Tag der Pressefreiheit:
Vor der eigenen Haustür kehren
"Ohne einen freien Diskurs gibt es
keine Demokratie", findet Markus Löning (FDP), Beauftragter der
Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe im
Auswärtigen Amt. Gemeinsam mit Journalisten und Wissenschaftlern
diskutierte er am Mittwoch in Berlin über die Pressefreiheit in
Europa. Eingeladen hatten der "Deutsche Journalistenverband",
der "Bund Deutscher Zeitungsverleger" und die "Reporter
ohne Grenzen". Löning dürfte sich wenig über die Zahlen
freuen, die Letztere zum Stand des freien Diskurses, sprich der
Pressefreiheit, veröffentlicht haben.
Im vergangenen Jahr
zählte "Reporter ohne Grenzen" 67 getötete und 1.044
verhaftete Journalisten. Bis Ende April 2012 kamen etwa 20 weitere
ums Leben. Erinnern soll daran der "Welttag der Pressefreiheit"
am heutigen Donnerstag. Der Tag wurde 1993 von der UN-Vollversammlung
ausgerufen. Er erinnert an eine Erklärung zur Pressefreiheit, die
1991 in Namibias Hauptstadt Windhuk verabschiedet wurde. Laut dem
"Interntionalen Presseinstitut" wird die Arbeit von
Journalisten weltweit immer lebensgefährlicher. Laut der "Deutschen
Presse-Agentur" (dpa) warnen die Experten: Das Jahr 2012 könnte
für Reporter das tödlichste seit 15 Jahren werden. Syrien sei
derzeit das gefährlichste Land. Allein in den ersten drei Monaten
seien dort elf Berichterstatter getötet worden.
Boulevardisierung
am Balkan
Dass das Grauen schon vor der eigenen Haustür
beginnt, stellten die Diskutanten am Mittwoch in Berlin klar. Neben
Löning waren auch Matthias Barner, Leiter Südosteuropa der
Konrad-Adenauer-Stiftung, Stephan Ruß-Mohl, Leiter des "European
Journalism Observatory" in Lugano sowie der französische
Journalist Pascal Thiebaut und der ungarische Journalist Károly
Vörös zur Runde ins "Haus der Presse" gekommen. Barner
berichtete, in Ungarn und Polen seien die Medien zwar frei, aber
"nicht wirklich unabhängig". In vielen Ländern Osteuropas
befänden sich Medienunternehmen in der Hand des Staates oder
Politiker seien Teilhaber von Zeitungen und Rundfunksendern. Er
sprach von einer "Boulevardisierung" am Balkan.
Journalisten produzierten mehr und mehr "Mainstream" und
immer weniger "Qualitätsjournalismus". Deshalb warb Barner
für eine bessere Ausbildung, gerade deutscher Journalisten vor
Ort.
Vörös, einst Chefredakteur der auflagenstärksten
überregionalen ungarischen Tageszeitung, beklagte den Umgang des
Staates mit der Presse. Besonders die Ende 2010 beschlossenen neuen
Mediengesetze ermöglichten eine breite Kontrolle durch den Staat.
Seit 2011 ist eine zentrale staatliche Behörde für die
öffentlich-rechtlichen Medien im Land zuständig. Letztere sind
finanziell von ihr abhängig. Die Behörde darf Gesetze und
Regelungen erlassen und hat damit deutliche Steuerungsmöglichkeiten.
Deshalb setzt Vörös seine Hoffnung nun auf die "alternative
Öffentlichkeit". Fast 200 unabhängige Netzplattformen gebe es
bereits. "Die Hoffnung des Journalismus ist das Internet",
sagte er.
Neue Medien-Barone beherrschen Italien
Ruß-Mohl,
Experte für die Lage der Pressefreiheit in Italien, berichtete, dass
sich die dortige Lage seit dem Abtritt Silvio Berlusconis keinesfalls
gebessert habe. Journalisten seien Drohungen durch mafiöse Gruppen
ausgesetzt. Zudem kämpfe man mit dem Phänomen der "New Media
Barons", also reicher Geschäftsleute, die Medienunternehmen
aufkauften und sie dann einem Spielzeug gleich nach ihrem Willen
formten.
Löning zeigte sich konsterniert, was die
Möglichkeiten der Verbesserung der Pressefreiheit in Europa angeht:
Rechtliche Mittel habe die EU im Grunde keine, "obwohl die
Menschenrechte und die Pressefreiheit ihr Kern sind", sagte er.
Zudem sei ein "vernünftiger Diskurs" darüber auf
internationaler Ebene kaum möglich. Über Haushaltskonsolidierungen
und ähnliche Themen könne man zwar sprechen, wenn es aber ans Thema
Menschenrechtspolitik gehe, fühlten sich die Regierungen allzu
schnell beleidigt. Es fehle an einer offenen Gesprächskultur.
Deutschland: Vorratsdatenspeicherung in der Kritik
Auch
in Deutschland ist die Lage alles andere als rosig. Die "Reporter
ohne Grenzen" stufen das Land im europäischen Mittelfeld der
Pressefreiheit ein. Am Mittwoch wiesen die deutschen Zeitungsverleger
auf die Bedeutung der Quellen für journalistische Berichterstattung
hin. Die geplante Vorratsdatenspeicherung treffe den investigativen
Journalismus im Kern, erklärte der Präsident des "Bundesverbandes
Deutscher Zeitungsverleger", Helmut Heinen, gegenüber dpa. Der
Plan, Informationen über Telefon- und Internetverbindungen für
sechs Monate zu speichern, könnte die auf Vertrauen basierende
Beziehung zwischen Journalisten und ihren Informanten empfindlich
stören, sagte Heinen. Wichtige Quellen könnten versiegen. "Die
Liste der Länder ohne oder mit nur eingeschränkter Pressefreiheit
ist lang. Umso wichtiger ist es, dass diejenigen Staaten, in denen –
wie in Deutschland – dieses Recht im Grundgesetz verankert ist,
Presse- und Meinungsfreiheit auch wirklich leben."
Skandinavien:
Top, Nordkorea: Flop
Auch die Organisation "Freedom
House" misst den Grad der Pressefreiheit weltweit. Von 197
Staaten stuft "Freedom House" 66 als frei ein, 72 gelten
als teilweise frei und 59 als nicht frei. Nur 14,5 Prozent der
Menschheit leben demnach in Ländern mit einer freien Presse.
Schlusslicht des Index ist Nordkorea, führend sind skandinavische
Länder. Ähnlich stufen auch die "Reporter ohne Grenzen"
die Lage ein. Verbesserungen stellt "Freedom House" in
einigen Ländern des Arabischen Frühlings, Ägypten, Libyen und
Tunesien, fest. Im Nahen Osten bereitete den Forschern vor allem
Syrien Sorgen. Auch die Staaten China, Russland, Iran und Venezuela
weisen demnach kaum Pressefreiheit auf. Unter Demokratien zeigte
sich: Die Lage hat sich neben Chile besonders in Ungarn
verschlechtert. Der Grund: die umstrittenen Mediengesetze. (pro)
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