Gesellschaft
Kommentar
Schulpflicht oder Bildungspflicht?
In Deutschland herrscht "Schulpflicht", nicht "Bildungspflicht"
Foto: pro
Ja, vielen Kommentatoren ist klar, dass die Familie Romeike ihre fünf Kinder aus dem Grund nicht in eine staatliche Schule schicken wollte, weil die Eltern manche Inhalte des Unterrichtsprogrammes nicht mit ihren religiösen Überzeugungen in Einklang bringen konnten. Nur aus diesem Grund unterrichten sie ihre Kinder zu Hause, mit Materialien, die sie von einer Fernschule erhalten – wie das Millionen andere Familien in Amerika und zahlreichen europäischen Staaten auch tun, legal.
Die Vertreter von Homeschooling sehen das in dieser Woche verkündete Urteil als weiteren Schritt hin zu dieser Legalisierung. Das ist auch etwa dem Deutschen Lehrerverband klar, der empört reagiert: "Ich kann nicht nachvollziehen, dass ein demokratisches Land wie die USA demokratisch entstandene Gesetze in Deutschland als Verstoß gegen die Menschenrechte ansieht. Jeder demokratische Staat ist legitimiert, sein Schulsystem zu regeln", sagte Lehrerverbands-Präsident Josef Kraus.
Die baden-württembergische Familie ist jedoch eine Ausnahme – und das in zweierlei Hinsicht. Erstens gehen die Kinder von dem überwiegenden Teil der Christen auch in Deutschland auf eine staatliche Schule. Und zweitens sind es nicht allein Christen, die sich dafür einsetzen, dass auch in Deutschland der Unterricht zu Hause legalisiert wird. Dass jeder Staat sein Schulsystem individuell gesetzlich regeln kann, ist klar. Doch muss er seine Regelungen auch begründen – und da gerät Deutschland immer mehr in Erklärungsnot.
Denn dass der Unterricht zu Hause - ob nun aus religiösen, pädagogischen oder beiderlei Gründen - nicht nur in den USA, sondern auch in zahlreichen europäischen Staaten wie Österreich, Belgien oder auch in der Schweiz erlaubt ist, in Deutschland aber nicht, kann nicht durch Verweise auf die Gesetze zur "Schulpflicht" erklärt werden. Vielmehr müsste erläutert werden, warum nicht auch in Deutschland eine "Bildungspflicht" ausreicht.
Kommentare [7] >>>
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SusanneStorch | 07.02.2010 13:53:27
Ich finde das Deutschland mit seiner Vergangenheit der Unterdrückung von Randgruppen und der "Gleichmachung" durch Uniformierung, sich endlich erwachsen zeigen sollte. Das es zeigen sollte, dass es die Stärke hat zuzulassen, dass sich Menschen in Ihrer Vielfältigkeit + Besonderheit zeigen. Dies ist in Staatsschulen schlecht. Dort wird uniformiert und pauschalisiert. Verlacht, wenn er dem Status Quo nicht entspricht und an den Pranger gestellt. Lasst uns dankbar sein, dass Göthe, Schiller, Einstein und andere große Denker unser heutiges Schulsystem nicht durchlaufen mussten - denn große Geister lassen sich schlecht durch kleine Maschen quetschen.
Susanne | 06.02.2010 11:58:30
Es mag ja sein, dass Unterricht zu Hause für manche Kinder Vorzüge hat - aber was halten diese Eltern von den ersten Versen aus Römer 13? Klar können Gesetze geändert werden. Solange sie gültig sind, geben Christen kein gutes Zeugnis ab, wenn sie ihren Glauben vorschieben, um geltendes Recht zu umgehen.
