Bücher | 14.10.2015

Torsten Hebel will seinen Glauben wieder haben

Torsten Hebel will seinen Glauben wieder haben
Foto: Lea Wörner

Torsten Hebel verliert Glauben – und sucht Gott

Einer der bekanntesten Jugendevangelisten der vergangenen Jahrzehnte kann nicht mehr glauben – und ist traurig. Deswegen schreibt er ein Buch darüber, wie er sich in Gesprächen mit Freunden auf die Suche nach Gott macht. Ob er ihn wiederfindet? Eine Rezension von Nicolai Franz

Was kann es Schmerzhafteres geben, als den eigenen Glauben zu verlieren? Was kann es Verunsichernderes geben, als dass sich unter den Füßen der Boden auflöst, der jahrzehntelang getragen hat? Das als sicher geglaubte Ziel der himmlischen Erlösung, der Sinn des Lebens, ja, Gott selbst, erscheint nur noch als Hirngespinst, als frommer Wunsch, nichts weiter, der den Schrecken der Realität nicht standhalten kann. Zweifel, Traurigkeit, Perspektivlosigkeit treten an die Stelle des Glaubens.

So erging es Torsten Hebel. Dass ausgerechnet einer der bekanntesten Jugendevangelisten und christlichen Kabarettisten der vergangenen Jahrzehnte seinen Glauben an Gott verliert, kann für manchen christlichen Leser besonders belastend sein. Unzählige junge Menschen haben sich nach seinen Predigten bei evangelistischen Veranstaltungen wie Jesus House zum christlichen Glauben bekehrt. Ausführlich schildert Hebel in seinem neuen Buch „Freischwimmer“, wie kritisch er mittlerweile die „Aufrufe“ zu einer Entscheidung für Jesus im Anschluss an die Predigt sieht. Als manipulativ empfinde er sie, auch wenn er die Menschen, die sich auf diese Weise für ein Leben mit Christus entschieden hätten, weiter achte.

Warum greift Gott nicht ein?

Doch seine Glaubensfragen gehen tiefer. Hebel zweifelt an der Existenz Gottes überhaupt. Manchem Beobachter wird schon 2007 aufgefallen sein, dass Hebel als Evangelist bei Jesus House am Ende einer Predigt bemerkte, er habe Zweifel. Einer der Gründe dafür ist das Leid.

Immer wieder nimmt Hebel in seinem Buch Bezug auf seine soziale Arbeit in der Berliner blu:boks, in der er Kindern mit schwierigen sozialen Hintergründen hilft, ihr Selbstwertgefühl durch künstlerische Bildung zu entwickeln. Für Hebel ist der Gedanke unerträglich, dass diese Kinder, wenn sie von der blu:boks nach Hause zu ihren Familien gehen, wieder und wieder Leid, Demütigung und Erniedrigungen erfahren. Wie kann es sein, dass Gott da nicht eingreift? Im Grunde eine uralte Frage, die doch erst mit voller Wucht trifft, wenn sie Menschen existenziell berührt.

„Selbstwertmanufaktur“ nennt er die von ihm gegründete Einrichtung blu:boks. Die Krise des Selbstwerts ist auch das Thema, das sich durch seine eigene persönliche Glaubensvergangenheit zieht. Für Hebel, der in einem freikirchlichen Kontext aufwuchs und viele positive Dinge darüber zu erzählen weiß, haben manche Ausprägungen evangelikaler Frömmigkeit verhindert, dass er zu einer selbstbewussten und selbstbestimmten Persönlichkeit reifen konnte:

„Garniert mit Sätzen wie ‚Du bist, was du tust!‘ wurde in mir das Bewusstsein genährt, dass ich, so wie ich bin, falsch bin. Und weil ich falsch bin, bin ich nicht wertvoll. Und weil ich nicht wertvoll bin, ist die Gnade Gottes umso größer, dass er solch einen sündigen Menschen überhaupt liebt.“

Viele Christen werden solche Gedanken nachempfinden können, auch wenn sie eine gesündere Einstellung zum Thema Gnade und Selbstwert entwickelt haben. Doch nur wenige geben ihren Zweifeln so viel Raum wie Torsten Hebel.

Und die anderen Religionen?

Er sucht Gott. Denn er ist traurig, dass er ihn verloren hat. Er empfindet seine ehemalige Vorstellung von Gott als falsch. Hebel will wieder glauben können, weiß aber nicht, wie das gehen soll, ohne in Glaubensmuster zurückzukehren, die er als nicht mehr tragfähig empfindet, wie er selbst schreibt. Keine Frage wird ausgespart, und geht sie noch so sehr an die Existenz.

Gemeinsam mit langjährigen gläubigen Freunden und Weggefährten, von liberalen bis zu evangelikalen, spricht Hebel über Gott, das Verhältnis zu anderen Religionen, die Hölle, das Leid. Unter den Gesprächspartnern sind die Theologen Christina Brudereck, Kai Scheunemann, Klaus Douglass, Heinrich Christian Rust, Klaus Göttler, und die Journalisten Tim Niedernolte und Andreas Malessa. Daniel Schneider, ebenfalls Journalist, begleitet die Gespräche als Protokollant.Hebels Buch ist keine Abrechnung mit allem Konservativen und Evangelikalen. Nicht die Wut über Glaubensgeschwister sei sein Antrieb dafür gewesen, sondern Trauer über den Glaubensverlust.

„Das ist alles nichts Neues“

Seine Freunde nehmen ihn in den Gesprächen ernst, verurteilen ihn nicht. Allein diese Fürsorge und Empathie scheint für Hebel eine Befreiung zu sein. Zwar geraten manche Thesen der Freunde – trotz gegenteiliger Beteuerungen – etwas arg relativistisch und eher semantisch verklärt als inhaltlich belastbar. Aber gerade für Menschen, die unter einem als zu eng empfundenen Glaubensleben leiden, sind solche Worte heilsam.

