Kirche | 15.12.2015

Michael Diener ist der erste Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz, der auch dem Rat der EKD angehört

Michael Diener ist der erste Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz, der auch dem Rat der EKD angehört
Foto: pro/Martina Schubert

Diener: „Homosexuelle können in Gemeinden mitarbeiten“

Der Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz, Michael Diener, hat sich gegenüber pro dafür ausgesprochen, Homosexuelle in evangelikale Gemeinden zu integrieren. Zuvor äußerte er sich ähnlich in einem Porträt der Tageszeitung Die Welt.

Michael Diener, Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes, Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz und seit November auch im Rat der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), fordert, dass Christen im Umgang mit Schwulen und Lesben lernten, „Spannungen auszuhalten“. Das erklärte er in einem Porträt der Tageszeitung Die Welt. Zudem rief er Evangelikale zu mehr Selbstkritik auf: Üble Nachrede, Heuchelei und Lieblosigkeit spielten in der Bibel eine ebenso große Rolle wie sexualethische Fragen. Gerade bei solchen Themen „müssen wir Pietisten uns auch an die eigene Nase fassen“, sagt Diener. Entgegen vieler Vertreter der EKD äußerte sich Diener positiv über Mission, auch unter Muslimen und Juden. Welt-Autor Matthias Kamann beschreibt den Theologen als einen Mann, der das Zeug habe, „einen Glaubenskampf zu beenden“.

pro hat Michael Diener um ausführlichere Erklärungen rund um das sensible Thema Homosexualität gebeten.

pro: Sie sagen gegenüber der Welt, dass Sie in der Bibel keine Anhaltspunkte für die Segnung oder Trauung homosexueller Paare finden. Sie hätten aber Verständnis für Glaubensgeschwister, die die Bibel anders lesen als Sie. Das gelte auch für Pfarrerinnen und Pfarrer, „die ihre Homosexualität geistlich für sich geklärt haben und sich von Gott nicht zur Aufgabe dieser Prägung aufgefordert sehen”. Diese Aussage wird bereits viel diskutiert.

Michael Diener: Ich bin sehr dankbar für das Interview mit der Welt. Eine breite Öffentlichkeit soll pietistische und evangelikale Positionen kennenlernen! An dieser von Ihnen ziterten Stelle möchte ich den Zusammenhang präzisieren. Ich habe mehrfach klargemacht, dass ich persönlich eine konservative Einstellung habe, aber die Überzeugung vertrete, dass wir als evangelikale Bewegung auch andere Auslegungen der Heiligen Schrift in dieser Frage stehen lassen sollten. Daraus leitet sich ab, dass ich auch Menschen akzeptiere, die aufgrund ihrer Auslegung der Schrift zu anderen Erkenntnissen kommen als ich, und die sich in ihrer Homosexualität annehmen. Der Bezug auf Pfarrhäuser, der an dieser Stelle hergestellt wird, ist nicht von mir. Er entspricht auch nicht meiner Intention. Wenn man mein erstes Zitat ernst nimmt, dann ist klar, dass ich auch in diesem Punkt dafür plädiere, dass wir einen möglichst hohen Konsens in diesen Fragen erreichen.

Aber: Pfarrerinnen und Pfarrer sind als Individuen in ihren Identitäten ernstzunehmen, auch dann, wenn sie in dieser Frage zu einem anderen Urteil kommen, und dann müssen die Landeskirchen entscheiden, wie sie mit dieser Frage umgehen wollen. Die Zuspitzung, was ich von Homosexuellen im Pfarrhaus halte, ist eine Zuspitzung, die ich in diesem Artikel nicht wollte.

Können praktizierende Homosexuelle Ihrer Ansicht nach in einer evangelikalen Gemeinde Mitglied oder auch Mitarbeiter sein?

Wenn Menschen für sich diese Frage geistlich geklärt haben, und der Meinung sind, dass die biblischen Aussagen über Homosexualität ihre Lebenssituation nicht treffen, dann sollten wir es möglich machen, dass sie bei uns angenommen sind, dass sie bei uns auch mitarbeiten können. Ich habe aber im Kontext der Gemeinschaftsbewegung auch gesagt, dass ich der Überzeugung bin, dass dies bei uns nicht immer umsetzbar ist. Aber mein Wunsch wäre es. Unsere evangelikalen Gemeinden sind an dieser Stelle nicht soweit. Und viele würden sagen, sie dürfen auch nie soweit kommen. Meine Meinung ist: Wir sollten so weit kommen, dass wir ein anderes Ergebnis aus der Schrift an dieser Stelle nicht gemeindetrennend auffassen.

