Weltweit | 11.12.2015

Der Bundesvorsitzende der Aramäer in Deutschland, Daniyel Demir, rät dringend dazu, dem IS die Finanzströme zu kappen

Der Bundesvorsitzende der Aramäer in Deutschland, Daniyel Demir, rät dringend dazu, dem IS die Finanzströme zu kappen
Foto: Bundesverband der Aramäer in Deutschland

Was den IS-Terror wirklich beenden würde

Sind militärische Mittel die richtige Methode im Kampf gegen den IS, oder richten sie noch größeres Chaos in der ohnehin schon vom Krieg gebeutelten Region an? pro hat mit Daniyel Demir, dem Vorsitzenden des größten aramäischen Verbandes in Deutschland, gesprochen. Er wirft der Bundesregierung politisches Kalkül vor.

Seit vergangenem Freitag ist der Syrien-Einsatz der Bundeswehr beschlossene Sache. Er soll helfen, den Terror des „Islamischen Staates“ zu beenden. Die vom IS besonders brutal verfolgten Minderheiten, wie etwa syrisch-orthodoxe Christen, bekommen die Auswirkungen solcher Einsätze direkt zu spüren. Wir haben Daniyel Demir, den Vorsitzenden des Bundesverbandes der Aramäer in Deutschland, nach seiner Einschätzung befragt.

Herr Demir, profitieren Christen in Syrien von den künftigen Militäreinsätzen durch die Bundeswehr?

Daniyel Demir: Verschiedene Allianzen wurden gegen den sogenannten IS geschmiedet, von denen bestehen manche bereits seit mehr als einem Jahr. Ein Rückgang der Überfälle und Angriffe durch IS-Milizen gegenüber christlichen Ortschaften in dieser Zeit war nicht zu verzeichnen - im Gegenteil. IS-Milizen und verschiedene islamistische Rebellengruppen griffen gezielt christliche Ortschaften an, zerstörten und entweihten Kirchen, Klöster, töteten Bewohner und entführten Hunderte, die bis heute in Geiselhaft und unter Scharia-Bedingungen gehalten werden.

Am Beispiel Al-Qaryatayns oder des historischen, altestamentlichen Sadads, einer überwiegend von Aramäern bewohnten Stadt, und dem Zusammenwirken von syrischen und russischen Streitkräften ist aktuell ein erfolgreiches Zurückdrängen der islamistischen Milizen zu verzeichnen. Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass erst mit dem russischen Eingreifen auch andere Allianzen Strategien verändert haben und somit der IS wirksamer bekämpft wird. Insofern kann die Frage bedauerlicherweise erst seit kurzem bejaht werden, denn fast die Hälfte der Christen haben das Land bereits verlassen

Sind militärische Einsätze geeignet, den IS-Terror zu beenden?

Mit Sicherheit nicht. Bestenfalls schränken sie die IS-Angriffe ein oder drängen diese zurück. Im politischen und medialen Kontext konzentriert sich alles fast ausschließlich auf den IS. Das ist ein grober Fehler, gleichzeitig auch verantwortungsloses und opportunistisches Kalkül. Nicht zu vergessen ist, dass unzählige islamistische Rebellengruppen, wie die Al-Nusra-Front, Ahrar al-Sham etc. mit schlagkräftigem und hochmodernem Kriegsgerät aus dem Westen ausgestattet sind und solches weiterhin auf scheinbar unerklärliche Art und Weise erhalten.

Gäbe es auch andere Möglichkeiten gegen den IS vorzugehen?

Entscheidend ist, dem IS-Terror die Finanzströme zu kappen, den Öl-Export unmöglich zu machen, die Abnehmer beim Namen zu nennen und scharf zu sanktionieren. Jedwede Unterstützung, insbesondere Waffenlieferungen an islamistische Rebellengruppen, oder auch der ungehinderte Zulauf an IS-Kämpfern über die Anrainerstaaten ist zu verhindern. Wieso die internationale Staatengemeinschaft hierzu nicht deutlich Stellung bezieht und dazu nicht in der Lage ist, bleibt seit dem Aufstieg des IS ein Rätsel. In all diesen Punkten nehmen Länder wie die Türkei, Saudi-Arabien und Qatar entscheidende Positionen ein. Würden diese Länder ihre Hilfen einstellen, wären der IS und andere Milizen schnell handlungsunfähig. Die Politik hat hier ein massives Glaubwürdigkeitsproblem. Es fehlt schlichtweg der Mut Offenkundiges anzusprechen, es wird dilettantisch weggeschaut. Staatsbrüderliche Rücksichtnahme, um diplomatische Beziehungen nicht zu gefährden, und wirtschaftliche Interessen wiegen zum Leid der Zivilbevölkerung in Syrien bedauerlicherweise schwerer. Die deutsche Bundesregierung sollte lieber in diesem Zusammenhang ihr politisches Schwergewicht zur Geltung bringen, anstatt weitere Jets und Soldaten in den Nahen Osten zu schicken.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Judith Schmidt. (pro)

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