Gesellschaft | 03.10.2014

Roland Jahn leitet die Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin. Er sagt, über die Fehler der Kirchen in der DDR wird zu selten gesprochen

Roland Jahn leitet die Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin. Er sagt, über die Fehler der Kirchen in der DDR wird zu selten gesprochen
Foto: pro

„Auch Christen waren bereit zum Verrat“

Die Kirchen in der DDR haben Fehler gemacht, sagt Roland Jahn. Der Bürgerrechtler von damals war – als Atheist – selbst Teil der christlichen Friedensbewegung. Heute leitet er die Stasiunterlagenbehörde. Pro hat ihn in Berlin getroffen.

pro: „Gewissens- und Glaubensfreiheit sind gewährleistet. Alle Bürger sind vor dem Gesetz gleich.“ Das ist ein Zitat aus der DDR-Verfassung von 1974. Wieviel Christsein war in der DDR tatsächlich erlaubt?

Roland Jahn: Natürlich hat die DDR versucht, die Dinge auf dem Papier demokratisch aussehen zu lassen, auch in Fragen der Glaubensfreiheit. Solange Menschen ihrem Glauben nachgegangen sind, das aber keine Auswirkungen auf die Gesellschaft hatte, wurde es toleriert. Aber wenn jemand seinen Glauben konsequent gelebt hat, ist er schnell unter die Beobachtung der Stasi geraten. Das galt für Protestanten und Katholiken, aber auch für Glaubensgemeinschaften wie zum Beispiel die Zeugen Jehovas. Diese Menschen wurden observiert und – wenn sie die Macht der Partei in Frage gestellt haben – an ihrem politischen Engagement gehindert und auch politisch verfolgt. Ich habe als Nichtgläubiger die Nähe evangelischer Christen gesucht, weil ich im christlichen Glauben ein Wertegerüst entdeckt habe, das meinem entsprach. Kirche war ein Ort der Begegnung und des Gedankenaustauschs. Doch der Staat hatte auch ein Interesse daran, diesen Raum zu erhalten. So hatte er einen guten Überblick über das, was da abseits des offiziell verlangten geschah, und hat zum Teil steuernd eingegriffen.

Welche Formen von Überwachung gab es innerhalb der Kirche?

Zu Kirchenveranstaltungen kamen Stasi-Leute, teilweise filmten sie das Geschehen sogar. Regimekritische Pfarrer wie etwa Rainer Eppelmann wurden abgehört. Er hat einmal sogar eine Wanze in seiner Wohnung gefunden. Auch Telefonate hat die Stasi überwacht. Außerdem waren innerhalb der Kirchen inoffizielle Mitarbeiter aktiv, die das kirchliche Leben beobachtet und mitgesteuert haben. Verhältnismäßig gab es in der Kirche sogar mehr Spitzel als in anderen gesellschaftlichen Bereichen – was durchaus ein Kompliment an die Kirche ist. Wenn die Stasi etwas als gefährlich für das Regime angesehen hat, hat sie da natürlich mehr Leute eingesetzt. Die Geheimpolizei hat aber auch ganz gezielt Gerüchte darüber gestreut, wo es in der Kirche Spitzel geben soll – obwohl das gar nicht stimmte. Das sollte vermitteln: Wir sind überall und wir können alles wissen. Es sollte die Glaubensgemeinschaften verunsichern.

Haben Christen sich häufiger geweigert, ihre Glaubensgeschwister zu überwachen als andere?

Ich würde da ungern verallgemeinern. Kirche ist nicht gleich Kirche. Es gibt kein Schwarz und Weiß. Auch Christen waren in einer moralisch verwerflichen Art und Weise bereit zum Verrat. Es gab Verstrickungen mit der Stasi bis tief in den Kirchen-Apparat hinein. Aber man muss auch sagen: Vielen war nicht bewusst, was die Konsequenzen ihres Verhaltens waren. Oft dachten Kirchenleute sogar, sie täten etwas Gutes, wenn sie mit der Stasi zusammenarbeiteten, weil sie dadurch Konflikte mit dem Staat zu lösen glaubten.

1949 gehörten 92 Prozent der DDR-Bevölkerung einer Religionsgemeinschaft an. 30 Jahre später waren es 30 Prozent weniger. Wie hat das Regime die Menschen aus den Kirchen getrieben?

Die Menschen wurden auf die DDR eingetaktet – und da gehörte die Kirche nicht dazu. Glaubensfragen wurden aus dem Bewusstsein der Menschen herausgedrängt. Nehmen wir das Beispiel der Jugendweihe, einer atheistischen Alternative zur Konfirmation. Es gab einen großen gesellschaftlichen Druck, daran teilzunehmen. Viele Familien glaubten, es brächte Nachteile, wenn die Kinder sich konfirmieren ließen oder wenn sie sich für eine Kirche stark machten.

Gab es tatsächlich solche Nachteile?

Die Angst vor den Folgen war das Entscheidende. Allein sie hat dazu geführt, dass die Menschen sich angepasst haben und glaubten, keine freien Entscheidungen treffen zu können. Konkrete Beispiele von Nachteilen, weil Jugendliche nicht zur Jugendweihe gingen, sind mir nicht bekannt. Eines aber war jedem klar: Demonstrativ seinen Glauben zu leben, war nicht förderlich. Ich selbst bin getauft und brachte alle Voraussetzungen mit, um ein treuer Kirchgänger zu werden. Meine Eltern lebten den Glauben nicht, ließen mir das aber offen. Ich habe mich dann für die Jugendweihe und den nicht-kirchlichen Weg entschieden.

Joachim Gauck, Rainer Eppelmann, Christian Führer – alles Widerständler, die aus dem Herzen der evangelischen Kirche kamen. Ist das Zufall?

