Gesellschaft | 02.08.2012

Der Streit um die aktive Sterbehilfe ist neu entbrannt. Zwei Ethiker sprechen sich in pro gegen ein neues Gesetz aus.
Foto: pro |

Aktive Sterbehilfe – Ausweg oder Irrweg?

Ein Gesetzesentwurf der Bundesregierung zum Thema Sterbehilfe sorgt derzeit für Aufruhr. Demzufolge würde gewerbliche Sterbehilfe mit bis zu drei Jahren Haft bestraft. Ungeahndet bliebe hingegen die Beihilfe durch Angehörige und Nahestehende. Die Ethiker Stephan Holthaus und Timo Jahnke vom Institut für Ethik & Werte in Gießen plädieren für die Beibehaltung des deutschen Komplett-Verbots der aktiven Sterbehilfe.

Unter aktiver Sterbehilfe versteht man die Tötung eines alten oder kranken Menschen auf Verlangen oder seine Selbsttötung unter Begleitung eines Arztes, der ein Medikament zur Verfügung stellt ("ärztlich assistierter Suizid"). Beides ist in Deutschland verboten. Öffentliche Debatten um aktive Sterbehilfe werden aber seit Jahren geführt – meist auf sehr emotionale Weise. Hinter der Forderung nach Freigabe der aktiven Sterbehilfe steht häufig der Wunsch, sein Leben selbständig gestalten zu wollen. Viele Menschen empfinden Fremdbestimmung als Einengung und manchmal gar als Bedrohung. Beim Sterben nicht frei entscheiden zu können und durch Gesetze eingeengt zu werden, erzeugt Unmut. Daher fordert man für das Sterben völlige Entscheidungsfreiheit, seinem Leben mit Hilfe anderer oder alleine ein Ende setzen zu dürfen.

Vollständige Autonomie gibt es nicht

Aber: Vollständige Entscheidungsfreiheit und völlige Autonomie des Menschen sind gerade in Grenzsituationen eine Illusion. Im Stadium schwerer Krankheit sind wir Menschen oft Getriebene der äußeren Umstände und gerade nicht frei in unseren Entscheidungen. Experten erleben immer wieder, dass der Wunsch nach aktiver Sterbehilfe meist verschwindet, sobald sich die äußeren Umstände verbessern. Nicht selten kommt der Lebensmut zurück, wenn die Palliativmedizin eingeschaltet wird und Pflege durch Fachkräfte, aber auch Beistand der Angehörigen wirken. Diese Beobachtungen zeigen: Der autonome Mensch, der frei von Einflüssen von außen sich für oder gegen das Sterben entscheidet, existiert nur auf dem Papier. Der Mensch ist immer eingebunden in Umstände, die seine Entscheidungen beeinflussen. Er braucht den Beistand des Nächsten, um leben zu können. Genau so ist er von seinem Schöpfer gewollt und geschaffen worden. Andererseits ist der Mensch aus Gottes Sicht keine willenlose Marionette. Er darf und soll sein Leben frei gestalten. Aber er lebt in der Verantwortung vor Gott, seinem Schöpfer. Freiheit heißt deshalb nicht Autonomie, sondern vielmehr, sich bewusst für Gottes Bestimmung zu entscheiden und das Leben in diesem Rahmen zu gestalten. Das kann bedeuten, sich gerne von anderen helfen zu lassen. Aktive Sterbehilfe widerspricht dagegen diesem Welt- und Menschenbild.

Wir Menschen sind von anderen abhängig, gerade in den letzten Wochen unseres Lebens. Wir brauchen die Hilfe und den Beistand des Nächsten, gerade in Zeiten der Krankheit und Not. Abhängigkeit ist nichts Verwerfliches, Negatives. Wir dürfen anderen „zur Last fallen“, weil wir Teil der Solidargemeinschaft sind. Dem modernen Menschen fällt dieses Denken schwer. Hinter der Forderung nach Freigabe aktiver Sterbehilfe steht oft der Wunsch nach einem Leben ohne Schmerzen und Leid. Nur ein leidfreies Leben scheint heute ein glückliches Leben zu sein – so meinen viele. Leid gehört aber leider untrennbar zu unserer Existenz dazu. Die Unfähigkeit – selbst von Angehörigen –, mit Krankheit, Leid und Tod umzugehen, ist ein gesellschaftliches Phänomen der Postmoderne, das hochproblematisch ist. Kulturen, die darauf keine Antwort gefunden haben, waren immer gefährdet.

Das christliche Zentraldokument, die Bibel, zeichnet ein anderes Bild vom menschlichen Leben. Leid gehört hier zur Existenz des Menschen dazu, weil wir in einer gefallenen Welt leben. Es geht nicht darum, Leid bewusst zu suchen oder zu verherrlichen. Der Mensch ist aufgefordert, Leid zu minimieren, auch durch die Möglichkeiten der Medizin. Aber Leid soll in seiner Tiefe angenommen und mit Gottes Hilfe getragen werden – ebenso wie Jesus Christus sein Leid bis zum Ende ertrug.

