Kommentar | 08.01.2016

Was in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof geschah, wird nun von manchen Rechten medial ausgenutzt

Was in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof geschah, wird nun von manchen Rechten medial ausgenutzt
Foto: Vegar Norman | CC BY-NC 2.0

Die Medien, der Hass und die Wahrheit von Köln

Die Diskussion über die Silvesternacht in Köln (und Hamburg) wird weiter hitzig geführt. Die Medien spielen nun eine der wichtigsten Rollen in dem Ringen darum, mit dem Geschehenen vom 31. Dezember 2015 richtig umzugehen. Manche Rechte und PEGIDA-Anhänger wittern ihre große Chance, das Informationschaos für ihre Ziele auszunutzen. Ein Kommentar von Jörn Schumacher

Es ist absurd, ignorieren zu wollen, dass die Tausenden jungen Männer, die in der Silvesternacht Passanten drangsalierten, misshandelten und ausraubten, arabischer oder nordafrikanischer Herkunft waren. Hunderte Augenzeugenberichte sprechen davon, und auch der offizielle Polizeibericht des Kölner Oberkommissars ist da eindeutig.

Es ist etwas naiv, jetzt nur darauf zu verweisen, dass Männer jeder Hautfarbe und jedes Kulturkreises Frauen vergewaltigen – und sei es mit der Absicht, Flüchtlinge oder Menschen mit Migrationshintergrund zu schützen. Die Ausmaße der Vorfälle in Köln und Hamburg fallen aus dem Rahmen, die Homogenität der beschriebenen Täter ist nicht wegzudiskutieren. Manche Beobachter vermuten gar eine regelrechte Planung und Inszenierung der auf den Bahnhofvorplatz konzentrierten kriminellen Aktion. Der Polizeibericht greift einige Statements der tobenden Masse heraus. „Ich bin Syrer, ihr müsst mich freundlich behandeln! Frau Merkel hat mich eingeladen“, soll einer der jungen Männer vor Ort gesagt haben. Ein anderer zerriss grinsend vor den Augen eines Polizeibeamten seine Aufenthaltserlaubnis mit den Worten „Ihr könnt mir nix, hole mir morgen einen Neuen.“ Die Medien sind verpflichtet, darüber zu berichten, und versäumen sie das, muss dringend eine Diskussion über das Selbstverständnis der berichterstattenden Medien geführt werden.

Es ist aber natürlich unmöglich, nur aufgrund des Aussehens einer Person zu wissen, woher genau diese kommt, ob sie ein Flüchtling ist oder schon seit langem in Deutschland lebt, ob sie vielleicht einen deutschen Pass hat. Schnellschüsse können hier nur falsch sein. Vielleicht waren die Täter ja sogar so perfide, vorzutäuschen, dass sie Flüchtlinge sind? Es gibt genug Gruppen, denen gefällt die Hilfsbereitschaft gegenüber den Flüchtlingen aus Syrien und anderen arabischen Ländern überhaupt nicht. Der IS selbst, der zu einem großen Teil dafür verantwortlich ist, ist entsetzt über so viel „christliche Nächstenliebe“ in Europa. Das berichten Personen, die sich unter die Anhänger des IS gemischt haben. Es darf nicht sein, dass aus der Silvesternacht in Köln und Hamburg ein leiser Krieg entsteht, dessen Opfer am Ende – wieder – die Flüchtlinge sind. Es ist wahr, dass die Stellung der Frau in den meisten arabischen Ländern eine ganz andere ist als in europäischen Ländern. Es ist gut, dass Frauenrechtlerinnen den Kampf für die Gleichberechtigung weiter führen und verstärkt auf die entsprechenden Probleme in arabischen oder islamischen Kulturkreisen hinweisen. Aber uns bleibt wohl nichts anderes übrig, als auf das Rechtssystem zu vertrauen, das übrigens jeden Menschen gleich behandeln muss.

