Türkische Armee in Christenmorde verwickelt?
Ganze 32 Anhörungen hat es bereits im
Prozess um die getöteten Christen in Malatya gegeben. Das Verfahren
dauert mittlerweile über drei Jahre und je länger es läuft, desto
tieferen Einblick erhalten die Beteiligten in die Abgründe, die sich
hinter der Tat zu verbergen scheinen. Hatten die mutmaßlichen Täter
zunächst den Eindruck erweckt, islamistische Hintergründe zu haben,
so kommt mehr und mehr ans Tageslicht, dass es sich bei den
Malatya-Morden um eine Tat nationalistischer Extremisten handeln
könnte, die sogar mit der Armee zusammengearbeitet haben.
Wie
der Menschenrechtsanwalt Cengiz gegenüber pro bestätigte, sind in
der vergangenen Woche neue Verdächtige im Fall Malatya festgenommen
worden. Unter ihnen sind Armee-Angehörige, unter anderem ein
Mitarbeiter der türkischen Gendarmerie, des militärischen Armes der
Polizei. Cengiz erklärte weiter, er sehe es als höchst
wahrscheinlich an, dass die Gendarmerie in Malatya bereits im Vorfeld der Tat
von den geplanten Morden gewusst habe. So sei mittlerweile
erwiesen, dass die Behörde die Christen rund um die Uhr überwacht
habe, weil sie als Missionare und damit als potentiell gefährlich
für den Staat galten. "Dass sie unter diesen Umständen nichts von den Plänen der Mörder mitbekommen haben, ist unwahrscheinlich", sagte Cengiz.
Denn diese hatten sich über einen langen Zeitraum hinweg Zugang
zum Verlag verschafft und sich das Vertrauen der Christen
erschlichen.
Eine riesige nationalistische
Verschwörung?
Der Anwalt vermutet, dass ein Netzwerk
radikaler Nationalisten hinter den Morden steckt. Die Täter könnten
absichtlich dafür gesorgt haben, dass die Morde islamistisch
motiviert erschienen, um die Regierung unter Ministerpräsident Recep
Tayyip Erdoğan zu
schwächen und einen Putsch vorzubereiten. Der Politiker gilt als
religiöser Hardliner. Vielen Nationalisten ist seine Orientierung ein Dorn im Auge,
weil sie den Staat durch einen zunehmenden Einfluss des Islam
geschwächt sehen.
Andere Stimmen behaupten, die aktuelle
Festnahme sei eine Schikane der Regierung selbst. Wolfgang Häde,
Schwager des Malatya-Opfers Necati Aydin, erklärte gegenüber pro,
gerade in der letzten Zeit sei in der Öffentlichkeit auch der
Verdacht aufgekommen, regierungsnahe Kreise versuchten mit Festnahmen
wie den jüngsten, die nationalistische Opposition zu schwächen. Der
"Spiegel" berichtet unterdessen von Verhaftungen
regierungskritischer Journalisten. Hunderte Politiker, Professoren
und Offiziere seien in der Vergangenheit festgenommen worden, weil
sie verdächtigt würden, zu einer nationalistischen Verschwörung zu
gehören.
Auch nach drei Jahren ist im Malatya-Prozess noch
vieles unklar. "Wenn es so weitergeht, kann sich das Verfahren
noch Jahre hinziehen", sagte Anwalt Cengiz. Letztendlich sei das
aber nicht wichtig. Es zähle nur, dass die Taten aufgeklärt würden.
Viele glauben, die Anwälte näherten sich der Wahrheit immerhin spürbar an, so auch Wolfgang Häde: "Es gab Hinweise auf
Verbindungen zur Gendarmerie. Das ließ sich aus Aussagen der Täter
und aus Aufzeichnungen über ihre Handygespräche vermuten. Durch die
jüngsten Festnahmen scheint sich das bestätigt zu haben."
(pro)
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Weiterführende Links zu dem Thema
- Prozess gegen mutmaßliche Mörder von Malatya begonnen [pro]
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