Bücher | 05.03.2015

Hatune Dogan kümmert sich um Flüchtlinge, die vor dem syrischen Bürgerkrieg und dem Terror des Isalmischen Staates fliehen. Ihr Buch ist ein Appell an die westliche Welt, den radikalen Islam nicht zu unterschätzen

Hatune Dogan kümmert sich um Flüchtlinge, die vor dem syrischen Bürgerkrieg und dem Terror des Isalmischen Staates fliehen. Ihr Buch ist ein Appell an die westliche Welt, den radikalen Islam nicht zu unterschätzen
Foto: Open Doors/Brunnen Verlag (Cover)

Wider naive Toleranz

Hatune Dogan besucht Menschen, die vor dem Terror des Islamischen Staates (IS) geflohen sind. Die Geschichten, die die Ordensschwester hört, sind kaum zu ertragen – und ein Appell an den Westen. Eine Rezension von Jonathan Steinert

Mai 2014, Flüchtlingslager in Midyat, Südosttürkei, 60 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt: Farhad kommt aus der Nähe von Aleppo. Er hat vier Kinder zwischen fünf und 15 Jahren. Was er gesehen hat, treibt ihn zur Verzweiflung. Er verletzt sich selbst, schlägt sich so heftig, dass seine Hand dabei bricht. In seiner Heimat hat er mit angesehen, wie schwarz vermummte Kämpfer Menschen abschlachteten. Als er von seinem Feld mit dem Traktor nach Hause fuhr, passierte er Berge von nackten Leichen am Wegesrand, die meisten ohne Kopf, Hunde fraßen an ihnen herum. Seine Familie konnte er in Sicherheit bringen. Aber die Angst macht ihn fast wahnsinnig. Denn auch in Midyat gab es mittlerweile Kundgebungen, auf denen die Errichtung eines Kalifats und die Vernichtung aller „Ungläubigen“ gefordert wurde.

Farhads Geschichte ist kein Einzelfall. Die Ordensschwester Hatune Dogan kennt unzählige ähnliche Schicksale. Ihre eigene Geschichte ist die einer Flucht. Ihre Kindheit verbrachte sie in Zaz, einem Dorf im Tur-Abdin-Gebirge in der Südosttürkei. Schon im ersten Jahrhundert entstanden dort unter den Aramäern christliche Gemeinden. Es war das Zentrum der Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien.

Tod den Christen

Als Hatune Dogan 14 Jahre alt ist, drohen Muslime aus dem Nachbardorf ihrem Vater mit dem Tod. Die christliche Familie flüchtet nach Deutschland. Hier macht Hatune Dogan eine Ausbildung zur Krankenschwester und studiert Psychologie und Religionspädagogik. Mit siebzehn Jahren tritt sie in einen syrisch-orthodoxen Orden ein. 1999 begann sie eine karitative Arbeit in Indien, seit 2007 engagiert sie sich, inzwischen mit ihrem Hilfswerk „Stiftung Schwester Hatune – Helfende Hände für die Armen“, im Nahen Osten, insbesondere für verfolgte Christen.

Im Buch „Ich glaube an die Tat“, das Dogan zusammen mit der Journalistin Tonia Riedl geschrieben hat, berichtet sie von ihrer eigenen Geschichte und von denen, die sie in den Flüchtlingslagern hört. Darin werden die Ereignisse, die man aus den Nachrichten kennt und weit weg erscheinen, plötzlich sehr konkret. Was der Terror des IS für die Menschen in Syrien und dem Irak bedeutet, zeigt auch das Schicksal von Laleh.

Sie ist mit ihrem achtjährigen Sohn aus Nordsyrien nach Istanbul geflohen. Der IS hatte im Januar 2014 ihr Heimatdorf erobert und Lalehs Bruder, ihren Mann und den ältesten Sohn ermordet. Der jüngere überlebte, weil er sich hinter einem Stapel Kisten verstecken konnte. Er hatte alles mit angesehen und dann seine Mutter geholt. Auch sie sah die Leichen mit abgetrennten Köpfen im Blut liegen. Schwester Hatune hört ihr zu, versucht zu trösten und sie an die Hoffnung des Glaubens zu erinnern.

