Gesellschaft | 04.11.2014

1989 war die Nikolaikirche zu Friedensgebeten überfüllt. Heute bleiben viele Plätze frei. Die Kirche hat als Institution ihre gesellschaftliche Verankerung in der ostdeutschen Gesellschaft verloren, stellt der Historiker Thomas Großbölting fest

1989 war die Nikolaikirche zu Friedensgebeten überfüllt. Heute bleiben viele Plätze frei. Die Kirche hat als Institution ihre gesellschaftliche Verankerung in der ostdeutschen Gesellschaft verloren, stellt der Historiker Thomas Großbölting fest
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Kirchen leiden unter Folgen der SED-Diktatur

Der Osten Deutschlands ist weitgehend religionslos. Die führende Rolle der Kirchen während der friedlichen Revolution brachte ihnen keinen Aufschwung. Der Historiker Thomas Großbölting erklärt, warum.

In den Neuen Bundesländern herrsche eine „Kultur der Religions- und damit der Konfessionslosigkeit“, stellt Großbölting vom Excellenzcluster „Religion und Politik“ der Uni Münster in einem Beitrag für die Zeitschrift Herder Korrespondenz fest. Drei Viertel der Bevölkerung seien religionslos. Es gehöre zur sozialen Norm, keiner Religion anzugehören. Dass sich dieser Trend wieder in eine andere Richtung entwickeln könnte, sei unwahrscheinlich, denn ein solcher Zustand verstärke sich selbst. Dabei gebe es im Osten Deutschlands nicht mehr Atheisten und Freidenker als in anderen Ländern auch. Jedoch sei der Anteil derer größer, die sich schlicht nicht für religiöse Fragen interessierten oder nichts darüber wüssten. Auch eine Skepsis dagegen, dass Rationalität und Religion zusammenpassen könnten, sei weit verbreitet.

Als eine wesentliche Ursache sieht Großbölting die „religions- und kirchenfeindliche Politik der SED“ (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands). Allerdings stehe die Region mit Tschechien und der Slowakei auch im Vergleich mit anderen ehemaligen Ostblockstaaten an der Spitze der Religionslosigkeit. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts sei die religiöse Bindung und die Beteiligung am Abendmahl in Mitteldeutschland zurückgegangen. Das führt Großbölting darauf zurück, dass viele Menschen in der Region zu- und abwanderten und sich traditionelle Bindungen somit auflösten.

Kirche verliert Kampf um die Bevölkerung

Der SED-Staat habe den gesellschaftlichen Einfluss der Kirchen an den Rand gedrängt. Dies habe er unter anderem dadurch geschafft, dass er die Jugendweihe als staatliches Gegenstück zur Konfirmation und Firmung ab 1953 etablierte und in den folgenden Jahren immer stärker ideologisch auflud. Wer die Jugendweihe verweigerte, habe mit Nachteilen in der Ausbildung rechnen müssen. „Dass die Kirchen entscheidende Übergangsmomente im Leben des Einzelnen prägen – damit sollte jetzt Schluss sein.“ Evangelische und Katholische Kirche hätten von ihren Mitgliedern zunächst eine Entscheidung zwischen kirchlichem und staatlichem Akt verlangt. Viele seien aber nicht bereit gewesen, ihren religiösen Autoritäten und Organisationen zu folgen, schreibt Großbölting.

Zwar habe die Evangelische Kirche später ihre Rolle als „Kirche im Sozialismus“ gesehen und Konfirmation neben der Jugendweihe zugelassen. Jedoch habe sie den „Kampf um die Gefolgschaft der Bevölkerung“ verloren. Die Jugendweihe sei immer mehr akzeptiert worden und habe sich zu einem Massenereignis und einer bis heute in den Neuen Ländern verbreiteten „Volkssitte“ entwickelt. Die Katholische Kirche habe stärker um ihre eigene Identität gekämpft, sich dabei aber immer mehr in sich selbst zurückgezogen. Beide Religionsgemeinschaften hätten dadurch ihre Verankerung in der ostdeutschen Gesellschaft eingebüßt.

Diskutieren statt beten

Einen Höhepunkt habe die Evangelische Kirche im Herbst 1989 erlebt. Tausende Menschen drängten sich zu Friedensgebeten in Gotteshäuser, um von da aus für mehr Demokratie zu demonstrieren. Die Nikolaikirche in Leipzig ist zu einem Sinnbild dafür geworden. Mehrere Personen, die später politische Verantwortung übernahmen, wurden in der Kirche sozialisiert. Doch Großbölting sieht in dieser Präsenz während der friedlichen Revolution „das letzte Aufbäumen volkskirchlicher Strukturen“.

Denn die Menschen seien damals nicht wegen Glaubensfragen in die Kirche gegangen. Die Kirche sei für Systemkritiker und Oppositionelle vor allem funktional gewesen. Denn sie „war die einzige intakte und leidlich unabhängig vom Staat agierende Institution in der DDR“. Dies habe sich nach der Wiedervereinigung geändert, weil es in der Bundesrepublik „andere zivilgesellschaftliche Freiräume“ gegeben habe. Dadurch habe die „kirchliche Ersatzöffentlichkeit“ ihre Bedeutung verloren. Großbölting resümiert: „In die Gotteshäuser war man zum Diskutieren und Demonstrieren gekommen, nicht aber zum Beten. Der Protest gegen die SED-Mächtigen brachte die Unzufriedenen unter den Kirchendächern zusammen, nicht eine persönliche religiöse Haltung. Die besondere Nähe von Teilen der protestantischen Kirche und der Demonstrationsbewegung war eine Liaison auf kurze Zeit gewesen.“

Großbölting stellt zudem fest, dass auch die die Religion ablehnende marxistische Ideologie es nicht geschafft habe, dauerhaft an deren Stelle zu treten. Vielmehr habe sich die Haltung verfestigt, dass Kirche und Staat Gegensätze sind, ebenso wie Rationalität und Religion. „Viele DDR-Bürgerinnen und -Bürger waren von allen Glaubens- und religiösen Wissensbeständen so weit entfremdet, dass sie selbst zu dem Zeitpunkt, als es politisch leicht möglich gewesen wäre, keinen Weg zum Glauben oder zur Kirche zu finden vermochten oder finden wollten.“ Der gesellschaftliche Bedeutungsverlust der Kirchen und die „forcierte Säkularität“ seitens des Staates hätten zur religiösen Gleichgültigkeit im Osten der Republik geführt. (pro)

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