Dorothea Stockmann | 01.02.2010 19:33:27
Hut ab vor allen Eltern wie die Romeikes, die nicht nur 5(!) Kindern das Leben schenken, sondern auch noch die Kraft und Disziplin aufbringen, sich eine Ganztagsbetreuung "ans Bein zu binden". Es wäre doch so viel einfacher, die Kinder in die Schule zu schicken und wenigstens den Vormittag mal freie Bahn zum Putzen (oder vielleicht mal Ausruhen?) zu haben. Ich finde, anstelle von Kritik und seltsamen Verdächtigungen (wir leben immerhin im Christlichen Abendland) sollten diese Eltern einen Orden kriegen und überall in Zeitungen und Fernsehen als gutes Beispiel für fürsorgende und engagierte Eltern hingestellt werden!
Michael S. | 01.02.2010 10:00:01
(Teil2) Was ist, wenn Eltern nicht für befähigt befunden werden zu unterrichten? Wird es ein Recht, seine Kinder von wem man möchte unterrichten zu lassen oder besteht darauf kein Anspruch, wenn das Schulamt Gründe dagegen findet? Müssen die Inhalte des Unterrichts mit dem Lehrplan übereinstimmen? Was ist, wenn die einen in Biologie nicht die Evolution lehren möchten, die nächsten hingegen in Geschichte das 3.Reich verklären oder in Religion die Ur-Katholiken antisemitische Ansichten (vor-konzilisch) unterrichten oder im Musikunterricht verbotenes, nationales Liedgut gesungen wird? Fragen über Fragen - das ist ein komplexes Thema, finden Sie nicht?
Michael S. | 01.02.2010 09:59:24
Lieber Herr Dippel, was sind denn nun die Argumente FÜR eine Bildungspflicht? Und wie stellen Sie sich diese vor? Müssen die Homeschooler dann jährlich zu einer Prüfung ins Schulamt? Dürfen Koranschulen auch unterrichten? Muss der Unterricht in deutscher Sprache stattfinden? Muss das Schulamt darauf achten, dass die freiheitlich demokratische Grundordnung des GG zu Grunde liegt? Brauchen die Unterrichtenden eine eigene Prüfung? Brauchen wir Sozialprognosen für die Kinder, um sozialer Vereinsamung zu begegnen?
Benjamin | 30.01.2010 00:30:58
So sieht es aus. Es ist auf Dauer einfach nicht mehr tragbar, dass Deutschland auf seiner Schulpflicht beharrt. Die vielen Kritiker, die sich einzig und allein an der religiösen Motivation der Romeikes zum Hausunterricht melden, schießen am Ziel vorbei. Die absolut größte Mehrheit der Homeschooler in den anderen Ländern tut das nicht aus religiösem Hintergrund, sondern aus Unzufriedenheit mit dem jeweils herrschenden Schulsystem. Man sollte einfach jede Familie selbst entscheiden lassen, welchen Bildungsweg sie für ihre Kinder am sinnvollsten halten... Aber sicher nicht eine 1-stündige Fahrt pro Strecke zur nächsten Sonderschule, nur weil das Kind nicht auf eine "normale" Schule kann, aber in die Schule MUSS!
Dagmar Neubronner | 29.01.2010 23:18:02
Dabei liefern sämtliche wissenschaftlichen Untersuchungen ein anderes Bild, ebenso wie die Realität in all den Ländern, wo freies Lernen legal ist: Freilerner sind nicht nur besser gebildet, sondern auch sozial aktiver, selbstbewusster, später als Erwachsene öfter ehrenamtlich und politisch aktiv und insgesamt zufriedener mit ihrem Leben als der Durchschnitt. Mangels Argumenten wird jetzt Häme über die religiöse Einstellung der Familie Romeike ausgegossen - mit derselben Begründung kann man Eltern das Sorgerecht entziehen, weil sie ihren Kindern vom Weihnachtsmann und Osterhasen erzählen. Wenn wir Eltern uns nicht wehren, wird man uns bald verbieten, für unsere Kinder zu kochen, und stattdessen staatliche Kantinen mit Einheitsspeisekarte (im ständigen Reformprozess) verpflichtend machen. Am Ende wachsen sonst noch Kinder heran, die vegetarisch ernährt werden, oder koscher, oder nach türkischer, russischer, italienischer Küche - gefährliche Parallelgesellschaften!