Gesellschaft | 12.01.2015

Michael Diener sieht Pegida kritisch. Und warnt vor einer Instrumentalisierung durch rechte Kräfte

Michael Diener sieht Pegida kritisch. Und warnt vor einer Instrumentalisierung durch rechte Kräfte
Foto: pro

„Christen sollten nicht bei Pegida mitlaufen“

Am Montag wird Pegida erneut in deutschen Städten demonstrieren. Nach den Großkirchen distanziert sich auch der Vorsitzende der Deutschen Evangelische Allianz von den „Patriotischen Europäern gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Michael Diener warnt Christen im pro-Interview davor, sich von Rechten instrumentalisieren zu lassen.

pro: Sollte ein Christ bei Pegida mitlaufen?

Michael Diener: Ich finde nicht, dass er das tun sollte. Pegida bedient auf sehr vereinfachende Weise den vorhandenen Unmut und die Ängste von Menschen und instrumentalisiert sie. Jesus sagt: „In der Welt habt ihr Angst.“ Wir sehen gerade, wie sich das erfüllt. Viele Menschen fühlen sich orientierungslos, haben Sorge vor einer komplizierten Welt, die sie nicht fassen können, haben oft auch existenzielle Nöte, etwa die Sorge um den Arbeitsplatz oder ein geringes Einkommen. Sie fühlen sich Kriminalität hilflos ausgesetzt, ihnen macht Europa Sorge, die Eurokrise. Sie haben das Gefühl, ungerecht behandelt und nicht gehört zu werden. Diese Gemengelage sorgt für viel Angst. An dieses Fass muss nur noch eine Lunte gelegt werden, damit es hochgeht. Das hat Pegida geschafft, indem es vor Überfremdung und einer Islamisierung warnt und eine damit viel zu simple Problembeschreibung für die komplexen Fragen geliefert hat, die ich eben beschrieben habe.

Pegida fordert eine Stärkung der christlich-abendländischen Kultur und ist gegen eine Islamisierung. Laufen deshalb besonders viele Christen mit?

Ich habe zu wenig Einblick in die Pegida-Bewegung, um wirklich abschätzen zu können, wie viele Christen dabei sind. Ich glaube nicht, dass es die Mehrheit ist. Aber ich weiß, dass ein gewisser Teil konservativer Christen, die sich der Allianz verbunden sehen, daran beteiligt ist. Weil diese Menschen Angst davor haben, dass die Gesellschaft die Augen vor einer Gefahr durch den Islam verschließt. Ihnen macht die politische Dimension des Islam Angst. Sie sehen, wie sehr Christen weltweit unter der Gewalt radikaler Muslime leiden und haben Sorge, dass sich das bei uns wiederholt.

Ist das eine begründete Angst?

Für unsere Gesellschaft: Nein. Der Islam ist nicht gleich Extremismus. Ich höre oft Argumente nach dem Motto: Wer den Koran richtig liest, der muss Extremist sein. Ich glaube, dass das ein zu eindimensionales Verständnis des Islam ist, auch wenn ich sehe, dass die regelmäßigen Terrormeldungen genau diese Sichtweise untermauern. Wir müssen dennoch zur Kenntnis nehmen, dass es unterschiedliche islamische Schulen gibt und dass Millionen von Muslimen, auch in unserem Land, die Demokratie und die Gewaltentrennung bejahen. Es gibt glaubwürdige Distanzierungen von den jüngsten furchtbaren Gewalttaten. Es gibt muslimische Länder, die sich demokratisch entwickeln und in denen Andersgläubige nicht unterdrückt werden, etwa Albanien. Es gibt sogar Länder, in denen sich Muslime für Christen stark machen. Wo wir zulassen, dass sich eine einseitige Sicht auf den Islam durchsetzt tun wir den Muslimen Unrecht und vergiften die Atmosphäre.

Pegida steht auch für eine Ablehnung von Gender Mainstreaming, die Ausweisung von Hasspredigern und vielem mehr. Konservative Anliegen vieler Frommer, lange bevor es Pegida gab. Was ist daran falsch?