Unabsehbare Folgen

Aktive Sterbehilfe muss auch von den Folgen für andere beurteilt werden. Die Entscheidung des Einzelnen betrifft auch andere Menschen. Der behandelnde Arzt wird in jedem Fall zum Wegbereiter des Todes und verstößt gegen seinen ursprünglichen ärztlichen Auftrag, Leben zu erhalten. Ihm wird die Bürde auferlegt, am Tod eines Menschen entscheidend mitverantwortlich zu sein. Ähnliches gilt für das Pflegepersonal. Auch für Angehörige bedeutet dies eine starke Belastung. Einerseits sehen sie das Leiden des Patienten und fühlen sich hilflos. Andererseits sind viele überfordert, wenn ein Kranker die Entscheidung über Leben und Tod trifft. Sie bleiben mit offenen Fragen zurück. Auch die Frage nach den Kosten im Gesundheitswesen dürfte in Zukunft vermehrt eine Rolle spielen. Alt- und Kranksein ist teuer. Die Beiträge der Krankenkassen werden angesichts des demografischen Faktors steigen, immer mehr Leistungen werden gekürzt. Beobachter fürchten, dass bei einer Legalisierung aktiver Sterbehilfe der Ruf laut wird, aus einem "Sterben-Wollen" ein "Sterben-Sollen" zu machen.

Ein Blick ins Ausland unterstreicht diese Theorie: Der Lebensschutz gerät unter Druck. In Großbritannien müssen Patienten ab dem 60. Lebensjahr die Dialyse aus eigener Tasche bezahlen. In den Niederlanden ist es zunehmend üblich, eine so genannte "Lebensverfügung" mit sich zu führen. Hier geht es nicht um die Einstellung oder Unterlassung medizinischer Behandlungen, sondern um die Weiterführung lebenserhaltender Maßnahmen. In keinem Land Europas ist der Lebensschutz so stark gefährdet wie in den Niederlanden. Mit ähnlichen Folgen wird sich auch Deutschland auseinandersetzen müssen, sollte die aktive Sterbehilfe legalisiert werden.

Befürworter aktiver Sterbehilfe pochen gerne auf die Würde des Menschen. Selbstbestimmtes Sterben jenseits der Intensivmedizin bewahre die Menschenwürde. Ein Leben mit schwerer Krankheit und Schmerzen hingegen nehme dem Menschen seine Würde, vor allem dann, wenn er sich nicht mehr äußern kann. Ist das wirklich so? Würde und Wert sind nach christlichem Verständnis unveränderliche Konstanten. Auch Krankheit und Alter können daran nichts ändern. Der Mensch bezieht seine Würde und seinen Wert nicht aus sich selbst heraus. Sie sind ein Geschenk Gottes, so wie das menschliche Leben an sich. Der Mensch ist ein Geschöpf Gottes – darin liegt sein besonderer Wert. Dieses Prädikat hat der Mensch bereits vor seiner Geburt erhalten und das behält es bis zum Tod. Der Mensch verliert diese Würde nicht einmal, wenn er sich von Gott abwendet.

Deshalb muss den Befürwortern aktiver Sterbehilfe widersprochen werden. Auch ein Leben in Krankheit und mit Schmerzen ist ein würdevolles und wertvolles Leben. Selbst der schwerkranke und alte Mensch ist ein von Gott geliebtes Geschöpf. Dasselbe gilt für Behinderte. Deshalb ist die Frage nach aktiver Sterbehilfe auch eine Frage nach dem Wert des kranken und behinderten Menschen.

Eine neue Wertschätzung der Schwachen ist deshalb von Nöten. Die Palliativmedizin oder die Hospizbewegung tragen in guter und hilfreicher Weise dazu bei, Kranken ihre Würde zurückzugeben. Entscheidend sind aber die öffentliche Wahrnehmung und die Einstellung des Umfelds. Sind wir bereit, uns an die Seite des Leidenden zu begeben und sein Leiden – so weit es uns möglich ist – mitzutragen? Was dient der Würde mehr: Der angeblich würdelosen Situation durch einen schnellen Tod des Betroffenen zu entgehen oder aktiv (in aller eigenen Rat- und Hilflosigkeit) mitzuleiden? Aktive Sterbehilfe ist kein "Töten aus Mitleid" oder Respekt vor der Würde des Menschen, wie manche sagen. Es ist oft ein Töten aus verweigertem Mitleiden. (pro)

Lesen Sie diesen Artikel in voller Länge in der aktuellen Ausgabe des Christlichen Medienmagazins pro, das Sie unter der Telefonnummer 06441/915-151 oder online kostenlos anfordern können.

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