Journalismus | 26.01.2016

Der Salafisten-Prediger Pierre Vogel trägt Bart. Dieses Aussehen, verbunden mit radikalen religiösen Ansichten und Gewaltbereitschaft, ist zu einem Stereotyp über Muslime geworden.

Der Salafisten-Prediger Pierre Vogel trägt Bart. Dieses Aussehen, verbunden mit radikalen religiösen Ansichten und Gewaltbereitschaft, ist zu einem Stereotyp über Muslime geworden.
Foto: ireas, Wikipedia | CC BY-SA 3.0

Islam ist mehr als ein Mann mit Bart

Die Bundesregierung will Islamische Theologie an deutschen Hochschulen weiterhin fördern. Das Department für Islamisch-Religiöse Studien an der Uni Erlangen, eines von fünf Zentren, beschäftigt sich seit diesem Semester auch mit Islam und Medien. Professorin Maha El Kaisy erklärt die Ziele dahinter, und was differenzierte Berichterstattung für sie bedeutet.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat vergangene Woche bekanntgegeben, dass es die fünf Zentren für Islamische Theologie an deutschen Hochschulen weiterhin finanziell fördern möchte. Diese gibt es seit 2011 und 2012 an den Universitäten Tübingen, Münster, Frankfurt am Main, Osnabrück und Erlangen-Nürnberg. Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) sieht darin eine „Erfolgsgeschichte“ und ein Integrationssignal. Sie lobte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, dass es „einen interessanten wissenschaftlichen Austausch“ gebe und die Islamzentren national wie international „viel Beachtung“ fänden. Insgesamt seien derzeit rund 1.800 Studenten in Islamischer Theologie eingeschrieben, 300 mehr als im vergangenen Jahr. Von Seiten des Bundes ist derzeit keine Erweiterung des Förderangebotes geplant.

Am Department für Islamische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg gibt es seit diesem Wintersemester in Zusammenarbeit mit der Abteilung Christliche Publizistik am Fachbereich Theologie den Schwerpunkt „Medien und Islam“. Maha El Kaisy hat den Lehrstuhl für Islamisch-Religiöse Studien mit Praktischem Schwerpunkt inne. Im Gespräch mit pro erklärt sie, was die Ziele der neuen Studienrichtung sind und wie sie die Berichterstattung über den Islam in deutschen Medien wahrnimmt.

pro: Welches Anliegen haben Sie mit dem Fokus auf „Medien und Islam“?

Maha El Kaisy: Der Schwerpunkt Islam und Medien im Master-Studiengang Medien-Ethik-Religion ist eine Erweiterung des vor fünf Jahren bei der Christlichen Publizistik eigerichteten Masters. Seit Oktober 2015 ist er offen für Studierende mit speziellem Interesse am Islam. Unser Hauptanliegen mit dem neuen Schwerpunkt ist, dass angehende Journalisten bei uns wissenschaftlich fundierte Kenntnisse über den Islam bekommen, damit sie bei diesem Thema wirklich wissen, wovon sie sprechen. Unsere Absolventen arbeiten sich ins journalistische Handwerk ein und reflektieren dabei gleichzeitig ethisch-religiöse Fragestellungen, die sich im Kontext von Islam und Gesellschaft ergeben. Durch den Master „Islam und Medien“ bieten wir den Bachelor-Studenten an unserem Department die Möglichkeit, eine journalistische Karriere in diese Richtung einzuschlagen.

Wie bewerten Sie die Berichterstattung über den Islam in deutschen Medien?

Es gibt natürlich positive und negative Beispiele, es gibt da verschiedene Qualitäten. Zeitungen wie Die Zeit oder das Magazin Der Spiegel sind oft differenziert. Es gibt auch welche, die mehr oder weniger propagandamäßig und einseitig berichten. Für mich ist wichtig, dass die Berichterstattung differenziert ist und verschiedene Seiten eines Ereignisses zeigt. Wenn Medien das tun und den Leser entscheiden lassen, was seine Meinung ist, würde ich das Qualitätsberichterstattung nennen. Mich stört es, wenn nur sehr kurze Berichte und Bilder gezeigt werden ohne Details, mit denen man versteht, was wirklich passiert ist. Da sehen Sie zum Beispiel Gewalt von einem Mann mit einem Bart und der Bericht sagt, dass es so und so passiert ist – dann entsteht ein bestimmtes Bild im Kopf, und man weiß, Islam ist ein Mann mit einem Bart und eine Frau mit einem Kopftuch, und sofort ist man psychologisch dagegen. Oft fehlt der richtige Kommentar zu den Ereignissen, die differenzierte Sicht.

Es gab in der Debatte über die Vorfälle zu Silvester in Köln auch den Vorwurf, es sei rassistisch, die Taten mit dem kulturellen Hintergrund der Täter und dem Islam in Verbindung zu bringen. Wie sehen Sie das?

