Kommentar | 21.02.2013

Ein ARD-Bericht sorgt seit einer Woche für Proteste gegen den Internet-Versandhandel Amazon. Mit vielen Effekten und spannender Musik wird ein Problem aufgebauscht, findet unser Kommentator. Investigativer Journalismus sieht anders aus.
Foto: HR/Peter Onneken |

Der „Amazon-Skandal“ der ARD

Was uns zwei Reporter des „Hessischen Rundfunks“ am Mittwoch voriger Woche da als „Amazon-Skandal“ aufgetischt haben, ist schlechter Journalismus, für den sich selbst die unterste Schublade des Privatfernsehens wahrscheinlich zu schade wäre.

Der Bericht „Ausgeliefert“ der Autoren Diana Löbl und Peter Onneken, der am 13. Februar in der ARD ausgestrahlt wurde, sorgt für großen Wirbel. Im Fernsehen sahen den Film rund 2 Millionen Menschen, wie die ARD stolz mitteilte. Im Internet mauserte er sich zum Hit: Laut ARD wurde die Doku in der ARD-Mediathek bereits über 1,5 Millionen Mal abgerufen – ein absoluter Rekord. Der Internet-Versandhandel Amazon ist der Übeltäter in dem halbstündigen Film. Und die beiden Jung-Journalisten ziehen alle Register des großen Kinos. Spannende Musik begleitet verwackelte Aufnahmen, die digital nachträglich so bearbeitet wurden, dass alles sehr düster wirkt – wie in einem Horrorfilm.

Doch es geht nicht um Menschenhändler oder Kindermörder, sondern um ein amerikanisches Großunternehmen. Worin besteht das Verbrechen des Internet-Riesen? Schaufelt man die Gefühlsduselei des ambitionierten Cutters und der beiden Autoren beiseite, die sich immer wieder eitel selbst ablichten, bleibt nur ein großes Fragezeichen übrig.

Worum geht es? Zu Stoßzeiten wie Weihnachten muss Amazon, wie viele Unternehmen im Saisongeschäft, die Zahl der Mitarbeiter aufstocken. Dazu rekrutiert Amazon Leiharbeiter über Zeitarbeitsfirmen. In einer globalisierten Welt werden auch Arbeitnehmer aus Länder mit eher hohen Arbeitslosenquoten wie Spanien oder aus Ländern, in denen selbst deutsche Niedriglöhne noch viel Geld sind, angefragt. Die können für ein paar Wochen oder Monate in Deutschland einige Euros für ihre Familien daheim verdienen und kehren dann wieder zurück. Nebenbei bekommen sie sogar noch die Unterkünfte gestellt. So weit, so normal. Meint man.

Der ARD-Bericht stellt die Geschichte jedoch wie einen Krimi dar. Leiharbeit, so wollen es uns die beiden Reporter Löbl und Onneken suggerieren, sei per se schon einmal verdächtig. Von „modernem Sklaventum“ ist die Rede. Dass sie dadurch wirkliches Sklaventum, eines der größten Probleme des 21. Jahrhunderts, verharmlosen, ist ihnen egal. Die Reporter finden drei Leiharbeiter, die trotz der Chance, in Krisenzeiten Gelegenheitsjobs anzunehmen, Kritik äußern. Eine davon, die Kunstlehrerin Silvina Cerrada aus Spanien, wird später entsetzt sein darüber, was die beiden Reporter aus ihren Statements gemacht haben. „Oft war das dann das Gegenteil von dem, was ich gesagt habe“, sagt Silvina später der Tageszeitung „Kreisanzeiger“ aus Bad Hersfeld. Und in der Ferienanlage, in der Amazon die Leiharbeiter untergebracht hat, sei es alles andere als miserabel gewesen, sie sei sogar dankbar für die Unterkunft. Das ist den ARD-Reportern aber egal, die sich an ihrer Horror-Story verbissen haben. Die Karriere muss weitergehen, mit Krimis erreicht man mehr Aufmerksamkeit als mit trockenen Fakten.