Die Kirchen haben ein Forum für Gleichgesinnte geboten. Viele kamen zum Glauben, weil sie merkten: Hier bin ich etwas wert, hier erlebe ich Mitgefühl und Geborgenheit. Innerhalb dieses Forums haben sich natürlich auch Wortführer entwickelt. Dort konnten sie so offen sprechen wie nirgend sonst. Menschen konnten sich zu Rednern entwickeln. Es ist sicher kein Zufall, dass so viele Pfarrer in der Protestbewegung waren. Sie haben schlicht gelernt, Menschen anzusprechen, zu predigen. Es kommt noch etwas hinzu: Als Pfarrer waren Sie in der DDR geschützter als ein normaler Bürger. Sie konnten schon einmal einen Schritt weiter gehen, ohne sofort ein Ermittlungsverfahren befürchten zu müssen. Die Staatsmacht hat sich oft gescheut, zuzuschlagen, weil sie keinen Grundsatzkonflikt mit der Kirche schüren wollte. Das bedeutet freilich nicht, dass sie Kirchenmitarbeiter grundsätzlich verschont hätte. Wenn es dann mal zu Verhaftungen kam, hat die Kirche ihre Leute leider in manchen Fällen im Stich gelassen. Da hat sie in meinen Augen weniger getan, als sie heute zugeben mag. Ich habe auch oft deutliche öffentliche Worte der Kirche vermisst – etwa zu den Folgen des Mauerbaus. Normalerweise hätte der Schießbefehl jeden Sonntag von der Kanzel aus angeprangert werden müssen. Leider ist das nicht geschehen. Es gab auch keine deutlichen Worte zur Erschießung Chris Gueffroys, dem letzten Mauertoten, noch im Revolutionsjahr 1989. In Anbetracht der Rolle, die die Kirche für die friedliche Revolution gespielt hat, war sie da zu still.

Wird die Rolle der Kirchen bei der friedlichen Revolution heute überhöht?

Die Kirche hat eine bedeutende Rolle für die friedliche Revolution gespielt, aber es wird zu selten darüber gesprochen, wo sie auch Fehler gemacht hat. Eigentlich geht es doch nicht um die Kirche, sondern um einzelne Personen. Es gab linientreue Kirchenleute, die gegen Regimekritiker gewettert oder Veranstaltungen verboten haben. Und einige Leute haben sich auch gegen den Protest auf der Straße gesträubt. Mit Kerzen und Gebeten allein hätte man die Staatsführer nicht weggejagt. Auf diesem Weg hätte es keine Revolution gegeben.

Hätte es die friedliche Revolution ohne die Kirchen gegeben?

Das ist mir zu spekulativ. Die wesentlichen Triebkräfte für die Revolution hatten wenig mit der Kirche zu tun, zum Beispiel die Ausreisebewegung. Und es war elementar, dass junge Menschen protestierend auf die Straße gegangen sind.

Der Soziologe Detlef Pollack sagt: „Die Kirchen haben die Revolution nicht gewollt und nicht motiviert, aber sie haben sie strukturell ermöglicht.“ Liegt er richtig?

Das trifft einen Ausschnitt. Denn auch innerhalb der Kirchen gab es schon viele, die den Umbruch wollten. Aber führende Kirchenleute waren dann nicht an der Spitze der Revolution, weil sie auf die Straßendemonstrationen verzichtet haben. Ich kann das durchaus verstehen. Sie hatten Angst davor, dass ein Volksaufstand mit Panzern niedergeschlagen wird. Das Trauma des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953, der blutig von der Roten Armee beendet wurde, wirkte bei vielen noch nach. Es waren die Jungen, die auf die Straße gingen. Jene, die das nicht miterlebt hatten. Und die Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben hatten.

Die Friedensgemeinschaft Jena, die Sie in den 80er Jahren kurz vor Ihrer Ausweisung mitgründeten, war deshalb etwas Besonderes, weil sie nicht unter dem Dach der Kirche agierte. Warum brauchte es eine kirchenferne regimekritische Organisation?

Ich wollte nicht mehr auf die Freiheit warten, sondern sie mir nehmen. Und wir fühlten uns von der Kirche im Stich gelassen. Viele von uns waren schon inhaftiert gewesen und hatten erlebt, dass sich die Kirche nur begrenzt einsetzte. Solche Zurückhaltung hat dazu geführt, dass die Protestbewegung sehr bewusst den Schritt nach draußen gegangen ist – nicht zuletzt die zeitweilige Absetzung der Friedensgebete 1988 in Leipzig, der die Kirche ebenfalls nachgab, hat dazu geführt.

Wie haben Sie die Kirche damals erlebt? War das ein Raum, in dem Glauben gelebt wurde – oder war er rein politisch?

Beides. Die Kirche hat immer klar gesagt, dass sie kein Ersatz für Politik ist. Sie hat sich der Oppositionsrolle klar verweigert. Aber sie hat immer Schutzraum sein wollen. Und diesen haben wir eine Zeit lang genutzt, bis wir mutiger wurden. Ich will die positive Rolle der Kirchen durchaus würdigen. Viele Pfarrer verdienen hohe Achtung. Kirche war beides: Bremse und Motor zugleich.

Herr Jahn, vielen Dank für das Gespräch! (pro)

Dieses Interview ist Teil der neusten Titelgeschichte des Christlichen Medienmagazins pro, Ausgabe 5/2014, die am 17. Oktober erscheint. Bestellen Sie pro kostenlos und unverbindlich unter der Telefonnummer 06441/915 151, via E-Mail an info@pro-medienmagazin.de oder online.

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