Gesellschaft | 28.05.2011

Der Religionssoziologe Thomas Schirrmacher hat sich am Freitag mit Chancen und Risiken der multikulturellen Gesellschaft befasst.
Foto: Bucer-Seminar |

Schirrmacher: Wie Integration gelingen kann

Über die Chancen und Gefahren einer "multikulturellen Gesellschaft" hat der Religionssoziologe Thomas Schirrmacher am Freitag in Limburg referiert. Um die Herausforderungen, Chancen und Risiken des Multikulturalismus zu verdeutlichen, sei eine sehr differenzierte Diskussion notwendig, so der Theologe.

Schirrmacher belegte in seinem Vortrag statistisch, dass Deutschland seit Ende des Zweiten Weltkrieges das führende Einwanderungsland in Europa sei. Selbst Roderich Egeler, der Präsident des Statistischen Bundesamtes, der sich ansonsten eher mit politischen Aussagen zurückhalte, habe davon gesprochen, dass Deutschland die Zuwanderer dringend benötige, wenn es nicht ausdünnen und vergreisen wolle: "Der Rückgang der Bevölkerung vollzieht sich ausschließlich bei den Deutschen ohne Migrationshintergrund."

Nicht die Augen verschließen


"Deutschland hat meines Erachtens viele Chancen für die Integration von Einwanderern ohne Zwang, falschen Nationalismus oder die Vorgabe eines bestimmten Lebensstils", so die Aussage Schirrmachers. Wo die Integration nicht gelungen sei, liege dies vor allem an den Problembereichen wie Bildung, jugendliche Gewalt und Religion. "Wenn eine wachsende Zahl nicht in die Arbeitswelt integrierter Türken in Deutschland lebt, verwundert es nicht, dass diese vermehrt für den Islamismus anfällig ist", sagte Schirrmacher. "Hier die Augen vor wachsenden Problemen wie Ehrenmorden, Gewalt an Frauen oder Predigt von Hass und Krieg zu verschließen, führt auch nicht weiter."

Aus Schirrmachers Sicht habe der Islam in den letzten Jahren an Anziehungskraft gewonnen. Weil der Islam keine wirkliche Trennung von Kirche und Staat kenne, sondern religiöse Angelegenheiten über staatliche stelle, dürfe der einzelne Muslim notfalls das islamische Recht vollziehen, wenn der Staat dies nicht tue. Während das Christentum die Menschenrechte gerade für jeden Menschen, auch den Nichtchristen, begründet, da sie jedem als Geschöpf Gottes zustehen, begründet die islamische "Kairoer Erklärung der Menschenrechte" von 1990 die Menschenrechte aus dem islamischen Gesetz der Scharia.

Mission als Faktor zur Veränderung der Gesellschaft


"Es wird eine der zentralen Herausforderungen für die deutsche Politik werden, wie man solche muslimischen Mitbürger, die sich der Scharia verpflichtet fühlen, integrieren kann, ohne der Scharia nachzugeben", verdeutlichte der Theologe. Aus christlicher Sicht dürfe Mission deswegen nie durch den Staat oder sonstige Machtfaktoren erfolgen: "Sie ist aber aus christlicher Sicht immer ein gewaltiger Faktor zur Veränderung der Gesellschaft."

Schirrmacher warb in seinem Referat dafür, wo immer es möglich sei, Gespräche mit den Einwanderern zu führen und sich Wissen aus erster Hand zu sammeln und Freundschaften aufzubauen. Gerade Gastfreundschaft verhelfe dazu, ihnen ein völlig neues Bild von Deutschland zu geben. "Lassen Sie sich außerdem nicht vorschnell von Vorurteilen der Medien leiten und informieren Sie sich genau, bevor Sie ein generelles Urteil fällen."

Offen und beherzt christliches Denken darstellen


Die Christen rief er dazu auf, offen und beherzt bereit zu sein, christliches Denken und christliche Werte öffentlich darzustellen und zu empfehlen: "Lasst euer Meinungsbild nicht von den Medien bestimmen." Christen hätten die Aufgabe, wachsam und dem Zeitgeist kritisch gegenüber eingestellt zu sein. Aus Schirrmachers Sicht gehe eine "Idealisierung" des Islam ebenso an der Realität vorbei wie die "Dämonisierung".

Klar müsse nämlich auch sein, dass viele Probleme, wie Arbeitslosigkeit und Bildungsmangel unter Ausländern nicht religiös begründet seien. An die Politiker gerichtet wünschte sich Schirrmacher die Einigung auf einen Wertekatalog, "der dann auch offensiv beworben werden kann". Dabei sei die Gleichbehandlung von Ausländern und Deutschen unausweichlich: "Lasst Muslimen nicht Gewaltaufrufe durchgehen, während Christen noch nicht einmal Abtreibung ‚Mord’ nennen dürfen", forderte der Theologe.

"Für Auswanderer sind frühkindliche Sprachkurse und das Erreichen von Lesekompetenz und der Fähigkeit, in Deutsch zu schreiben zukunftswichtig und für die Gesellschaft eine billige Investition gemessen an den Folgekosten des Unterlassens solcher Maßnahmen", warb Schirrmacher. Dazu gehöre es auch, ein brauchbares Lernklima mit kleineren Klassen zu schaffen, in denen die "Lehrer sich vermehrt einzelnen Schülern widmen können".

Der Gewalt begegnen, bevor man selbst Opfer wird

Auch die Migranten hätten die Aufgabe, sich mit dem Denken der deutschen Nachbarn vertraut machen. Von ihnen wünschte sich Schirrmacher: "Stellt euch, wenn es um Gewalt und Unrecht geht, nie auf Seiten eurer Landsleute oder Anhänger eurer Religion, sondern immer auf Seiten derer, die Frieden und Recht ermöglichen. Wenn ihr heute nicht der Gewalt in euren Reihen wehrt, seid ihr morgen selbst die Opfer." (pro)

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