Gesellschaft | 06.02.2016

Mouhanad Khorchides Reformbestrebungen des Islam stoßen nicht überall auf Gegenliebe

Mouhanad Khorchides Reformbestrebungen des Islam stoßen nicht überall auf Gegenliebe
Foto: pro/Anna Lutz

Wie viel Reform braucht der Islam?

Wer hat eigentlich die Deutungshoheit im Islam? Diese Frage beschäftigt die muslimische Welt. In einem Beitrag in der aktuellen Ausgabe des Nachrichtenmagazins Der Spiegel kommen Erneuerer und Fundamentalisten zu Wort.

Mouhanad Khorchide ist Professor am Zentrum für Islamische Theologie an der Universität Münster. Er gilt als Reformer des Islam. Für ihn ist der Koran „kein Gesetzestext, sondern ein Liebesbrief Gottes an die Menschen“. Mit dieser Interpretation stößt er nicht bei allen Muslimen auf Gegenliebe. Eine Reform des Islam ist aus Sicht der Spiegel-Autoren deswegen schwierig, weil es den Islam gar nicht gibt. Weltweit gehörten 1,6 Milliarden Menschen der Religion in ihren unterschiedlichen Ausprägungen an.

„Differenziertes und aufgeklärtes Religionsverständnis weitertragen“

Nach den Silvester-Vorfällen in Köln und Hamburg müssten sich viele Muslime immer wieder erklären und die gleichen Fragen beantworten. Auch Mouhanad Khorchide, der sich selbst nur unter Polizeischutz bewegen kann, leugnet die Probleme nicht. Es ist ihm ein Anliegen, den Islam zeitgemäß und modern zu deuten und zu leben. Zur Reform habe auch die Gründung der fünf Islamzentren in Deutschland 2012 beigetragen. Deren Absolventen könnten ein „differenziertes, aufgeklärtes Religionsverständnis weitertragen“.

Der Schriftsteller Navid Kermani sieht ein zwiespältiges Bild des Islam: einerseits seine reichen Schätze, andererseits seine Radikalität, die Feindbilder und einfache Wahrheiten braucht. Für den Berner Islamwissenschaftler Reinhard Schulze ist der „Islam Plural“. Viele Anhänger wollten Frömmigkeit ohne Lehrautorität, quasi „als Privatsache und ohne direkte politische Bedeutung“. Die Berlinerin Omnya Ebrahim findet, dass vor allem die Wahhabiten den Islam auf den Kopf gestellt und dessen „Werte komplett entleert“ hätten: „Gläubig ist jeder, der ein gutes Herz hat. Die Beziehung zwischen dem Koran, Gott und mir ist direkt“, findet sie.

Kelek: „Islam ist rückständig und frauenfeindlich“

Die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur hat eine Veränderung in der Gesellschaft beobachtet: „Als ich jung war, hat sich keine Sau für den Islam interessiert.“ Auch Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ habe den Blick auf den Islam verändert. Viele Deutsche hätten seitdem Angst vor Überfremdung. Als Professorin in Hamburg müsse sie die Studenten in diesem Spannungsfeld unterrichten: „auf der einen Seite die Angst vor einer als archaisch und antimodern wahrgenommenen Religion und andererseits die Realität gelebter Demokratie“.

Sie selbst glaubt an einen gnädigen Gott und ist damit ein Gegenpol zur Publizistin Necla Kelek, die den Islam „grundsätzlich für rückständig und frauenfeindlich“ hält. Der Glaube an Allah schreibe ihr zufolge blinden Gehorsam vor. Für Amiripur ist es ganz wichtig, dass der „religiöse Analphabetismus“ unter Muslimen thematisiert werde.

Dem Autor Ahmad Mansour machen nicht nur die Terroristen Sorgen, sondern auch die, „die zur Gesellschaft gehören und sich von unseren Werten abgewendet haben“. Bei Jugendlichen sei dies die „fehlende oder überstrenge Vaterfigur, ein Gefühl der Bestimmung im Glauben, Macht gegenüber anderen, der Geist der Rebellion und das Gefühl, zu einer Elite zu gehören“. Das Gefühl der Überlegenheit fördere die Tatsache, „für den Imam alles zu tun“. In Deutschland brauche es Schulen, die kritisches Denken förderten „und Lehrer, die radikales Denken erkennen“.

Die Șehitlik-Moschee in Berlin-Neukölln hat sich unter ihrem Vorsitzenden Ender Çetin in den vergangenen Jahren der Außenwelt geöffnet wie kaum eine andere muslimische Einrichtung. Sie solle für Muslime ebenso wie für Nicht-Muslime offen sein, wünscht sich der Gemeindevorsteher. Er glaubt, dass sich die Moscheen dem Lebensgefühl junger Muslime anpassen müssen. Zur Reform in seiner Gemeinde gehören übersetzte Predigten, Führungen durch das Gebetshaus und der Austausch mit anderen Religionen. Von den Brandanschlägen gegen seine Moschee will er sich nicht verunsichern lassen. Auch Ahmad Mansour wird seit einiger Zeit bedroht. Er glaube aber an einen barmherzigen Gott, sagt er, nicht an einen Gott, der „uns mit der Hölle bedroht“. (pro)

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