Journalismus | 06.01.2015

Wolfgang Donsbach ist Professor für Kommunikationswissenschaft an der TU Dresden

Wolfgang Donsbach ist Professor für Kommunikationswissenschaft an der TU Dresden
Foto: Steffen Füssel

Pegida: „Nicht Aufgabe der Medien, Partei zu ergreifen“

Die publizistische Kultur in Deutschland straft politisch inkorrekte Menschen ab, statt ihre Meinung fair abzubilden. Das erklärt der Dresdner Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Donsbach und wünscht sich von Journalisten, keine Partei gegen Pegida zu ergreifen.

pro: Der Spiegel titelte 2007: Mekka Deutschland – die stille Islamisierung. Heute schimpft der Spiegel auf Demonstranten, die vor einer Islamisierung warnen. Ist das fair?

Wolfgang Donsbach: Ob das fair ist, will ich nicht beurteilen, vermutlich gibt es auch unter den Spiegel-Journalisten unterschiedliche Meinungen zur ‚Islamisierung‘. Es zeigt jedenfalls, dass die Medien keinen logischen, kohärenten Systemen in ihrer Themenwahl folgen. Die Medien haben als Frühwarnsystem die wichtige Funktion, Themen zu platzieren, die noch nicht so aktuell sind, aus denen aber etwas größeres werden könnte – so erklärt sich für mich dieser Titel.

Die Bild-Zeitung hat am Dienstag eine Kampagne gegen Pegida im Internet und der gedruckten Ausgabe gestartet. Wie bewerten Sie das?

Es ist nicht die Aufgabe einer Zeitung oder eines Journalisten, Partei zu ergreifen. Medien sollen sich nicht zum Anwalt einer Seite machen, sondern beide Perspektiven abbilden. Das mag gut gemeint sein, ist aber nicht vereinbar mit der journalistischen Distanz, mit der man an die Sache herangehen sollte.

Auf den Pegida-Demonstrationen wird auch gegen die sogenannte ‚Lügenpresse‘ skandiert. Was meinen die Demonstranten damit?

Es gab schon viele Untersuchungen über Medienkritik. Meist ging es dabei darum, dass die Medien die Erwartungen der Bildungsbürger nicht erfüllen. Bei Pegida ist es vermutlich eher das Gefühl, dass die Medien die Interessen der kleinen Leute nicht vertreten und zu links, zu multikulti eingestellt sind.

Identifizieren die Pegida-Demonstranten also einen Unterschied zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung?

Dem würde sicher eine Mehrheit der Pegida-Anhänger zustimmen. Viele haben das Gefühl, dass die Berichterstattung abgehoben und intellektuell ist und die Sorgen der ‚normalen Leute‘ kein Gehör mehr finden. Diese subjektive Wahrnehmung hat Ursachen. Eine davon ist meines Erachtens, dass die ‚Lügenpresse‘-Rufer sich nicht mehr die Mühe machen, Zeitung zu lesen, weil die Zeitungen ihrer Ansicht nach sowieso lügen. Viele werden also gar nicht kennen, was sie kritisieren!

Ist die ‚political correctness‘ ein Grund für das schwindende Vertrauen in die Presse, das im vergangenen Jahr zu beobachten war?

Wir haben in der Tat eine politische und publizistische Kultur, in der Menschen, die wie damals Thilo Sarrazin mit sachbezogenen Argumenten an die Öffentlichkeit gehen, sofort moralisch abgestraft werden, anstatt eine inhaltliche Auseinandersetzung zu erleben. Auch bei Pegida hatten die Medien zunächst wenig Interesse daran, herauszufinden, was die Teilnehmer wollen. Stattdessen haben sie die Demonstranten gleich als Rassisten, Hasser und Ausländerfeinde vorgeführt.

Wobei eben solche ja auch dabei waren.

Das ist richtig, und über die zum Teil zwielichtigen Organisatoren spreche ich hier nicht. Aber eine Bewegung von 18.000 Menschen, von denen vermutlich die meisten tatsächlich Ängste haben, ob begründet oder nicht, sollte nicht so abgestempelt werden.

Negative Berichterstattung über Zuwanderer führt zu Vorurteilen. Eine rein positive Berichterstattung erweckt den Eindruck, es würden Probleme verschwiegen, und die Pegida-Demonstranten fühlen sich in ihrem Vorurteil „Lügenpresse“ bestätigt. Was können Journalisten machen?

Wir brauchen eine Versachlichung der Debatte, sodass die Medien unaufgeregt alle Aspekte der Zuwanderung nennen. Es ist ja ein offenes Geheimnis, dass ein beträchtlicher Teil der Menschen, die als Asylbewerber in unser Land kommen, nicht wirklich politisch verfolgt werden, sondern aus wirtschaftlichen Gründen kommen. Diejenigen senden wir wieder nach Hause, um den anderen noch besser helfen zu können. Die Vielschichtigkeit solcher Themen wie Asyl und Zuwanderung müssen die Medien beim Namen nennen.

Am Montag ist die Zahl der Pegida-Demonstranten abermals gestiegen. Eine Trotzreaktion auf die vernichtende Medienberichterstattung?

Das würde ich nicht sagen. Stattdessen: Da die Medien mehr über Pegida berichten, bekommen die Teilnehmer das Gefühl, endlich gehört und gesehen zu werden. Das ist eine psychische Motivation auch für Leute, die sonst eher nicht auf die Straße gehen.

Herr Donsbach, vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Moritz Breckner. (pro)

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