Weltweit | 08.07.2014

Klaus Dewald (Mitte) besucht mit Mitarbeitern des Assessment Teams von GAiN die Flüchtlinge in einem Lager im Irak

Klaus Dewald (Mitte) besucht mit Mitarbeitern des Assessment Teams von GAiN die Flüchtlinge in einem Lager im Irak
Foto: Claudia Dewald

Der Chef hilft mit: Die LKWs werden im Lager in Gießen mit Hilfsgütern beladen

Der Chef hilft mit: Die LKWs werden im Lager in Gießen mit Hilfsgütern beladen
Foto: Claudia Dewald

Die GAiN-Transporter liefern das, was die Flüchtlinge am nötigsten brauchen. Ein erster LKW mit Non-Food-Artikeln ist derzeit auf dem Weg in den Irak

Die GAiN-Transporter liefern das, was die Flüchtlinge am nötigsten brauchen. Ein erster LKW mit Non-Food-Artikeln ist derzeit auf dem Weg in den Irak
Foto: Claudia Dewald

Irak: „99 Prozent wollen einfach nur Frieden“

Seit ISIS die Macht im Nordirak übernommen hat, wächst die Zahl der Flüchtlinge. Klaus Dewald, Leiter des Hilfswerks GAiN, war vor Ort und erklärt, warum die Terrorgruppe auch ihre eigenen Landsleute verfolgt und deutsche Medien ein falsches Bild transportieren.

Zwischen zwölf und zwei Uhr nachts fliehen die Menschen aus der Stadt Mossul. Per Klopfzeichen an den Haustüren fordern sich Bekannte zur Flucht auf. Das Ziel der Flüchtlinge heißt Kurdistan. Dort ist die Lage stabiler, Kurdistan wird autonom regiert.

Inklusive der syrischen Flüchtlinge befinden sich derzeit 750.000 Vertriebene dort. Viele Christen sind bei Familien untergekommen: „Die halten zusammen.“ Aus dem Nordirak, insbesondere aus den Städten Mossul und Tel Afar, sind etwa 500.000 Menschen in das angrenzende Kurdistan geflohen seitdem die Terrorgruppe ISIS dort die Macht übernommen habe, berichtet Klaus Dewald. Er leitet den deutschen Standort der Hilfsorganisation Global Aid Network (GAiN). Christen machen nur ein bis zwei Prozent der Flüchtlinge aus.

Alle Andersgläubigen im Irak seien von dem Vormarsch der sunnitischen ISIS betroffen. Dazu zählten unter anderem auch deren schiitische Landsleute, die etwas gemäßigteren Sunniten und alle, die im Staatsdienst angestellt waren, zum Beispiel Polizisten oder Lehrer.

Dewald erklärt, warum die extremistischen ISIS-Anhänger auch ihre eigenen Landsleute verfolgen: Im Irak bestehe seit Jahrhunderten ein Konflikt zwischen den Sunniten im Norden und den Schiiten im Süden. Das Land sei ein künstliches Gebilde, das nach dem Ersten Weltkrieg aus dem Interesse an Bodenschätzen geschaffen worden war. „Die Schiiten im Süden wollen ihr persisches Reich mit Iran und dem Irak. Die Sunniten im Norden wollen ihr Kalifat, also ihr alt-syrisches Reich zurück“, sagt der Missionsleiter.

Versorgte Türkei die ISIS mit Waffen?

Die Terrorgruppe ISIS ist eine Splittergruppe der Al Quaida, die seit jeher auf die Errichtung des Kalifats zielt, eine islamische Regierungsform, bei der die weltliche und die geistliche Führerschaft in der Person des Kalifen vereint sind. Als Splittergruppe wolle ISIS dies nun im Irak und in Teilen Syriens in die Hand nehmen, sagt Dewald.

Er macht klar, dass die ISIS erst durch den Zusammenschluss mit Sunniten im Nordirak so stark geworden sei: „Clanführer sunnitischer Gruppen haben nur darauf gewartet“. Denn die schiitische Regierung im Irak unterdrücke die Sunniten. Die Clanführer sind es auch gewesen, die Mossul besetzt hätten. ISIS allein hätte nicht genug Männer dafür gehabt.

Kontrolliert wurde ISIS anfangs von Al Quaida und sunnitischen Stammesführern. Schon im Syrienkonflikt sei die Gruppe vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan für den Versuch benutzt worden, den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad zu stürzen. Denn Erdogan sei selbst Sunnit. Er habe dann auch für die Aufrüstung und Bewaffnung der ISIS gesorgt.

Dewald warnt davor, ISIS zu unterschätzen: „Da sind die Revolutionsgarden von der früheren Elite-Armee von Saddam Hussein dabei. Und der Anführer ist ein ehemaliger General.“ Die wüssten ganz genau, was sie täten.