Die Wahrheit verdreht

Silvina wird in „Ausgeliefert“ zur Kronzeugin gemacht. Sie müsse mit fremden Menschen in dem „Seepark“ in Kirchheim bei Bad Hersfeld leben! Ein Skandal? Nein, Normalität für Leiharbeiter aus dem Ausland. Die ARD-Reporter filmen ein Hotelzimmer mit Bett und Waschbecken. Die Off-Stimme raunzt: „In so ein Zimmer passt kaum mehr als ein Bett.“ Das haben Hotelzimmer der unteren Kategorie so an sich. Verwackelte Bilder, scheinbar heimlich gefilmte Aufnahmen, zeigen eine Cafeteria, ein Schwarzes Brett mit Verhaltensregeln und Essenzeiten. Im ARD-Bericht wird die Helligkeit der Aufnahmen heruntergedreht und mit spannender Musik unterlegt. Später wird Silvina gegenüber dem „Kreisanzeiger“ sagen, sie habe dem Fernsehteam immer wieder gesagt, dass es ihr in der Unterkunft gut gehe. „Wenn ich mich hier nicht wohl gefühlt hätte, würde ich doch nicht hier arbeiten wollen.“ Dass sie den Seepark im Bericht dann so schlecht gemacht hätten, sei ihr unangenehm.  

Die Zeitarbeiter seien sehr gut und reichlich verpflegt worden. Sogar wenn sie nachts um eins von der Schicht kamen, wurde noch einmal warmes Essen aufgetischt. Auch Sonderwünsche für Vegetarier oder Muslime seien kein Problem gewesen. Zudem hatten die Zeitarbeiter in den Ferienhäusern die Möglichkeit, selbst zu kochen. Auch dass sie mehr oder weniger eingesperrt und von den anderen Hotelgästen abgeschottet wurden, sei nicht richtig. Die Zeitarbeiter konnten sich frei bewegen, erzählt Silvina, und auch die Freizeiteinrichtungen nutzen, darunter ein Schwimmbad, Tischtennis- und Kickertische. Für Ausflüge in die Umgebung wurden auch Fahrräder bereitgestellt. Und da die Zeitarbeiter in ihrer Freizeit viel im Internet surften, um mit Freunden und Verwandten zu Hause in Kontakt zu bleiben, wurde von der Hotelleitung eigens einer der nicht genutzten Tagungsräume hierfür zur Verfügung gestellt.

Die Reporter hätten sie mehrmals direkt gefragt, ob sie die Lebensverhältnisse nicht zu beengt fände. „Ich habe immer geantwortet: Nein, das ist kein Problem, es gefällt mir gut hier. Aber das wurde im Fernsehen nicht gezeigt.“ Die Fernseh-Journalisten schreckten auch nicht davor zurück, Bilder ganz woanders zu drehen, um sie dann als Seepark zu verkaufen: Das „Abfüttern“ der Zeitarbeiter in einem Keller beispielsweise, könne es im Seepark nicht gegeben haben, sagt Silvina, „denn einen Keller gibt es hier gar nicht.“ Wenn Silvina eine kurze Siesta auf einem Sofa macht, erfinden die ARD-Reporter eine Geschichte: In ihrem eignen Zimmer habe sie es nicht mehr ausgehalten, daher sei sie in das Zimmer mit dem Sofa geflüchtet. „Das Wohnzimmer hat ein großes Fenster mit Blick auf den Wald, man hört die Vögel, das fand ich sehr schön“, stellt Silvina die Sache in der Lokalzeitung klar.

„Nachgesprochene Szene“ kann für alles herhalten

Die Reporter Löbl und Onneken berichten, dass Security-Mitarbeiter in der Cafeteria des Feriendorfes waren. Bei Löbl und Onneken werden die Sicherheitsleute jedoch zum Problem. Sie fühlten sich mit ihrer Kamera unwohl, berichten sie, filmen nur noch „vorsichtig“. Es ist davon auszugehen, dass die beiden Reporter keine Drehgenehmigung für die privaten Räume hatten, daher ist ihr Unbehagen nicht ganz unbegründet. „Sie beobachten uns und sind allgegenwärtig“, stellen die HR-Reporter fest. Das klingt so, als täten die Angestellten genau das, wofür sie als Security-Leute bezahlt werden. Einer trägt einen Kurzhaarschnitt, stellt die Reporterin fest. Es sind muskulöse Männer! Einer hat eine Tätowierung! Sie haben Taschenlampen!! Auf jeden Fall sorgen sie dafür, dass die zwei heimlich filmenden Reporter Angst bekommen. Sie erklären: „Das Auftreten dieser paramilitärischen Gruppe stößt uns ab.“