Wirklich tröstlich ist eine Bemerkung, die der Journalist Andreas Malessa im Gespräch mit Hebel macht. Glaubenskrisen und Gotteszweifel hätten schon viele Menschen getroffen, auch etlichen Figuren in der Bibel:

„Da will ich dir zunächst mal ‚tröstlich‘ zurufen: Das ist alles nichts Neues, und es ist auch nicht einmal etwas Schlimmes. Häng die ganze Thematik tiefer und glaub nicht, dass dir da etwas Ungewöhnliches passiert, dass du der Einzige seist oder dass das besonders revolutionär sei.“

In der Tat ist keiner der Gründe für Hebels Glaubenszweifel sonderlich originell, sondern Jahrhunderte alt. Warum aber stellt dann jede Generation neu die immer selben Fragen an Gott? Auch hierzu machen sowohl Hebel als auch Malessa eine wichtige Beobachtung:

„Theologie ist zu 90 Prozent Biografie.“ Man kann noch so viel forschen, Bibel lesen, beten, in die Kirche gehen – am Ende bestimmt auch unser Umfeld und unsere Geschichte, was wir glauben.

Und so verlaufen auch die Grenzen der Konfessionen oft nicht unbedingt entlang der rational erschlossenen kirchlichen Bekenntnisse. Es sind auch die Persönlichkeitsstrukturen, die den Ausschlag geben, auch wenn das klischeemäßig klingen mag: Mystiker finden in der katholischen Kirche ein Zuhause, emotionale Christen gehen erst in einer Pfingstgemeinde richtig auf, während rational geprägte Menschen sich in einer Brüdergemeinde am wohlsten fühlen.

„Du bist zu emotional für den hauptamtlichen Dienst“

Wie muss es sich dann für einen Schauspieler anfühlen, in einer konservativen Freikirche aufzuwachsen? Narben in der Seele sind jedenfalls nicht verwunderlich, wenn selbst die eigenen Glaubensgeschwister Hebel bescheinigten:

„Ach, Torsten, du bist zu emotional für den hauptamtlichen Dienst. In einem Moment bist du himmelhochjauchzend und im nächsten Moment zu Tode betrübt. Glaub mir, du bist nicht dafür geschaffen, in dieser Art das Reich Gottes zu bauen.“

Und so ist es verständlich, dass auch ein exponierter Christ wie Torsten Hebel sich auf die ehrliche Suche nach Gott begibt, ohne zu wissen, wie die Reise ausgeht. Auch der SCM-Verlag wusste das nicht, als er sich für das Buchprojekt mit Hebel entschied – alleine das ist schon ein spannender Gedanke. Herausgekommen ist ein Werk, das an Ehrlichkeit kaum zu überbieten ist. Erschütternd, verunsichernd, wachrüttelnd und, mit der richtigen Einstellung gelesen, glaubensstärkend. Es zeigt, wie wichtig es ist, dass christliche Gemeinden mehr dafür tun müssen, nicht nur fürs Herz oder nur fürs Hirn zu predigen, sondern Herz und Hirn wieder zusammenzubringen. Erfreulich ist auch, dass der Theologe Siegfried Zimmer in seinem Nachwort auf herablassende Äußerungen gegenüber vermeintlich oberflächlichen Glaubenspositionen verzichtet.

Am Ende des Buches, so viel sei verraten, wird eine weitere wichtige Erkenntnis deutlich: Die meisten Glaubenszweifel haben weder mit ethischen Fragen noch mit unterschiedlichen Frömmigkeitsstilen zu tun, sondern mit dem eigenen Gottesbild. Die Art, wie man sich Gott vorstellt und welche Einflüsse damit zu tun haben, wird allzu häufig ausgeklammert, wenn es um theologische Diskussionen geht.

Glaubenszweifel darf man haben

Das bedeutet nicht, dass „Freischwimmer“ ausschließlich förderliche geistliche Gedanken enthält. Sicherlich müssen nicht alle Christen dieses Buch lesen. An manchen Stellen wünscht man sich dann doch eine Stimme, die noch weitere Sichtweisen auf Glaubenszweifel anbietet. Denn die gibt es – auch für einen biblisch fundierten, toleranten, gleichzeitig selbstbewussten und fest vertrauenden Glauben, wie er in verschiedenen Kirchen und Freikirchen gelebt wird. Ein christlicher Freischwimmer zu sein und gleichzeitig fest zu vertrauen – das muss kein Gegensatz sein. Das Buch „Warum Gott“ von Tim Keller ist dafür ein gutes Beispiel. Wer solche und andere Alternativen nicht kennt, auf dessen Glauben kann sich dieses Buch destruktiv auswirken. Für Menschen, die ohnehin kritisch-rational glauben und sich gerne mit skeptischen Fragen beschäftigen, kann „Freischwimmer“ sogar glaubensstärkend wirken, weil sich gerade in den Gesprächen eben auch kluge Gedanken finden, die man nicht jeden Sonntag auf der Kanzel hört.

Eine wichtige Einsicht des Buches ist in jedem Fall, dass man sich Glaubenszweifeln stellen darf, so, wie viele Figuren in der Bibel, wie es Martin Luther oder eben ein Torsten Hebel tat. Er schreibt: „Wenn man seine Zweifel annimmt und sie nicht verteufelt, dann verlieren sie an Macht und Gewicht.“ (pro)

Torsten Hebel/Daniel Schneider: „Freischwimmer: Meine Geschichte von Sehnsucht, Glauben und dem großen, weiten Mehr“, SCM Hänssler, 256 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 3775156453

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