Gesellschaft | 25.07.2014

Medien können durch einseitige und verzerrte Berichterstattung über Israel antisemitische Gefühle auslösen, sagt Monika Schwarz-Friesel, Professorin an der TU Berlin

Medien können durch einseitige und verzerrte Berichterstattung über Israel antisemitische Gefühle auslösen, sagt Monika Schwarz-Friesel, Professorin an der TU Berlin
Foto: Monika Schwarz-Friesel

„Medien aktivieren antiisraelische Einstellungen“

In der vergangenen Woche wurden auf mehreren Demonstrationen in Deutschland antisemitische Parolen gerufen. Neu sind diese Sprüche nicht, erklärt die Linguistin und Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel von der TU Berlin im Interview – und mahnt die Verantwortung der Medien an.

pro: Bei pro-palästinensischen Demonstrationen am vergangenen Wochenende wurden unter anderem in Frankfurt und Berlin antisemitische Parolen skandiert. Wie bewerten Sie das?

Monika Schwarz-Friesel: Diese Parolen sind eindeutig antisemitisch und erfüllen somit den Bestand der Volksverhetzung. Dass Äußerungen, wie sie zuletzt von den Nationalsozialisten artikuliert wurden, nun auf Berlins Straßen zu hören sind, ist unerträglich. Ebenso unerträglich ist es, dass die Staatsanwaltschaft nicht den antisemitischen und volksverhetzenden semantischen Charakter darin erkennt – und damit die hasserfüllten judenfeindlichen Parolen bagatellisiert. Phrasen wie „Kindermörder Israel“ werden von Staatsanwälten nicht einmal als Beleidigung gesehen, dabei ist das ein uraltes judeophobes Sterotyp. Wörter wie „Judenschwein“ und der kollektive Gebrauch von „Jude“ in Zusammenhang mit Attributen wie feige, mörderisch, blutrünstig – dies ist verbaler Antisemitismus und geht über Beleidigungen hinaus.

Die Parolen wurden offenbar unter anderem von arabisch-palästinensischen Demonstranten geäußert. Inwiefern nehmen Sie aktuell auch in anderen gesellschaftlichen Gruppen antisemitische Haltungen wahr?

Sehr ähnliche, ja äquivalente Sprachgebrauchsmuster finden wir auch bei Rechten wie Linken, sogenannten Friedensaktivisten sowie sogenannten Humanisten, die als Moralisten auftreten und Israel einseitig verzerrt verdammen und dämonisieren. Dahinter kommt das judenfeindliche Ressentiment zum Vorschein, das auf den Staat Israel projiziert wird.

Gibt es bei diesen Gruppen argumentative Unterschiede?

Gebildete Antisemiten drücken sich gewählter aus, vermeiden Gewaltandrohungen und vulgäre Beschimpfungen. Im Kern jedoch ist die Argumentation nahezu identisch. Sie greift auf uralte judeophobe Muster zurück.

Sie werten seit vierzehn Jahren Zuschriften an den Zentralrat der Juden und die Botschaft des Staates Israel in Deutschland aus. Macht sich die aktuelle Zuspitzung des Konflikts bemerkbar?

Die Argumentationsmuster wiederholen sich immer wieder. Sie basieren auf antisemitischen Stereotypen und anti-israelischen Klischees. Konflikte lösen nur quantitativ stärker Reaktionen aus, die judenfeindliche Semantik ist aber konstant.

Nehmen Sie gegenwärtig Unterschiede wahr zu den Reaktionen auf frühere Eskalationen im Nahostkonflikt?

Nein, zur Zeit sind nur die lautstarken antisemitischen Parolen auffällig – und das Versagen in der Gesellschaft, darauf angemessen zu reagieren. Aber auch das ist nicht wirklich neu. Aktueller Antisemitismus wird allzu oft bagatellisiert und relativiert.

Die militärische Reaktion Israels auf den Raketenbeschuss seitens der Hamas aus dem Gazastreifen löst in der deutschen Gesellschaft oft enorme emotionale Reaktionen aus, die sich vorwiegend gegen Israel richten. Bei anderen aktuellen Konflikten gibt es das nicht. Wie ist das zu erklären?

Weil Israel ein jüdischer Staat ist. Als solcher steht er im Mittelpunkt der Feindseligkeit aller Antisemiten. Hier bricht die alte, nach 1945 nur kurz unterdrückte Ablehnung auf und der Hass kommt wieder zum Vorschein. Mit legitimer Kritik hat dies nichts zu tun. Vielmehr öffnet sich hier auch das Ventil für viele Deutsche, die es angesichts der entsetzlichen jüngsten Geschichte Deutschlands als Befreiung empfinden, dem jüdischen Staat Täter-Merkmale anzudichten.

Welche Verantwortung kommt dabei den Medien zu?

Große Teile der Presse versagen in diesem Bereich. Es gibt eine sehr einseitige Berichterstattung in Bezug auf Israel, zum Teil auch in seriösen Medien wie der ARD oder dem ZDF. Da ist ganz klar eine pro-palästinensische Tendenz zu erkennen mit extrem hohem Emotionspotenzial: Einzelschicksale von Palästinensern werden der militärischen Macht Israels gegenüber gestellt. Das löst natürlich starke Gefühle aus und reaktiviert auch antiisraelische Einstellungen.

