Gesellschaft | 01.03.2016

Der Journalist Eldad Beck, geboren 1965 in Haifa, beobachtet, dass Antisemitismus viele Europäer verbindet

Der Journalist Eldad Beck, geboren 1965 in Haifa, beobachtet, dass Antisemitismus viele Europäer verbindet
Foto: pro/Norbert Schäfer

„Wir stehen vor der Kapitulation des Westens“

Der israelische Journalist Eldad Beck ist seit 2002 Deutschland- und Europa-Korrespondent für die israelische Tageszeitung Yediot Aharonot. Er hat Arabisch und Islamwissenschaften in Israel und an der Sorbonne in Paris studiert und war in verschiedenen arabischen Ländern. Im Gespräch mit pro schildert er seine Außensicht auf europäische Werte und den Umgang mit muslimischen Migranten.

pro: In den vergangenen Monaten sind über eine Million Flüchtlinge nach Europa gekommen. Das polarisiert die Gesellschaft: Während die einen offene Grenzen unter anderem mit Nächstenliebe begründen, fürchten andere den Verlust der christlichen Werte. Laufen wir Gefahr, unsere Gesellschaft kaputt zu machen?

Eldad Beck: Wie viele von allen diesen Menschen, die nach Europa kommen, sind tatsächlich Flüchtlinge? Meine Erfahrung sagt, dass es eine Minderheit ist. Der Großteil sind Immigranten. Europa hat die massiven Probleme mit den Immigranten noch nicht gelöst, die hier seit Generationen oder Jahrzehnten leben, aber öffnet sich für Menschen, die das Problem noch größer machen. Radikale Moslems kommen nach Europa um hier Scharia-Polizeien zu gründen, und die Behörden finden das normal. Ob Europa sich kaputt macht? Die klare Antwort kann nur lauten: Ja. Wir stehen, glaube ich, vor der Kapitulation des Westens.

Betrachten Sie die Integration als gescheitert?

Zum großen Teil.

Wo liegen die Ursachen?

In Deutschland waren die Immigranten zum großen Teil als Gastarbeiter eingeladen. Die Idee war von Anfang an, sie kommen und sie gehen wieder. Obwohl sie hier geblieben sind, hat man sich nicht wirklich bemüht, sie besser in die Gesellschaft zu integrieren. Es gibt Immigranten, die sich wunderbar integriert haben. Es gibt aber eine große Gruppe von Menschen, vor allem aus moslemischen Gesellschaften, die sich nicht integrieren wollten. Der Staat hat diese Situation erlaubt und so kommen wir zu einem freien Raum, in dem Menschen glauben, dass sie tun können, was sie wollen. Das Resultat ist das, was in Köln und in Hamburg an Silvester passiert ist. Wir haben solche rechtsfreien Räume auch in Berlin. Ich rede auch von Schulen, wo bestimmte Dinge nicht mehr gelehrt werden können, weil es „antiislamisch“ ist. Der Staat war viel zu schwach gegenüber diesen Gruppen.

Wo müsste etwas getan werden?

Zuerst einmal muss man Werte definieren. Wofür steht man? Das wissen wir jetzt nicht. Ich habe den Eindruck, dass vor 30 Jahren noch klar war, was die europäischen Werte sind. Heute sehe ich keinen Konsens darüber. Über Menschenrechte zu sprechen und dann Verhandlungen mit radikal-islamischen Bewegungen überall in der Welt zu fördern, kommt mir zu unseriös vor. Entweder steht man zu bestimmten Werten oder nicht. Und dann müssen wir von denjenigen, die hier leben wollen, verlangen, dass sie diese Werte respektieren. Das passiert aber nicht. Die Bildung ist die Basis der Integration. Dadurch bekommt man eine Zugehörigkeit zur Gesellschaft, auch zur Wertegemeinschaft. Das fehlt in Deutschland und in Europa.

Wie werden in Israel europäische Werte wahrgenommen?

Ich glaube nicht, dass sie wahrgenommen werden. Viele Israelis glauben, dass Antisemitismus das einzige ist, das Europa noch vereint. Deswegen ist es einfach, die israelischen Siedlungen zu kritisieren. Europa ist mit seiner Außenpolitik im Nahen Osten gescheitert. Aber eine Sache vereint zu viele Europäer: Das ist der Hass gegenüber Israel und den Juden.

Mit der Flüchtlingswelle kommt auch eine Kultur nach Deutschland, die stark antiisraelisch geprägt ist. Importieren wir damit einen neuen Antisemitismus?

Neu ist er nicht, er ist schon da. Schauen Sie, was im Sommer 2014 passiert ist ...

