Journalismus | 15.01.2016

Jan Fleischhauer

Jan Fleischhauer
Foto: pro

Jan Fleischhauer gegen „Nanny-Journalismus“

Der Spiegel-Autor Jan Fleischhauer glaubt nicht an den Krisenbefund der Medien. Auf dem christlichen Medienkongress in Schwäbisch-Gmünd betonte er, dass es in den Medien besser aussehe als vor 20 Jahren. Er hielt zum Auftakt des Christlichen Medienkongresses ein Impulsreferat.

Spiegel-Autor Jan Fleischhauer machte beim Christlichen Medienkongress eine Bestandsaufnahme der aktuellen Medienlandschaft. Er beschäftigte sich mit der Frage, ob sich klassische Medien selbst abschaffen und wohin der Qualitätsjournalismus sich entwickelt. Aus seiner Sicht schaffen sich die Medien nicht ab, obwohl überall von einer Medienkrise die Rede sei. Journalisten seien zu satt, zu träge und zu einseitig, lauteten die Vorwürfe. Journalisten werde vorgeworfen, nicht richtig zu recherchieren und unangenehme Themen wieder in der Versenkung verschwinden zu lassen. „Im Zweifel sind wir korrupt oder als Teil des Systems identifiziert“, karikierte Fleischhauer.

Hört auf mit dem „Nanny-Journalismus“

Der aufgekommene Begriff „Lügenpresse“ existiere schon seit 1916. Aktuell in der Debatte sei er seit dem Russland-Ukraine-Konflikt. Fleischhauer kritisierte: „Es gibt kaum ein Bild oder einen O-Ton, bei dem man Menschen nicht dazusagt, welchen Reim sie sich darauf machen sollen.“ Bei diesem „Nanny-Journalismus“ trauten Zeitung und Fernsehen ihren Nutzern nicht mehr zu, sich selbst eine Meinung zu bilden. Es liege in der Natur des Berufs, das Journalisten zur Erziehung der Menschen neigen.

Einen schleichenden Untergang der gedruckten Medien wollte Fleischhauer nicht sehen. Online-Redaktionen lebten von dem, was „die von ihr verhöhnten gedruckten Produkte“ produzierten. Er bemängelte, dass aus jedem lauen Lüftchen eine Netzbewegung und aus jeder Aufregung einiger weniger Leute ein Shitstorm konstruiert werde: „Brechen Sie die dortigen Zahlen einmal herunter. Das ist nur ein Bruchteil der Wahlberechtigten.“

Fleischhauer verdeutlichte, dass heute kaum eine Redaktion ohne Social-Media-Experten auskomme. Teilweise würden große Online-Foren abgeschaltet, weil man nicht mehr zu einer angemessenen Moderation komme. Fleischhauer selbst erzählte von einem Fan, der ihn täglich mit den Worten „Hey Du Arschloch!“ begrüße. Er sei schon froh, wenn einen die Leute originell beleidigten.

Idioten habe es schon vor den sozialen Netzwerken immer gegeben, man sehe sie heute nur mehr. Diese Menschen fühlten sich nicht mehr als Außenseiter, sondern als Meinungsführer, die von anderen in ihrem Wahn bestätigt werden. Sie benutzten häufig Quellen, die sich nicht an den Pressekodex hielten. Fleischhauer, von 2001 bis 2005 Spiegel-Korrespondent und seit 2008 Spiegel-Autor, wünschte sich von den Journalisten, die sich oft als Anwälte gerierten, sich weniger wichtig zu nehmen. „Wenn sie sich wichtig nehmen, lassen sie es das Publikum merken und wenn sie es das Publikum merken lassen, würzen sie es mit einer Portion Selbstironie.“

Spüren, wem wir vertrauen und wer unsere Hoffnung ist

Markus Bräuer, Medienbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland, erinnerte an Luthers Erkenntnisse der Reformation. „Wir sind mehr als unsere Fehlleistungen“ sei eine gute Zusage, mit der wir andere einladen und ansprechen könnten, wünschte sich Bräuer. Er ermutigte dazu, das Evangelium aktuell und verständlich weiterzugeben. Christen müssten fragen, mit welchen Inhalten und Umgangsformen sie sich an die Öffentlichkeit wandten. Bei der Weitergabe müsse nicht nur über den Weg beraten werden, sondern auch wie zeitgemäß sein Inhalt ist: „Die Leser und Nutzer müssen spüren, wem wir vertrauen und wer unsere Hoffnung ist.“

Martin Scheuermann zeigte sich als Gastgeber erstaunt, wie Medien Fakten verdrehen können. Er verwies auf das aktuelle Charlie-Hebdo-Cover. Die Stiftung Marburger Medien habe mit einer sehr guten Anzeige in der FAZ darauf reagiert. Der Kongress solle dazu dienen, Christen in den Medien und christliche Medien zu ermutigen. Der christliche Medienkongress findet zum vierten Mal im Gästehaus Schönblick in Schwäbisch Gmünd statt, das in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag feiert. Unter dem Hashtag #Medienkongress ist es möglich, im Internet „best-practice-Projekte“ zu teilen. (pro)

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