft.

"Religiosität zeigt sich bei vielen Menschen heute etwa auch dadurch, dass sie an eine höhere unpersönliche Kraft oder Energie glauben", erklärt Schaede und weist darauf hin, dass diese Vorstellung von Gott als bloße Kraft auch "in Teilen der evangelischen Zunft in Kirche und Theologie" angekommen sei. Er persönlich halte dies für falsch und sogar irreführend: "Selbst eine kritische Auseinandersetzung mit der biblischen Erzähltradition kommt nicht darum herum, dass Gott als eine Person mit einer Biografie zu denken ist."

Schaede benennt Vorteile, die ein solches Gottesbild mit sich bringe: "Personen sind im Vergleich zu bloßen Kräften oder Energien viel komplexer. Personen entwickeln sich lebensbiografisch, sie haben im Gegensatz zu bloßen Kräften die Fähigkeit, etwas zu erleben. Sie haben Mitgefühl." Eine Person habe die Fähigkeit, zu vergeben und zu segnen, sich zu korrigieren und in einen Dialog zu treten. "Schon deshalb wäre es ein großer Verlust an Komplexität im Gottesbild, wenn wir uns Gott als Kraft statt als Person denken würden", so Schaede in der Samstagsausgabe der "Welt".

"Mitteilungsdefizit in den Kirchen"

Pfarrerinnen und Pfarrer dürften Segensgesten im Gottesdienst nicht als Ersatzhandlung für den konkreten Verkündigungsauftrag gebrauchen, fordert Schaede und sagt: "Ich habe den Eindruck, in den Kirchen herrscht im Bezug auf Gott ein erhebliches Mitteilungsdefizit. Es lohnt sich die Biografie Gottes, die die Bibel entfaltet, viel stärker auszuplaudern." Der 49-Jährige erklärt, dass Gott sich als Person auch dem einzelnen Gläubigen zuwende: "Ansprechen kann ich nur eine Person, ein Gegenüber, die komplexe Gestalt hat. Derzeit wird Gott in Gebeten zu wenig gefragt." In Gottesdiensten müsse auch Raum für kritische Fragen, etwa nach Leid und Krankheit, eingeräumt werden.

Schaede konkretisiert sein Gottesbild auf Nachfrage der "Welt": "Dass Gott uns Heilszusagen macht und Zukunftswünsche unterbreitet, ist nur beim Glauben an einen persönlichen Gott vorstellbar." Gott sei eben keine abstrakte Kraft. "Alle entscheidenden Ansagen des Neuen Testaments darüber, was Gott mit uns vorhat – vergeben, versöhnen, richten, neues Leben gestalten – sind Dynamiken, die nur personal vorstellbar sind." (pro)


VON: mb | 27.10.2012

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Kommentare [2] >>>

  • Mata Hari | 17.11.2012 12:35:22

    Ja, ich denke auch, dass die Rede von einer Energie nicht genügt, um Menschen vom Gott zu erzählen, der ihnen begegnen will und sich ihnen aussetzt in ihrer ganzen Menschlichkeit. Gleichzeitig kann ich verstehen, dass Menschen sich scheuen, von einem personalen Gott zu predigen, an den Menschen auch zurecht Forderungen stellen: "Du bist Gott, der mich kennen will!?! - Dann sieh zu, sei GOTT in meinem Leben und in dieser Welt! Greif ein und tu´ etwas gegen Leid und Ungerechtigkeit, so wie Du es in den Geschichten des Alten Testaments auch getan hast!" Die meisten Menschen erleben genau DAS nicht. Und für hauptamtliche Vertreterinnen und Vertreter der Kirchen ist es schwer, auf diese Erfahrung eines sich nicht kümmernden Gottes etwas zu erwidern. Ich kann verstehen, dass die Rede vom abstrakten Guten, von der alles durchfließenden Energie der Liebe die Verantwortung, für das, was passiert oder eben nicht passiert, zurückgibt an die Menschen. Eine abstrakte Vorstellung von Gott kann Gläubigen helfen, einen roten Faden in allem zu sehen - die eine göttliche Kraft, die uns umweht, die alles durchwirkt und sich durch alles zieht, was existiert - , lässt aber wiederum im Stich, wo ich in meiner Menschlichkeit ein Gegenüber brauche, das sich mir stellt und mir den Rücken stärkt. Von einer Person erwarte ich logisches, rationales, konkretes Handeln. Und einer Person kann und werde ich vorwerfen, wenn dieses Handeln ausbleibt oder sich meiner Logik verschließt. Für diesen Konflikt bietet die gängige Gottesdienstpraxis eines Agende-1-Gottesdienstes keinen Raum. Statt dessen wird von Gott geschwiegen oder er wird auf das Abstrakte reduziert. Vielleicht werden beide Arten, von Gott zu reden, Gott nicht gerecht. In jedem Fall braucht der personale Gott einen nicht nur seelsorgerlich, sondern auch gottesdienstlich zu verortenden Raum der Anklage - der Streit mit Gott als Möglichkeit der Begegnung.

  • Schn | 28.10.2012 02:09:12

    Viel Text; aber auch viele gute Aussagen: Ich stelle mir Gott als Christ tatsächlich als Person vor; genauso wie ich von meiner Frau ein personales Bild habe (Gott und meine Vorstellung von Gott als Person müssen dabei ebensowenig übereinstimmen, wie meine Frau und mein Bild von ihr (als Person)). Und definitiv: Wer in der christlichen Kirche von Gott als einem persönlichen Gegenüber abstand nimmt, der nimmt automatisch auch vom christlichen Abstand. Gott als Person - eine naive Projektion? Hypothetisch (also, damit auch die Atheisten mitmachen können) es gäbe einen Gott. Hätte ich als Mensch eine andere Chance, ihn mir näher vorstellen zu können als in Person? Die biblische Entwicklungsgeschichte schreibt in den 10 Geboten sogar noch einen NaivitätsKiller: das 2. Gebot, dass mich als gläubigen (evangelikalen) Christen auffordert, mir kein steifes Bild Gottes zu machen und dieses als Gott misszuverstehn.

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