Angebliche Augenzeugenberichte schüren Hass

Fremdenfeinde und Rechte wittern nun ihre große Chance. Wie die Rheinische Post berichtet, sind längst Fälschungen von Augenzeugenberichten und sogar angeblich amtlichen Dokumenten im Netz im Umlauf. Das Foto einer angeblichen „Verschwiegenheitserklärung“ wird tausendfach geteilt: Das als Fälschung identifizierte Dokument soll eine unterzeichnete Erklärung zwischen einem Zeugen und der Regierung in Nordrhein-Westfalen zeigen, das Stillschweigen zu den brutalen Vorgängen in der Silvesternacht fordert.

„Köln ist erst der Anfang!“ warnen manche in Internetforen. Beim nächsten Karnevalstrubel werde es noch schlimmer. Ein Video macht die Runde, das angeblich eine junge Frau vor dem Kölner Hauptbahnhof am 1. Januar zeigt, die „von einem Mob aus Asylschmarotzern“ bedrängt wird. In Wirklichkeit handelt es sich um Aufnahmen vom Tahrir-Platz in Kairo - vom 30. Juni 2013.

In kommerziellen Fotodatenbanken wie „Getty Images“ suchen manche Internetnutzer Fotos heraus, die arabisch aussehende Männer zeigen, die junge Frauen bedrängen. Obwohl diese Fotos alt und aus ganz anderen Situationen stammen, behaupten die Nutzer, die solche Fotos in sozialen Netzwerken posten, dass sie aus der Silvesternacht von Köln stammen.

Mittlerweile ist die Silvesternacht auch weltweit übers Internet zum Thema geworden. Auf dem bekannten Webportal „Reddit“, das sich selbst als „Titelseite des Internet“ bezeichnet, machte das Video eines deutschen Mannes die Runde, der in der Silvesternacht in Köln war. Bisher habe er nichts gegen Ausländer gehabt, sagt er, doch nun sei seine Geduld am Ende. Was er in der Nacht gesehen habe, bedeute für ihn eindeutig, dass die Flüchtlinge eine Gefahr darstellten. Für den Mann, der kaum zu erkennen ist, weil er im Dunkeln sitzt, scheint es klar zu sein, dass es sich bei den randalierenden jungen Männern um die gleichen Menschen handelt, die „wir vor drei Monaten noch mit Teddybären und Wasserflaschen in München am Hauptbahnhof empfangen haben“. Die hätten nun „auf den Dom geschossen“. Sein Video ist nicht nur ein Augenzeugenbericht, sondern zugleich ein Appell: „Es wird eskalieren!“, sagt er. „Ich habe immer gedacht, diese Videos etc. sind alles rechte Publikationen von PEGIDA. Nein, Leute, das war wirklich echt.“ Niemand kann sagen, ob es tatsächlich die gleichen Menschen sind, die zuvor Teddybären geschenkt bekamen und nun um sich schießen, aber es kann niemanden verwundern, dass Rechte und PEGIDA-Anhänger nun mit allen Mitteln versuchen, die Vorkommnisse von Köln und Hamburg medial für ihre Ziele zu instrumentalisieren. Dass die Anzeigen und die Berichte der Polizei von der Silvesternacht nur schrittweise an die Öffentlichkeit geraten, und dass die Medien offenbar eine Aufgabe darin sehen, zu filtern, was der Bürger erfahren sollte und was nicht, erschwert es für alle, den Überblick zu behalten.

Vielleicht wird die schwierige Situation, in der arabischstämmige Menschen in Deutschland derzeit stecken, durch ein Foto verdeutlicht, das die Tageszeitung Die Welt heute abdruckte. Zu sehen ist ein arabisch aussehender Mann mit einem Schild vor dem Kölner Dom. Darauf steht in ruckeligem Deutsch und in krakeliger Handschrift: „Tut mir leid was passier ist um Köln Frauen in der Stadt von New Year“. (pro)

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