Es geht aber noch besser: Sie entdecken, dass zwei der Sicherheitsleute Kapuzenpullis der Marke „Thor Steinar“ tragen. „Die ist in vielen Bundesliga-Stadien und im Bundestag verboten“, erinnern sie. Das ist richtig. Die Kleidungsstücke der Marke gelten als Erkennungsmerkmal der Neonazi-Szene. Aber reicht die Kleidung zweier Mitarbeiter einer Security-Firma, die eine Zeitarbeitsfirma von Amazon in Bad Hersfeld eingestellt hat, aus, das Unternehmen Amazon in die rechte Ecke zu stellen? Tatsächlich trägt die Firma, die Amazon beauftragt hat, den Namen „H.E.S.S.“, was für „Hensel European Security Services“ steht. Die Reporter sehen einen Hinweis auf Rudolf Heß, Hitlers Stellvertreter. Amazon hat sich nach dem Bericht von der Security-Firma getrennt. Die Firma H.E.S.S. hat eine Erklärung auf ihrer Webseite veröffentlich: „Wir distanzieren uns ausdrücklich von jeder Form von politischem Radikalismus, sowohl von Rechtsradikalismus, als auch von Linksradikalismus, als auch religiösem Fanatismus.“ Der Sicherheitsdienst würde „Mitarbeiter mit türkischen, polnischen, tschechischen oder russischen Wurzeln“ beschäftigen.

Der Besitzer des Seeparks in Kirchheim weiß, dass man so einen Nazi-Vorwurf nicht so leicht wieder loswird, auch wenn man nichts damit zu tun hatte und die Sicherheitsfirma nicht beauftragt hat. Es habe seit dem ARD-Bericht Beleidigungen und sogar Drohungen gegen das Freizeithaus gegeben, berichtet Andreas Engelhoven, Geschäftsführer des Seeparks. Von Thor-Steinar-Kleidung oder anderen Hinweisen auf eine rechtsgerichtete Gesinnung habe sein Team nie etwas mitbekommen. „Das hätten wir auch nicht toleriert.“ Silvina sagt übrigens im Nachhinein: Die Security sei tatsächlich von vielen als problematisch angesehen worden. „Das waren schon imposante Kerle, man fühlt sich da etwas eingeschüchtert.“ Sie selbst habe allerdings keine Probleme mit ihnen gehabt. „Ich war immer freundlich und zurückhaltend.“ Die Zeitarbeitsfirma habe die Security angestellt, um etwaige Sachbeschädigungen für die Versicherung zu dokumentieren, erklärt der Seepark-Chef. Allerdings sei es falsch, dass die Sicherheitsleute eigenmächtig die Ferienwohnungen kontrolliert hätten, wie im Film behauptet wird. Auf ein rechtliches Vorgehen gegen die Journalisten wollen die Seepark-Betreiber nach eingehender Prüfung verzichten. Ein Medienanwalt habe davon abgeraten, da dies nur weitere Berichterstattung nach sich ziehen würde.

Nachtschicht – Ein Verbrechen?

Die HR-Reporter suchen weiter krampfhaft nach Belegen dafür, dass Amazon ein Horror-Arbeitgeber ist. Sogar dass Silvina bei ihrem Job viel laufen muss und davon Blasen bekommt, thematisieren sie. In einer Cafeteria, in der die Reporter offenbar viel und oft „recherchiert“ haben, wollen sie durch Zufall ein Telefonat aufgeschnappt haben. Eine Frau sagt in ihr Mobiltelefon: „Ich will jetzt von Ihnen nichts mehr hören, von wegen Menschen. Ich zähle in Bussen.“ Die Stimme wird nachgesprochen, niemand garantiert dafür, dass sich die Szene wirklich so abgespielt hat. Aber selbst wenn: Es wird nicht erklärt wer da eigentlich mit wem spricht. Irgendeine Frau, egal, für ein rührseliges Stück über menschenverachtende Zustände bei Amazon reicht es. Solange niemand genauer nachfragt jedenfalls. Nachtschicht ist kein Verbrechen. Auch nicht bei Amazon. Und dass die Leiharbeiter in der Kälte auf den Bus warten müssen und dieser dann auch schon mal überfüllt ist, ist zwar ärgerlich, aber kein Skandal.