Auf Demonstrationen, unter anderem in Berlin, gegen den israelischen Militäreinsatz in Gaza, schrien vorwiegend arabische Demonstranten antisemitische Parolen ...

Das war nicht das erste Mal. Dieser Antisemitismus ist schon in Deutschland. Und er wird von den Behörden toleriert. Daher mache ich mir keine Illusionen, dass es besser wird. Nehmen wir Frankreich: Die Menschen mit nordafrikanischem Migrationshintergrund kommen aus Gesellschaften, wo der Antisemitismus oder Antiisraelismus nicht so stark war wie im Nahen Osten. Dass sie trotzdem so antisemitisch sind, liegt daran, dass die Juden leicht als Sündenbock zu ergreifen sind. Dahinter steht eigentlich der Hass gegenüber dem Staat, dem Christentum, Europa und so weiter. Es ist einfacher, den Juden anzugreifen. Nach den Juden kommen die anderen.

Haben Bemühungen, die einen aufgeklärten Islam anstreben, eine Chance?

Eine Revolution innerhalb des Islams kann nur gelingen, wenn sie von innen kommt, nicht von außen. Das ist unglaublich schwierig, weil es so viele Elemente und Faktoren gibt, die kein Interesse daran haben. Der Arabische Frühling hätte eine Chance sein können, aber die alten Kräfte, die noch immer in diesen Gesellschaften sehr stark sind, haben dieses sehr kurze und kleine Fenster der Freiheit zugemacht. Viele freie Geister aus dem arabisch-muslimischen Raum sind nach Europa gekommen mit der Hoffung, dass sie von hier aus besser auf die Situation bei ihnen zu Hause einwirken können. Ich habe jedoch den Eindruck, dass sie hier eine große Enttäuschung erlebt haben, weil Europa ihnen die Möglichkeit nicht gegeben hat, islamkritische Stimmen deutlich zu äußern. Zu sagen, dass es Probleme im Islam gibt, bedeutet nicht, dass wir ein Problem mit allen Moslems haben. Das muss man differenzieren. Wenn die Moslems uns zeigen, dass sie die Radikalen ablehnen, für Toleranz und Offenheit stehen und gegen jede Form von Gewalt und Diskriminierung sind, dann wäre es auch einfacher, islamophobe Tendenzen zu bekämpfen.

Wie wird die Flüchtlingswelle nach Deutschland in Israel wahrgenommen?

Deutschland wird in Israel wieder ein Thema, nachdem wir uns über Jahre nur für den deutschen Fußball interessiert haben. Die Israelis verfolgen mit Interesse und Sorge, was hier passiert. Nicht nur, weil diese Welle von Immigranten wie eine negative Entwicklung der Zukunft Deutschlands aussieht, sondern auch, weil die extrem Rechten die Situation nutzen, um sich zu stärken. Ich will aber noch etwas sagen: Es gibt Flüchtlinge, die aus Syrien und dem Nahen Osten kommen, weil sie dort tatsächlich um ihr Leben kämpfen müssen. Das hat aber vor allem damit zu tun, dass der Westen im Nahen Osten weiter Geschäfte macht, obwohl die Menschenrechte missachtet, Menschen hingerichtet werden. Ständig. Täglich. Iran, Saudi-Arabien. Auch heute. Wenn die richtigen Konsequenzen nicht gezogen werden, wird diese Situation kein Ende haben. In Bezug auf Flüchtlinge über Integration zu sprechen, ist die falsche Attitude. Sie sind hierher gekommen, weil sie akut eine Gefahr für ihr Leben haben. Aber diese Gefahr verschwindet, und man muss sehen, wie diese Menschen für die Befreiung und Demokratisierung ihres Landes kämpfen können. Syrien und Irak existieren noch immer. Diese Menschen können nicht einfach sagen: Okay, wir geben auf, und das war es.

Müsste man dann nicht auch sagen, dass, sollte die Region befriedet sein, man diese Menschen wieder in die Heimat zurückschickt?

Ja. Man muss allerdings auch aktiver werden, um eine Lösung für die ursächlichen Probleme im Nahen Osten zu finden. Diese aktive Haltung ist nicht zu sehen. Geschäfte sind immer wichtig. Aber wenn man seine Werte verkauft, um Geschäfte zu machen, wird früher oder später der Preis zu hoch.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Norbert Schäfer. (pro)

Dieser Artikel ist der Ausgabe 1/2016 des Christlichen Medienmagazins pro entnommen. Bestellen Sie pro kostenlos und unverbindlich unter Telefon 06441 915 151 oder online.

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