Kirche | 19.01.2016

Der deutsch-italienische Journalist Marco Politi ist mit den Geschehnissen im Vatikan bestens vertraut

Der deutsch-italienische Journalist Marco Politi ist mit den Geschehnissen im Vatikan bestens vertraut
Foto: pro/Norbert Schäfer

Angst vor der Protestantisierung des Vatikans

Papst Franziskus hat mit der Familiensynode die Grundlage für die Ökumene verbessert. Diese Auffassung vertritt der deutsch-italienische Journalist Marco Politi. pro hat mit dem sogenannten Vaticanista, dem Vatikan-Insider, über die Reformbemühungen von Papst Franziskus gesprochen.

Marco Politi ist seit mehr als 40 Jahren Vatikankorrespondent, davon mehr als 17 Jahre für die italienische Tageszeitung La Repubblica. Politi war Gastautor für Die Zeit und die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Im pro-Interview schildert der Autor Schwierigkeiten und Widerstände bei der Neustrukturierung der Kurie durch Papst Franziskus und nährt die Hoffnung geschiedener Wiederverheirateter, wieder am Abendmahl teilnehmen zu können.

Wo sehen Sie die Schwierigkeiten der Reformbemühungen von Papst Franziskus?

Dieser Papst will kein Kaiserpapsttum mehr. Er arbeitet hin auf eine partizipative, synodale Kirche, in der der Papst natürlich der Papst bleibt, aber in der die Bischöfe in eine kollegiale Arbeitsweise mit einbezogen werden und mit entscheiden, was die Richtung der Kirche in diesem Jahrhundert ist. Der Papst will eine arme Kirche für die Armen. Deswegen hat er sehr viel auf eine Reform der vatikanischen Bank hingearbeitet. Dort sind erste Resultate bereits erkennbar. Der Papst will eine Kirche, in der die Frauen – das hat er persönlich in einem Interview gesagt – in Positionen kommen, wo man entscheidet und Autorität ausübt. Das hat nie ein Papst vor ihm gesagt. Er ist der erste Papst, der die Mafia exkommuniziert hat. Das bringt in verschiedenen Städten und Orten Probleme mit sich. Er ist ein Papst, der nicht mehr besessen sein will von diesen Problemen wie Pille, Abtreibung, Kondome und Scheidung. Er will, wie er sehr oft sagt, eine Kirche, die den Menschen in ihren Problemen beisteht. Eine Kirche, die weder Richtstuhl noch Zollamt ist. Er hat selbst von einem Feldlazarett gesprochen, wo man verwundeten Frauen und Männern hilft. Das ist ein sehr breit angelegtes Reformprogramm. Das bedeutet für die Kurie ein völliges Umdenken, denn sie hat sich immer gesehen als eine Art militärischer Generalstab, wo von Rom Kommandos ausgingen. Der Widerstand ist jedoch nicht nur in der Kurie, er ist auch in der Weltkirche. Es gibt einen großen Teil der katholischen Hierarchie, der Angst hat vor Neuerungen und einer Protestantisierung der Kirche, oder konservativ am Lehramt festhalten möchte. Diese Menschen haben Angst, sich mit den neuen Problemen der Gesellschaft auseinanderzusetzen. Es gibt Kardinäle und Bischöfe, die sich gegen den Gedanken wehren, dass eine Frau in der Kurie eine Schlüsselposition haben könnte. Oder sie sind sozial sehr offen, wollen aber nicht, dass die wiederverheirateten Geschiedenen wieder zur Kommunion kommen. In diesem Sinn sind die Fronten sehr verschieden. Ich würde sagen, die Hälfte des Kirchenapparates ist gegen diesen Umbruch.

Welche Chancen rechnen Sie dem Papst bei seinen Reformbemühungen aus?

Der Papst ist ein Politiker. Er ist ganz bestimmt eine große religiöse Persönlichkeit, aber er hat einen politischen Kopf. Er weiß, dass er zäh sein und Geduld haben muss. Er geht manchmal einen Schritt vor und auch mal einen Schritt zurück. Zum Beispiel nach der ersten Synode 2014, als er gesehen hat, wie viel Widerstand es gibt gegen die Idee, die wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion zuzulassen, da hat er gesagt: Das ist nicht das wichtigste Problem. Er hat jedoch gleichzeitig am Anfang des Jahres 2015 einen Transsexuellen im Vatikan empfangen. Nicht in einer Generalaudienz, sondern in einer persönlichen Audienz. Dieser Transsexuelle aus Spanien war eine Frau, die ein Mann geworden ist und sich abgegrenzt gefühlt hat in ihrer Pfarrei. Dieser Transsexuelle ist mit seiner Verlobten zum Papst gekommen und der hat ihn empfangen. Das wäre vorher völlig undenkbar gewesen mit anderen Päpsten und anderen Zeiten. Er setzt viele Zeichen. Der Papst will einen Prozess in Gang setzen. Das bedeutet nicht, dass er auch das Ende sehen wird. Man kann sagen, dass er ein Mann der Aussaat ist, aber für ihn persönlich ist nicht wichtig, ob er die Ernte heimbringt, denn es braucht auch Zeit.

Wie bewerten Sie die Teilnahme protestantischer Theologen an der Familiensynode 2015 hinsichtlich der Ökumene?