Mittlerweile gibt es eine differenzierte Berichterstattung über diese Ereignisse. Da sind schon einige gute Kommentare gekommen, die zum Beispiel zeigen, dass Algerier und Marokkaner offensichtlich große Probleme hier haben. Manche sind als Flüchtlinge anerkannt, aber können noch nicht arbeiten. Deshalb sind sie wahrscheinlich auf Diebstahl aus. Das muss man natürlich auch diskutieren. Ich sehe Köln nicht als reinen sexuellen Missbrauch. Natürlich ist es das auch gewesen; auch haben die problematischen Vorstellungen von Frau und Mann im Islam etwas damit zu tun. Aber ob das der Grund für diese Situation ist, das bezweifle ich. Das muss ja nicht zu Kriminalität führen. Das ist normalerweise auch in islamischen Ländern nicht der Fall.

Es gibt Vorwürfe an die Medien, sie würden negative Seiten der Flüchtlingssituation ausblenden. Wie nehmen Sie das wahr?

Ich glaube, mittlerweile ist die Stimmung etwas anders geworden. Am Anfang der Flüchtlingsströme hat man schon gesehen, dass Journalisten die Flüchtlinge schonen und nicht über sie als Muslime oder Araber sprechen, weil man die Unterstützung für diesen gesamten Prozess wollte. Aber mittlerweile hat man auch da gesehen, dass es bestimmte Sachen gibt, über die man auch berichten muss. Denn klar, die Flüchtlinge kommen aus allen Schichten – auch bei Ihnen gibt es ebenso wie bei uns einen Prozentsatz, der zur Kriminalität neigt. Und wir haben auch schon gesehen, dass es zwischen Muslimen und Christen in den Auffanglagern Probleme gibt. Das zeigt, dass man nicht über die Flüchtlinge insgesamt reden kann, sondern auch da ein differenziertes Bild braucht. Das ist nicht Rassismus, sondern Realismus. Man muss die Tatsachen schon auf den Tisch bringen. Deshalb sehe ich nicht, dass es Rassismus ist, wenn man über Flüchtlinge als Araber oder Muslime spricht.

Die Menschen, die aus dem arabischen, islamischen Raum hierher kommen, bringen auch ihr Kulturverständnis mit ...

Ja, natürlich. Und es wäre kindisch, wenn man das anders denkt. Jeder, der in ein anderes Land kommt, bringt seine eigene Kultur mit. Aber die Integrationsmöglichkeiten für neue Leute sind verschieden, je nachdem aus welcher kulturellen Schicht sie kommen, ob sie selber gebildet sind oder aus sehr simplen Verhältnissen kommen. Wer studiert hat und sich weiterentwickeln möchte, hat es einfacher, sich in eine neue Kultur zu integrieren. Ich muss jedoch zugeben, dass es auch viele Leute aus einfachen Verhältnissen gibt, die sich sehr bemühen. Am Ende ist es der persönliche Wunsch, ob man mit den Menschen hier leben möchte, oder sich ausschließt und seine eigene Kultur weiterlebt. Man kann nicht alle Muslime in einen Topf werfen.

Wie haben sich die islamistischen Terroranschläge von Paris auf die Berichterstattung über den Islam ausgewirkt?

Einerseits hat man gesehen, dass die Terroristen weiter gehen, als man sich das vorstellen konnte. Andererseits konnte man auch ein differenziertes Bild darüber bekommen, wie die Terroristen denken und die europäische Situation wahrnehmen. Ich finde das einen wichtigen Punkt, dass man zeigt, wie Leute dazu kommen, so etwas zu tun. Ob das nur religiös war oder ob es ganz viele andere Seiten gibt, ökonomische oder politische zum Beispiel.

Inwiefern spielt das auch in Ihrem Studiengang eine Rolle?

Es ist eines der Ziele, sich mit den entsprechenden Internetseiten zu beschäftigen. Denn viele von den Salafisten und den sehr konservativen Richtungen erreichen die Jugend über das Internet. Man sollte sich mit denen sehr stark beschäftigen, um auch die Mentalitäten solcher Gruppen zu verstehen. Es gibt viele Seiten, auf denen Salafisten auch über solche Ereignisse wie in Paris berichten, in ihren eigenen Worten und in einer Form, mit der sie der Jugend eine Möglichkeit geben, das anders zu verstehen – etwa, dass das nicht so terroristisch gewesen sei, wie die normalen Medien es berichten. Das muss man sehen, wie sie da vorgehen. Und wir brauchen von unserer Seite Berichterstattung für solche Jugendlichen, damit sie ein sachliches Bild bekommen von Leuten, die den Islam verstehen. Wir müssen uns der Medien bedienen, die die Jugendlichen heute benutzen – YouTube, Blogs, soziale Medien – und ihnen hier glaubwürdig andere Erklärungen anbieten. – Wir sind ja mit unserem Schwerpunkt erst im ersten Semester. Aber das ist der Traum für unser Fach.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Jonathan Steinert (pro)

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