Es gibt Stimmen, die sagen, wenn Israels Politik nicht kritisiert wird, fordere das antisemitische Äußerungen geradezu heraus ...

Dass es zu wenig Kritik an Israel gebe, ist ein unhaltbares Klischee. Ich habe in Studien die Berichterstattung über verschiedene Konflikte analysiert. In allen Stichproben wird im deutschen Diskurs kein Land so kritisiert, so scharf, einseitig und realitätsverzerrt dargestellt wie Israel. Mit so einer Berichterstattung fördern Journalisten antisemitische Gedanken.

Der Antisemitismusforscher und Historiker Wolfgang Benz hat gesagt, die negative Stimmung gegen Israel sei kein Antisemitismus. Vielmehr habe die israelische Regierung „ein Interesse daran, dass jede Kritik an ihren Handlungen als Antisemitismus verstanden wird“. Was sagen Sie dazu?

Die Leugnung und Bagatellisierung von Antisemitimus findet sich auf allen Ebenen der Gesellschaft, auch wenn die Tatsachen eindeutig sind. Es gibt klare Kriterien für die Bestimmung, was antisemitisch ist, und was wir zur Zeit erleben, ist eine hoch emotionale Welle von Judenfeindschaft projiziert auf Israel. Israel nun zu unterstellen, es „habe Interesse daran, dass …“, trägt dazu bei, die extremen Ressentiments gegenüber Israel weiter anzufachen.

Wie sähe denn legitime Kritik an Israel aus?

Es ist völlig legitim, bestimmte Zustände und politische Entscheidungen Israels zu kritisieren. Es gibt zum Beispiel Zuschriften an die Botschaft, die den Einsatz von Streubomben anprangern und dazu auffordern, etwas dagegen zu tun. Aber vieles, was als Kritik ausgegeben wird, enthält antisemitische Konzepte. Kein seriöser Kritiker würde zum Beispiel NS-Vergleiche nutzen wie „der Geist von Auschwitz“ oder „Warschauer Ghetto“ für die Beschreibung des Gazastreifens. Auch gebildete Journalisten sprechen von einem „Rachekrieg Israels“. Das ist ein sehr altes Stereotyp. Da sieht man, dass auch Bildung nicht vor Antisemitismus schützt.

Sie haben in Ihren Studien herausgefunden, dass sich antisemitische Haltung gerade auch in der bürgerlichen Mitte und gesellschaftlichen Elite festsetzt. Die meisten von ihnen würden sich doch sicherlich nie als judenfeindlich bezeichnen ...

Nein, das passt nicht in ihr Selbstkonzept. Es passt nicht zum aufgeklärten, gebildeten Menschen, antisemitische Gedanken zu haben. Ich möchte auch nicht allen unterstellen, dass sie Einstellungsantisemiten sind. Aber sie benutzen diese judeophoben Sprachmuster und die haben ein hohes Wirkungspotenzial.

Wie ist dem Antisemitismus in unserer Gesellschaft überhaupt beizukommen?

Das ist sehr schwer. Wenn nicht einmal der zivilisatorische Bruch des Holocaust es geschafft hat, dem Antisemitismus den Boden zu entziehen, zeigt das, wie schwer es ist. Man muss vor allem darüber aufklären und den Menschen klar machen, dass Antisemitismus in der deutschen Geschichte nicht auf zwölf Jahre Nationalsozialismus beschränkt ist. Es ist eine seit fast 2.000 Jahren verankerte Komponente der abendländischen Kultur. Und man muss anerkennen, dass Antisemitismus nicht nur in der rechten Ecke zu finden ist. Es gibt eine sehr gefährliche linke Strömung, die oft bagatellisiert wird. Das wollen oder können viele nicht wahrnehmen. Der linke, gebildete Antisemitismus ist viel salonfähiger und wird seltener als solcher erkannt. Das habe ich auch durch empirische Studien nachweisen können.

Was wäre denn eine angemessene Reaktion von Politikern?

Wir erleben jetzt, dass Politiker tatsächlich den Mund aufmachen. Das hätten wir schon vor zehn Jahren erwarten sollen. Denn damals haben Antisemitismusforscher schon gewarnt, dass sich ein intensiver antisemitischer Diskurs über den Anti-Israelismus anbahnt. Sprache übt auch massiv Gewalt aus – mentale Gewalt, die ein enormes Wirkungspotenzial hat. Gewalt beginnt nicht auf der Straße, sondern immer zuerst in den Köpfen. Das muss stärker berücksichtigt werden. Stellungnahmen von Politikern gibt es immer nur vereinzelt. Sie sollten aber den anti-israelischen Klischees energischer entgegentreten. Es reicht nicht aus, zusagen: „Israel hat das Recht, sich zu verteidigen.“ Dagegen steht die Macht der Bilder von leidenden Kindern und toten Frauen auf der anderen Seite. Das mobilisiert die Menschen affektiv ganz anders als ein trockenes Statement. Es braucht mehr Aufklärungsarbeit. Da tragen auch Journalisten eine Verantwortung.

Vielen Dank für das Gespräch! (pro)

Die Fragen stellte Jonathan Steinert

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