Weltweit | 26.03.2016

Religion wird in vielen Ländern missbraucht, um Machtinteressen durchzusetzen, analysiert der Spiegel

Religion wird in vielen Ländern missbraucht, um Machtinteressen durchzusetzen, analysiert der Spiegel
Foto: alexadamenajera | CC BY-ND 3.0

Spiegel: Wie Glaube als Machtinstrument missbraucht wird

In vielen Teilen der Welt hat Religion einen bedeutenden Einfluss auf Politik und Gesellschaft. Wie das aussieht und warum sich Politik auf diese Weise oft von Religion missbrauchen lasse, beleuchtet der Spiegel in seiner aktuellen Titelgeschichte „Gottes unheimliche Macht“.

Im Gegensatz zum säkularen Europa, in dem sich die Religion „als Weltdeutungsressource“ und „als politisch agierende Macht“ langsam zurückziehe, werde in anderen Teilen der Welt der Glaube von Autokraten oder Diktatoren häufig missbraucht. Oft diene Religion auch dazu, „Menschen zu lebenden Waffen zu machen“, schreibt Autor Nils Minkmar in seinem Artikel mit dem Titel „Gottes unheimliche Macht“. So sei es zum Beispiel bei den Männern der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS). Auch in vielen anderen Gegenden der Welt wachse ein „unheilvoller Einfluss“ der Religion auf Politik und Gesellschaft, zum Beispiel in Afrika, der arabischen Welt, der Türkei oder Russland.

Besonders im Nahen Osten scheine sich der religiöse Fanatismus „wie ein Flächenbrand“ auszubreiten, der „Syrien verschlingt, den Irak zerreißt, den Jemen zerstört, Libyen und weitere Länder zu erfassen droht“.

Auch anhand der USA lasse sich beobachten, welche Kraft der Glaube habe. Im US-Wahlkampf sei das Thema Religion „omnipräsent“, auf republikanischer Seite beriefen sich fast alle Kandidaten auf Gott. Sogar Donald Trump habe sich vor kurzem ein Gelübde abnehmen lassen, seinen Wahlkampf nach christlichen Werten auszurichten. Der Spiegel zitiert den Washingtoner Chefkorrespondenten des christlichen Fernsehsender CBN, David Brody, damit, dass es eine „Renaissance des Religiösen“ in den Vereinigten Staaten gebe.

Auf der Suche nach Trost, Hoffnung und Sinn

Auch in Südamerika sorgten religiöse Kräfte „für eine brisante innenpolitische Situation“. Evangelikale Pfingstkirchen „mischen sich massiv in die Politik ein“, heißt es im Artikel. Über 90 Parlamentarier gehörten der überparteilichen, evangelikalen Glaubensorganisationen Bancada Evangélica an. Ein Viertel aller Brasilianer gehöre mittlerweile zu Pfingstgemeinden, die katholische Kirche im Land sei auf dem Rückzug. Politiker, die zu diesen Freikirchen gehörten, hätten zum Beispiel verhindert, dass an brasilianischen Schulen Sexualkunde gelehrt werde, blockierten eine Lockerung des Abtreibungsverbots und wollten „Schwulenheilung“ per Gesetz legalisieren. Politisch ständen die meisten Evangelikalen in Brasilien „stramm rechts“. Die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff sähen sie „als Werkzeug des Teufels“.

Dass viele Menschen religiösen Führern folgten, sei eine Frage der Psychologie, analysiert der Artikel. Viele Menschen seien auf der Suche nach Trost, Hoffnung, Sinn und einem Rahmen für ihr Leben. „Das Religiöse ist für viele ein Grundbedürfnis ihrer Existenz.“ Gerade in Zeiten des Umbruchs, der Digitalisierung und Dynamisierung der Arbeitswelt spiele das eine Rolle. Glaube schaffe Identität und Zugehörigkeit. Doch die Kehrseite davon sei die Ablehnung der anderen. Das zeige sich zum Beispiel im Islam. Er sei für die Nutzung des Glaubens als „Allmachtsinstrument“ anfälliger als andere Religionen. Der Artikel begründet das mit der „Biografie ihrer Stifter“. Siddharta Gautama, Gründer des Buddhismus, habe seine Anhänger durch Meditation geworben. Jesus predigte und sei gekreuzigt worden. Mohammed habe zwar als Prediger begonnen, dann jedoch als Eroberer weiter gemacht und liefere „ein perfektes Vorbild für die Machtergreifung im Namen Gottes“.

Wie wenig es Extremisten um den Glauben an sich gehe, zeige sich am Beispiel des IS. Die Sunniten der Terrorgruppe hätten den Islam auf „pure Unterwerfung“ reduziert, auf „die Hülle des Glaubens, seine Symbole, Riten, Regeln“. Monotheistische Religionen eigneten sich besonders gut für Hasspropaganda und die Abgrenzung Andersgläubiger, konstatiert der Artikel. Auch beim Christentum sei das so, wenn es missbraucht werde. In Russland instrumentalisiere Wladimir Putin zum Beispiel Religion und Kirche. Der Kreml habe sich der „Wahrung traditioneller Werte“ und der Abkehr vom „vermeintlich dekadenten Westen“ verschrieben. Die orthodoxe Kirche solle dabei die Legitimität von Putins Politik unterstreichen. Sie rechtfertige unter anderem eine „immer aggressivere Außenpolitik des Kreml“ und habe den Krieg in der Ostukraine als „heilig“ bezeichnet. Die Bombardierung in Syrien habe sie mit „einer Verteidigung des Vaterlandes“ gleichgesetzt.

Auch in Afrika werde die „unheilvolle Verbindung zwischen Religion und Politik“ deutlich. Der Autor des Artikels macht das unter anderem am ugandischen Präsidenten Yoweri Museveni fest. Der seit drei Jahrzehnten regierende Autokrat habe schon immer viele Kirchenführer für seine Machtinteressen eingespannt. In dem afrikanischen Land sei beinahe die Hälfte der Bevölkerung Mitglied in einer Freikirche. Diese seien dort oft fundamentalistisch, „verteufeln die Evolutionslehre als blasphemisch, hetzen gegen Schwule und Lesben, verdammen Geburtenkontrolle und Abtreibung, künstliche Verhütung“. Auch in anderen Ländern Afrikas seien Freikirchen zu einem Machtfaktor geworden. In Nigeria breite sich die evangelikale Bewegung so schnell aus wie in keinem anderen Land. „Megakirchen“ gebe es dort überall. Der Spiegel erklärt diese Entwicklung mit der Armut und Perspektivlosigkeit im Land. Die evangelikalen Pastoren versprächen Gesundheit und Wohlstand und gaukelten in und wieder auch Wunder vor. Sie „bekehren die verarmte Masse in einem Tempo, von dem die christlichen Missionare der alten Schule nur träumen können“. (pro)

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