Medien transportieren falsches Bild

Den Vormarsch im Irak bezeichnet Dewald als „Raubzug“. Die Extremisten hätten noch nie so viel Geld gehabt wie jetzt. „Allein aus Mossul haben sie eine Milliarde US-Dollar erbeutet. Das entspricht ungefähr 700 Millionen Euro. Außerdem haben sie alle Waffen einkassiert, mit denen die USA das irakische Militär ausgestattet haben“. Griffen die Amerikaner ein, würden sie mit ihren eigenen Waffen begrüßt.

Das Bild vom desertierenden und fliehenden irakischen Militär, das westliche Medien verbreiteten, sei übrigens falsch, macht der GAiN-Vorsitzende klar. Seitdem die Schiiten im Irak von der schiitischen Regierung bevorzugt würden und bessere Arbeitsplätze erhielten, bestehe das irakische Militär zum Großteil aus arbeitslosen Sunniten. „Sie werden also in Mossul von den eigenen Leuten angegriffen. Und sie schießen nicht auf ihre Glaubensbrüder. Die lassen sich auch nicht killen für irgend einen schiitischen Präsidenten. Eigentlich muss man es ihnen hoch anrechnen, dass sie nicht die Seite gewechselt haben“, erklärt Dewald.

Matratzen für die Flüchtlinge

In einem Lager etwa 15 Kilometer von Mossul entfernt auf kurdischem Gebiet hat sich Dewald selbst ein Bild von der Lage der Geflohenen gemacht. Da die meisten innerhalb weniger Minuten ihre Häuser verlassen mussten, hätten sie kaum etwas mitnehmen können, außer der Kleidung an ihrem Leib. Es fehle an Trinkwasser, Nahrung und Medizin.

Eine erste Lieferung von GAiN USA mit medizinischen Artikeln sei bereits im Land angekommen. Ein GAiN-Transporter aus Deutschland mit Hygieneartikeln, Matratzen, Kleidung, Schuhen und Geschirr warte gerade an der Grenze zum Irak. „Wenn der es packt, dann beladen wir die nächsten“, sagte Dewald. Geplant sind erst einmal fünf Lieferungen, die dann auch Lebensmittel enthalten sollen. „Das ist natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Besser wären 50, aber dafür fehlen die Mittel.“

„Die Christen weltweit schlafen“

Mit einem Emergency Fond, Geld, das speziell für Katastrophen bestimmt ist, konnte er bei seinem Besuch im Irak schon vor Ort einige Notwendigkeiten für die Flüchtlinge kaufen. „Ich kann nicht in ein Flüchtlingslager gehen, Bilder machen und nichts tun“, sagt er. Auch ein Disaster Assistance Respond Team (DART), das sich um die Menschen in den Lagern kümmert, ist bereits vor Ort: „Das setzt das Signal: Ihr seid nicht vergessen. Es geht ja nicht nur um Materielles, sondern zum Beispiel auch um Trauma-Bewältigung.“

Von den Christen vor Ort habe er viele Vorwürfe gehört: „Sie verstehen es nicht, dass wir es zulassen, dass bei uns der Islam so auf dem Vormarsch ist. Die Christen dort bezahlen den Preis.“ Auch Dewald wünscht sich mehr Einsatz der Christen weltweit für den Irak: „Es ist die Wiege des Christentums. Die Christen weltweit schlafen. Wir geben gerade dieses Land einfach so preis. Das ist falsch.“

Eine Besserung der Lage im Irak erwartet Dewald nicht. Eher dürfte sich die Lage noch verschärfen. Für Kurdistan befürchtet er wegen der Flüchtlingsströme eine humanitäre Katastrophe. Die ISIS verfolge außerdem das Ziel, schiitische Heiligtümer zu zerstören. „Wenn sie das annähernd schaffen könnten, dann steigt der Iran ein. Die lassen ihre heiligsten Plätze nicht zerstören. Dann gibt es einen Flächenbrand“, befürchtet Dewald.

„99 Prozent wollen einfach nur Frieden“

Im Irak als Staat sieht er keine Zukunft. Allein schon, weil Präsident Maliki keine Unterstützung im Land finde: „Maliki ist ein schiitischer Kurde. Daher wird er von den Sunniten nicht anerkannt. Von Schiiten auch nicht, weil er Kurde ist. Von den autonomen Kurden aber auch nicht, weil dort auch Sunniten leben. Eigentlich hat er von niemandem Rückhalt außer von den Amerikanern.“

Eine langfristige Lösung sieht Dewald nur in einer Teilung des Iraks: Kurdistan an Kurden, im Norden ein Sunnitisches und im Süden Schiitisches Reich. Beendet werde der Konflikt dadurch aber auch nicht. Es käme lediglich etwas Ruhe in das Gebiet. Für Andersgläubige, besonders Christen, sieht er keine Zukunft im Irak. Die Flüchtlinge wollten oft auch nicht zurück: „99 Prozent wollen einfach nur in Frieden leben. Das hat mit dem ISIS-Konflikt gar nichts zu tun. Sie wurden ja vorher auch verfolgt. Wenn man sie morgen nach Europa oder Amerika ausreisen ließe, würden 99 Prozent gehen.“ (pro)

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