Gesellschaft | 28.09.2014

"Sunday Assembly" heißen weltweite Treffen von Atheisten, die einem Gottesdienst ähneln. Einen Ableger der Londoner Muttergemeinde gibt es nun auch in Berlin

"Sunday Assembly" heißen weltweite Treffen von Atheisten, die einem Gottesdienst ähneln. Einen Ableger der Londoner Muttergemeinde gibt es nun auch in Berlin
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Sunday Assembly bietet fast alles, was es auch in der Kirche gibt. Musik zum Beispiel ...

Sunday Assembly bietet fast alles, was es auch in der Kirche gibt. Musik zum Beispiel ...
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... oder einen Vortrag zu Sinnfragen, in diesem Fall von Stephen Cave

... oder einen Vortrag zu Sinnfragen, in diesem Fall von Stephen Cave
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Gott aber kommt bei den Treffen der Atheisten nicht vor

Gott aber kommt bei den Treffen der Atheisten nicht vor
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Atheisten feiern den Zufall

Rund 150 Menschen haben sich am Sonntag erstmals zu einem atheistischen Gottesdienst in Berlin getroffen. „Sunday Assembly“ nennt sich die betont gottlose Gemeinschaft. Ihr Motto: „Lebe besser, hilf öfter, staune mehr“ – und das alles ohne Religion.

„Heute gibt es kostenlose Umarmungen“, sagt Sue Schwerin von Krosigk zur Begrüßung und drückt einen Gast an sich. In wenigen Minuten wird sie zu den rund 150 Gästen im Berliner „Orange Lab“ sprechen, einem hippen Veranstaltungsort nahe des Tiergartens. Sie wird erklären, wie das Leben zu einem besseren werden kann. Wie wichtig es ist, einander zu helfen. Und dass sie es liebt, im Alltag inne zu halten und wie ein Kind über die Schönheit der Welt zu staunen. Manche würden das predigen nennen. Schwerin von Krosigk nicht. Denn mit dem christlichen Glauben ihrer Jugend hat sie längst abgeschlossen. Der Gedanke der Gemeinschaft hingegen gefällt ihr. Deshalb hat sie gemeinsam mit einer Hand voll Mitstreitern die erste „Sunday Assembly“ in Berlin organisiert: ein Treffen für all jene, die gerne singen, über das Leben nachdenken und zugleich auf einen Gottesglauben verzichten möchten. Dabei gleicht „Sunday Assembly“ vielen, vor allem freikirchlichen Gottesdiensten bis ins Detail. Nur, dass Gott selbst darin keinen Platz haben soll.

Zu sich statt zu Gott kommen

„I‘m walking on sunshine. Whoa. And don‘t it feel good!“ Während die Sonne tatsächlich auf das herbstliche Berlin herunterscheint, singen und klatschen die Gäste sich durch das zweite von fünf Musikstücken, die eine Sängerin und ein Gitarrist an diesem Morgen zum Besten geben. Schwarz auf Gelb erscheinen die Liedtexte auf einer Leinwand hinter der Bühne. In der Kirche ist das Singen Teil der Sonntagskultur. Doch auch dem atheistischen Publikum gefällts. Da wird geschunkelt, gewippt, mit dem Fuß der Takt gestapft und hier und da auch aus voller Brust mitgegröhlt. Sogar Liedzeilen wie „Here is the rainbow, I‘ve been praying for“ – Da ist der Regenbogen, für den ich gebetet habe – in Jimmy Cliffs „I can see clearly now“ entfahren der Gemeinde, freilich unabsichtlich und ohne religiöse Hintergedanken. Dann verordnet Moderatorin Schwerin von Krosigk zwei Minuten absolute Stille. Das Publikum fügt sich. Mancher schließt die Augen, andere blicken aus den bodentiefen Fenstern in den Berliner Straßenverkehr. Im Gottesdienst wäre dies der Moment zum Gebet. Hier dient er dem „Zu-sich-“ statt dem „Zu-Gott-Kommen“.