Nicht ohne meinen Gott

Als Dogan einmal in Ägypten im Urlaub ist, lässt sie sich überreden, vor einer Gruppe von koptischer Mädchen zu sprechen. Viele von ihnen haben sexuelle Traumata. Nach dem Vortrag am Vormittag will jedes der Mädchen persönlich mit Schwester Hatune reden, 132 Christinnen zwischen elf und sechzehn Jahren, die in einem muslimischen Umfeld leben. Bis drei Uhr nachts hört Schwester Hatune zu. „Was diese Mädchen mir berichten, reicht von Gehässigkeiten, Beschimpfungen und übergriffiger Berührung über Bedrohung mit Gewalt und Entführung bis zu Vergewaltigung und Zwangsbeschneidung.“ Dogan kennt das aus eigener Erfahrung, sie ist als Kind selber von muslimischen Männern bedrängt worden.

Dogan ist nicht die Heldin, die allen Opfern fröhlich Mut macht. Sie weiß, was es bedeutet, wegen des Glaubens angefeindet zu werden. Ihre Vorfahren waren vom Völkermord an den vorwiegend armenischen Christen vor einhundert Jahren betroffen. Sie leidet mit den fliehenden Menschen mit, die sie heute trifft.

Sehr offen schreibt sie davon, wie viel Kraft es sie kostet, für sie da zu sein, deren schlimmen Geschichten zu hören und die körperlichen und seelischen Spuren davon zu sehen. Dogan weiß, dass sie ihre Arbeit nur mit der geistlichen Kraft von Gott tun kann. Es ist ihr Glaube an Jesus, der sie antreibt und der sie stark macht. „Was ich tue, tue ich in seinem Namen. Deshalb kann ich auf seine Kraft vertrauen.“

Verstörend drastisch

Dogan gibt nicht nur ihre Erfahrungen aus den Flüchtlingslagern wieder. Sie zieht auch Schlussfolgerungen daraus. Das macht das Buch hochaktuell und politisch brisant. Denn der Bürgerkrieg in Syrien und die Untaten des IS betreffen Deutschland unmittelbar und längerfristig. Die deutsche Gesellschaft steckt mitten in einer Debatte darüber, wie sie mit Muslimen und dem Islam umgeht.

Dogan warnt davor, diese Frage auf die leichte Schulter zu nehmen. „Leider weiß ich aus meiner eigenen Erfahrung, dass die extremen Vertreter eines radikalen Islam weder Gewalt noch Verfolgung scheuen, um ihre Sicht der Dinge durchzusetzen. Und sie sind auch bei uns unterwegs.“ Sie fragt, ob Europa stark genug ist, um „einem möglichen Druck zur Islamisierung“ eigene Werte entgegenzusetzen. Ihre Zweifel sind zwischen den Zeilen nicht zu überlesen.

Mit leidenschaftlich deutlichen Worten nimmt sie die Christen hierzulande in die Pflicht, den eigenen Glauben zu vertreten und auf Menschenrechtsverletzungen hinzuweisen, statt „in blinder Naivität“ alles zu tolerieren. „Je mehr Boden wir als Christen im Zeichen vermeintlicher Toleranz aufgeben, umso stärker wird ein radikalisierender Islam auftreten.“ Sie stellt ausdrücklich klar, dass sie nicht gegen Muslime oder den Islam kämpft. „Aber ich hasse die islamischen Gesetze, weil diese Gesetze menschenverachtend sind.“ Darunter litten sowohl Muslime als auch Andersgläubige.

So drastische Äußerungen wirken angesichts einer politisch allzu korrekten Debattenkultur fast verstörend – aber das tut ihr gut. Verstören sollten vor allem die Beispiele, anhand derer Dogan aufzeigt, wie radikaler Islam für die Menschen aussieht, die in seinem Umfeld leben – und anders glauben. Sie sind ein Appell an den Westen und die Menschen der freien Welt, nicht wegzuschauen und zu beschwichtigen, sondern zu handeln. (pro)

Hatune Dogan/Tonia Riedl: „Ich glaube an die Tat. Im Einsatz für Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak“, Brunnen-Verlag, 192 Seiten, 9,99 Euro, ISBN 9783765542589

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