Nichts. Sie sprechen da Themen an, die generell derzeit eine hohe Relevanz in der Gesellschaft haben. Denken Sie an Gender und damit verknüpfte Familienpolitik. Ich finde es gut, wenn Christen da Stellung beziehen. Bedrohlich ist vielmehr, dass es zwischen konservativen christlichen Überzeugungen und radikalen rechten Bewegungen eine große Übereinstimmung in diesen Fragen gibt. Bei Pegida sitzen eindeutig rechtsgerichtete Kräfte mit im Boot. Die bedienen sich der Themen der Konservativen und instrumentalisieren sie so. Es ist wirklich schwierig: Wir müssen die Sorgen der Menschen ernst nehmen, aber wir können als Christen unmöglich mit Rechtsextremen gemeinsam auf die Straße gehen.

Möglicherweise ist Pegida das einzige Forum, in dem sich Konservative derzeit noch ernst genommen fühlen...

Die Menschen fühlen sich in der Tat nicht gehört. Politiker und Medienschaffende müssen sehr genau darauf achten, wie sie mit diesem Phänomen umgehen. Mich bewegt, wie sehr die Fronten verhärtet sind und gegeneinander stehen. Es ist nicht legitim, alle Menschen, die bei Pegida mitlaufen, als Nazis zu verunglimpfen. Es ist auch nicht legitim, deren Ängste nicht ernst zu nehmen. Genausowenig ist es aber legitim, die Medien in Deutschland als „Lügenpresse“ zu diffamieren. Diese Demonstrationen sind auch ein Ausdruck dafür, dass Politik und Medien die Wünsche der Menschen nicht genügend gespiegelt und aufgenommen haben. Das darf aber noch kein Grund sein, sich bei Pegida zu engagieren. Ich glaube, dass Menschen, die halbwegs wach sind, bemerken müssten, wie schwierig es ist, Kreuze mit einer schwarz-rot-goldenen Umrandung durch die Nacht zu tragen. Es müsste ihnen auffallen, wie schwierig es ist, wenn der Ruf „Wir sind das Volk“ in diesem Kontext wieder erschallt. Es müsste ihnen auch auffallen, dass es unmöglich sein kann, dass Christen sich in einer Zeit, in der Flüchtlinge wirklich Hilfe brauchen, rechten Parolen unterordnen. Ganz abgesehen davon, dass längst nicht nur Menschen muslimischen Glaubens bei uns Zuflucht suchen. Ich will wirklich sensibel für die Anliegen dieser Menschen sein. Zugleich äußere ich aber mein Unverständnis dafür, dass Christen da mitmachen. Die Politik muss darauf eine Antwort finden. Und auch wir als Kirchen müssen das Gespräch suchen.

Wer sich das Programm von Pegida ansieht, kann zu den meisten Punkten wahrscheinlich nicken: Mehr Integration, menschenwürdige Verhältnisse für Flüchtlinge, mehr Mittel für die Polizei...

Ich gebe zu, dass das Programm an sich eher zahm daher kommt. Aber schauen Sie genau hin, was auf den Demonstrationen geschieht. Es gibt da einen fremdenfeindlichen Zug und der ist prägend. Auch die Grundthesen offenbaren das. Wie sonst kann es sein, dass „Null-Toleranz“ bei Gewalttaten von Migranten und Asylsuchenden gefordert wird? Wer gegen Gesetze verstößt, muss bestraft werden, unabhängig vom Status.

Was würden Sie Christen, die sich bei Pegida engagieren, gerne sagen?

Lasst uns doch vom Evangelium her liebevoll und zuversichtlich mit diesen Fragen umgehen. Wir sollten uns, was das Gewaltpotenzial im extremistischen Islam angeht, nichts vormachen. Das ist eindeutig vorhanden. Aber es ist absolut falsch, deswegen viele Menschen in unserem Land in eine militante Ecke zu stellen und so zu tun, als sei jeder muslimische Mitbürger ein Attentäter. Ich bitte darum, dass jeder – ich selbst natürlich eingeschlossen – vor dem Hintergrund der Worte Jesu überlegt, ob er auf dem richtigen Weg ist. Und ich biete gerne das Gespräch darüber an. Wir werden den Kampf gegen einen militanten Islam nur gemeinsam mit unseren muslimischen Mitbürgern gewinnen. Lasst uns eine Willkommenskultur schaffen. Auch für Flüchtlinge muslimischen Hintergrunds. Damit Menschen keine Extremisten werden. Deshalb bitte ich darum: Geht auf Menschen zu. Engagiert euch für Flüchtlinge, wie das viele jetzt schon tun – übrigens auch bei Pegida. Und als allerletztes: Unser Problem ist nicht ein zu starker Islam, sondern ein zu schwaches, untereinander zerstrittenes Christentum.

Herr Diener, vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Anna Lutz. (pro)

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