Ein Glockenton beendet die Stille. Nun soll jeder seinen Nachbarn grüßen. Dem Schweigen folgt lautstarkes Gemurmel. „Konkurrenz belebt das Geschäft“, sagt ein Mann mit Blick auf die Ähnlichkeit des Programms zu kirchlichen Veranstaltungen. Er selbst sei früher Methodist gewesen. Zur „Sunday Assembly“ komme er vor allem, um Anschluss zu finden. „Das ist bei den zurückhaltenden Deutschen gar nicht so einfach“, sagt er mit britischem Akzent. Da kommt ihm ein weiteres Angebot der „Sunday Assembly“ wohl gerade recht. Denn auch Kleingruppen soll es hier bald geben. Was die Teams dann machen, sei ganz ihnen überlassen: Dinnerpartys, Diskussionsrunden oder Sport – alles sei möglich, erklärt eine Mitarbeiterin den Anwesenden. So lange sich Freiwillige finden, die das ganze organisieren.

Religionskritik inklusive

„Lebe besser, hilf öfter, staune mehr“, ist das Motto „gottlosen Gemeinschaft“, wie sie sich selbst nennt. Erfunden hat das der britische Komiker Sandersen Jones. Seit 2013 lädt er gemeinsam mit seiner Kollegin Pippa Evans in London zu atheistischen Treffen ein. Der Startschuss in Berlin ist zugleich ein weltweiter. In insgesamt 35 Städten feiern an diesem Sonntag „Sunday Assemblys“ Premiere. Die Berliner Variante soll es ab jetzt monatlich geben. Dabei soll Religion dort keineswegs verächtlich gemacht werden. Eine der Grundideen der Londoner Muttergemeinde lautet: Jeder ist willkommen.

In Berlin ist die Abneigung der Veranstalter gegen Religion dennoch augenscheinlich. Das liegt zum einen daran, dass der um eine stärkere Säkularisierung bemühte Humanistische Verband Deutschlands (HVD) das Treffen mitfinanziert hat. Die Veranstalter haben auch um Privatspenden gebeten. Doch ihre Premiere kostet sie insgesamt 800 Euro. Viel Geld, wenn es aus den Taschen der Teilnehmer kommen soll. Einen Klingelbeutel gibt es bei der Veranstaltung zwar nicht. Aber eine Spendenbox am Eingang. Außerdem gehen Hüte rund. Dann darf Arik Platzek, Redakteur beim HVD-Magazin „Diesseits“, dem Publikum berichten, wie er dem christlichen, „den C-Sachen“, den Rücken gekehrt hat. Egal ob Christentum, Islam oder Scientology, mit all dem möchte er heute nichts mehr zu tun haben. Dafür gibt es Applaus.

Danke für nichts

Den Hauptvortrag hält der Journalist und Philosoph Stephen Cave. Der Brite hat ein Buch mit dem Titel „Unsterblich“ verfasst, in dem er untersucht, warum der Mensch an ein Leben nach dem Tod glaubt. „Wir wissen, dass wir sterben, und wir haben Angst“, lautet seine simpel anmutende Antwort an diesem Sonntag. Deshalb erfinde der Mensch etwa den Glauben an Jesus Christus. Das aber habe seinen Preis. Gläubige schätzten das Leben mit Blick auf das Jenseits weniger wert. Stattdessen warteten sie auf das durch ihre religiösen Führer als viel besser angekündigte Leben nach dem Tod. Cave empfiehlt das Gegenteil: Dankbar sollen seine Zuhörer sein. Und zwar dafür, dass sie durch eine Aneinanderreihung zahlreicher Zufälle überhaupt ein Leben haben. Der Mensch als Zufallsprodukt – spätestens hier enden die Parallelen zum christlichen Gottesdienst. Bleibt die Frage: Bei wem soll sich der Zuhörer nun für sein Dasein bedanken? (pro)

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