Boykott

Der ARD-Bericht „Ausgeliefert“ löste eine Lawine aus. Im Internet gibt es zahllose Boykottaufrufe gegenüber Amazon. Auf der Facebook-Seite des Unternehmens hagelt es Kommentare, über 4.000 bislang. „Ich habe das letzte Mal bei Amazon was gekauft ... mein Kundenkonto habe ich schon löschen lassen. Ausbeuterladen!!!!“, lautet die typische Nachricht eines Users. Eine Facebook-Seite ruft zum Boykott auf: Fast 3.000 Menschern unterstützen die Initiative. Der Kunstbuchverleger Christopher Schroer hat die Zusammenarbeit mit Amazon gekündigt. „Adieu Amazon“ schreibt er in einer Bekanntmachung. „Sie behandeln Menschen wie Ware.“ Im Interesse der Beschäftigten in Bad Hersfeld bleibt zu hoffen, dass der Standort für Amazon wichtig bleibt.

Sogar der Bundestag sah sich aufgefordert, sich mit dem Thema zu befassen. Am Mittwoch, den 20. Februar, berieten die Politiker in einer Aktuellen Stunde; doch am Ende war nicht klar, was genau eigentlich das Problem sein könnte und was an der Gesetzgebung geändert werden müsste. SPD, Linke und Grüne warfen der Regierung vor, sie sei nicht bereit, Recht und Ordnung auf dem Arbeitsmarkt wieder herzustellen. Die SPD forderte sicherheitshalber „umfassende Kontrollen für Leiharbeitsfirmen“. Eine Linke-Politikerin forderte sogar rigoros die Abschaffung der Leiharbeit. Redner von Union und FDP verwahrten sich dagegen, die Leiharbeitsbranche unter Generalverdacht zu stellen. „Die Kontrolle funktioniert“, sagte der Unions-Arbeitsmarktexperte Karl Schiewerling (CDU).

"Journalismus hat eine Verantwortung"

Der Hamburger Rechtsanwalt Frank Schilling erklärte gegenüber pro, das Problem sei vielleicht an ganz anderer Stelle zu suchen, nämlich in Brüssel. Das Recht für den freien Waren- und Dienstleistungsverkehr sei klar geregelt. Und Amazon tue wahrscheinlich nichts anderes, als das, was alle großen Unternehmen der Branche tun: „Sie nutzten alle verfügbaren rechtlichen Spielräume aus“, so Schilling. Zudem erinnert er: „Es ist Wahlkampf! Da malten sich Politiker gerne derartige soziale und arbeitspolitischen Themen aufs Transparent. Das ist beim Pferdefleisch-Skandal ähnlich. Wie viele Aktionspläne gab es in dieser Richtung schon?“

Wenn gleich die Abschaffung der Leiharbeit gefordert werde, dürfe man nicht vergessen, was mit all den Niedriglohn-Arbeitern passiere, wenn sie auf der Straße landeten. „Wo sollen die denn dann arbeiten?“ Schilling zeigt sich skeptisch: „Journalisten wollen Erfolg haben, Politiker wollen in die Schlagzeilen. Manchmal schaukelt sich so ein eher nichtiges Thema hoch, und am Ende ergibt das ein Cocktail, der jedem schmeckt.“

Wenn große Firmen weiter aus Deutschland abziehen und ihre Schwerpunkte in Billiglohnländer wie Polen und Rumänien verlagern, ist das Jammern über die Politik wieder groß. Die ARD kann dann getrost ein neues Reporter-Team losschicken, um über den Misstand zu berichten, dass Deutschland für ausländische Großunternehmen offenbar zu unattraktiv ist. Rechtswanwalt Schilling mahnt: „Man muss immer die Verhältnismäßigkeit im Auge behalten, ob die Vorwürfe wirklich einen solchen Protest, der nicht ohne Folgen bleibt, rechtfertigt. Journalismus hat eine Verantwortung. Wenn am Ende Tausende ihren Job verloren haben, kann die ARD einen weiteren Film darüber machen. So schafft sich ein Sender die Probleme für ihre Berichte selbst.“ (pro)

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