Die große Neuigkeit vom II. Vatikanum war, dass die Schwesterkirchen damals zu dem Konzil eingeladen wurden. In diesem Sinne war diese Geste bei der Synode eben eine Weiterentwicklung dieser ersten Entscheidung. Der Papst will ganz bestimmt, dass sich die ökumenischen Beziehungen weiter entwickeln. In diesem Moment habe ich den Eindruck, dass es für ihn schon ein Resultat wäre, mit den Orthodoxen ein Einverständnis zu finden. Denn praktisch gibt es keine dogmatischen Differenzen mit den orthodoxen Kirchen. Es ist mehr eine Diskussion über die Jurisdiktion, also die Machtverhältnisse in der Kirche. Der Papst hat den Vorschlag gemacht, dass man Ostern zusammen feiert. In diesem Sinn ist das ein ganz ökumenischer Vorschlag. Es würde bedeuten, dass Lutheraner, Katholiken und Orthodoxe endlich Ostern zusammen feiern. Der Papst ist intellektuell, spricht aber in einer sehr volkstümlichen Weise. Er hat schon öfter gesagt: Es ergibt keinen Sinn, wenn eine Kirche sagt, mein Christus ist gestern auferstanden, und deiner wird übermorgen noch auferstehen. Es liegt ihm sehr am Herzen, dass man ein konkretes Zeichen der Einheit wenigstens auf dieser Ebene setzt.

Indem der Papst für eine synodale Kirche arbeitet, erleichtert er auch zukünftige ökumenische Integrationsmöglichkeiten. Denn wenn der Papst nicht alles von Rom aus als Alleinherrscher entscheidet, sondern einerseits die Bischöfe kollegial mit dem Papst Entscheidungen fällen oder wenigstens Vorschläge für die Lösung der Probleme zusammen finden, und andererseits auch die Kirche auf einen Weg der Dezentralisation geht, erleichtert das die Beziehungen in Zukunft bei der Idee eines Zusammenkommens mit den protestantischen Kirchen und den orthodoxen Kirchen, die beide eine synodale Basis haben. Daher war es sehr wichtig, dass er bei der Reform der Nichtigkeitserklärung der kirchlichen Ehen dem Ortsbischof in gewissen Situationen die Möglichkeit gegeben hat, eine Ehe für nichtig zu erklären. Der Ortsbischof kann es tun, er muss nicht auf Rom warten.

Bedeutet das eine Stärkung der Bischöfe?

Das ist eine Stärkung des Bischofsamts, aber vor allem auch eine Stärkung der Ortskirchen. Leider haben sich im Refomprozess die Konservativen viel besser mobilisiert als die reformfreudigen Gläubigen in der Katholischen Kirche. Es sieht so aus, als ob viele Reformfreudige nur auf den Papst warten, während sich die konservativen Kräfte mobil machen. Das hat man sehr klar in der Synode gesehen. Dort haben die Konservativen, die das traditionelle Lehramt auf jeden Fall verteidigen wollen, eine Bittschrift an den Papst geschrieben mit mehr als 400.000 Unterschriften, es hat Bücher gegeben von Kardinälen, es hat einen internationalen Kongress im Vorfeld der Synode gegeben, wo sehr stark die Befürworter der althergebrachten Amtslehre dabei waren. Solche Dinge hat man von der reformfreudigen Seite nicht gesehen. In Zeiten des Zweiten vatikanischen Konzils gab es eine große Reformbewegung, sichtbar, unter den Bischöfen, den Theologen und den engagierten Laien. Das fehlt heute. Das bedeutet praktisch, dass man den Papst alleine lässt. Obwohl man das nicht will, aber praktisch ist der Papst so allein wie ein Fußballspieler, der nur den Jubel von den Zuschauern bekommt, aber auf dem Fußballplatz keine Mannschaftskameraden hat. Die Basis schaut zu. Die Basis ist vielleicht enttäuscht, weil es so viele Jahre keine Veränderung gegeben hat. Es gibt einen großen Konsens, aber wenig Aktivität auf der Ebene der Weltkirche. Die Laien in der Kirche sind noch nicht erwacht.

Welche Aussichten bestehen, dass sich der Papst abschließend zur Familiensynode auch über die Zulassung geschiedener Wiederverheirateter zur Kommunion äußert?

Wir sprachen vom Ziel des Papstes, einer synodalen Kirche. Er hat die Bischöfe sehr konkret bei den letzen beiden Synoden aufgefordert, Vorschläge zu machen. Nun ist es so, dass, wenn man in einem sehr monarchischen System plötzlich demokratisch wird, auch die Konservativen die Oberhand behalten können. Auf jeden Fall hat man in den Synoden gesehen, dass die konservative Seite eine klare Wende gestoppt hat. Das Enddokument ist sehr verschnörkelt. Es spricht von einem Bußweg, von Nachsinnen und Unterscheidung von verschiedenen Situationen, aber es fehlt der entscheidende Satz: „... dann können die wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion gehen“. Der Papst hat in Italien einen regen Austausch mit dem führenden, nicht gläubigen Jounalisten und Zeitungsgründer Eugenio Scalfari. Scalfari hat nach der Synode geschrieben, der Papst hätte ihm gesagt, dass in verschiedenen Situationen, nach einem längeren oder kürzeren Weg, dann die Beichtväter die geschiedenen Wiederverheirateten doch wieder zur Kommunion lassen können. Der Sprecher des Vatikan hat das dementiert. Also muss man warten, bis das Dokument in den nächsten Monaten herauskommt. Aber ganz bestimmt ist es im Sinne des Papstes, wie er es auch oft gesagt hat, dass die Kirche nie einen Menschen für immer verdammt. Das ist sein Grundprinzip. Dieses Grundprinzip müsste man in dem päpstlichen Dokument über die Synode finden, mit dem ich noch vor dem Sommer rechne.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Norbert Schäfer. (pro)

Marco Politi: „Franziskus unter Wölfen: Der Papst und seine Feinde“, Herder Verlag, ISBN- 9783451342868

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