Das bedeutet, einen Gemeindeausschluß oder auch Gemeindezucht lehnen Sie in diesem Zusammenhang ab?

Ja. Zugleich gilt: Glaubensgemeinschaften sind immer auch Konsensgemeinschaften. Sie sind Gemeinschaften, die sich aufgrund eines bestimmten Verständnisses der Heiligen Schrift zusammenschließen. Wenn eine derartige Glaubensgemeinschaft dann sagt, dass gehört bei uns nicht dazu, dann ist das natürlich zu akzeptieren. Wir haben ja auch Glaubensgemeinschaften, die sich beispielsweise in der Tauffrage unterscheiden und sagen, hier gehören Leute mit einem anderen Verständnis nicht dazu. Das kann man diskriminierend verstehen, aber so ist es nicht gemeint, es ist ihr Verständnis der Schrift. Deshalb verstehe ich, wann immer auch Glaubensgemeinschaften bei sexualethischen Fragen Grenzen ziehen. Meine Überzeugung ist einfach, dass wir in dieser Frage die Grenze nicht so ziehen sollen, dass Menschen, die ein anderes Verständnis zur Homosexualität haben, nicht mitwirken können. Aber ich weiß, dass das für viele unserer Glaubensgemeinschaften ein zu großer Schritt ist.

Wie ist dazu der Stand der Diskussion innerhalb der Deutschen Evangelischen Allianz?

Ich bin mir bewusst, dass meine Position zu diesem Thema für viele auch beschwerend ist. Ich habe nicht den Anspruch, an dieser Stelle für die Evangelische Allianz oder den Gnadauer Verband zu sprechen. Von daher rechne ich auch mit kritischen Rückmeldungen. Wie wir mit dem Thema Homosexualität in der Allianz umgehen, ist sowieso eine immer wieder aktuelle Frage. Die vergangenen schriftlichen Verlautbarungen der Allianz zu diesem Thema nehmen einen konservativen Standpunkt ein. Es ist aber auch ganz eindeutig so, dass im jetzigen Hauptvorstand unterschiedliche Meinungen über Homosexualität vorherrschen. Es ist gut, die Allianz an dieser Stelle nicht in eine Zerreißprobe zu führen. Aber es gibt im evangelikalen Raum längst unterschiedliche Meinungen zur Homosexualität. Ich höre Kritik vom konservativen Teil mit großem Respekt und will niemanden verletzen, aber es muss an dieser Stelle möglich sein, auch bei eigener konservativer Überzeugung Pluralität zuzulassen.

Wenn es zum Thema Homosexualität in der Allianz unterschiedliche Meinungen gibt, könnte man auf den Gedanken kommen: Gibt es demnächst auch unterschiedliche Meinungen darüber, ob Jesus der einzige Weg zu Gott ist?

Unterschiedliche Meinungen gehören doch zur Kirchengeschichte dazu! Ob es nun um die Taufe, den Dienst an der Waffe, die Rolle der Frau in der Gemeinde oder den Umgang mit Geschiedenen und Wiederverheirateten geht. Wir sind in komplexe Fragen hineingestellt, und man kann doch komplexe Fragen nicht dadurch verweigern, dass auch andere komplexe Fragen kommen könnten. Außerdem: Wer in der einen ethischen Frage für Pluralität eintritt, der kann in Fragen des Heils konservativ sein.

Franklin Graham hat kürzlich einen offenen Brief an Lesben und Schwule veröffentlicht. Darin schreibt er, dass sich genug Menschen finden, die Homosexuellen das sagen, was sie hören wollen. Christen sollten ihre Liebe dadurch zeigen, dass sie Homosexuelle zu dem Lebensstil und zu der Identität hinführen, zu der Gott sie berufen hat. Soll man Homosexuelle nun bestärken oder ihren Lebensstil in Frage stellen?

Beides muss möglich sein. Meine eigene Position ist so, dass ich in der Bibel keine positive Unterstützung für homosexuelle Gemeinschaften erkennen kann. Zugleich lebe ich seit Langem mit vielen Menschen, die das können, und zwar nicht nur, weil sie selbst homosexuell sind, sondern weil sie gelernt haben, diese Stellen der Heiligen Schrift anders zu lesen. Ich bemühe mich einfach darum, das ernst zu nehmen. Ich sehe darin keinen Abfall, sondern auch eine Liebesbewegung. Dass Menschen, die einen konservativen Standpunkt zur Homosexualität haben und zur Veränderung einladen, das auch liebevoll meinen können, das möchte ich nicht bezweifeln. Die Frage ist immer, wie es beim Gegenüber ganz konkret ankommt.

Herr Diener, vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Moritz Breckner. (pro)

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