Gesellschaft | 08.12.2014

Für ihn wäre es „scheinheilig“, nicht gegen Christenverfolgung zu protestieren, schreibt Ronald S. Lauder, Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Im aktuellen Spiegel

Für ihn wäre es „scheinheilig“, nicht gegen Christenverfolgung zu protestieren, schreibt Ronald S. Lauder, Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Im aktuellen Spiegel
Foto: Michael Thaidigsmann | CC BY-SA 3.0

„Als Jude kann ich zur Christenverfolgung nicht schweigen“

Früher wurden in Deutschland Juden verfolgt, heute werden in muslimischen Ländern Christen verfolgt. Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald S. Lauder, mahnt im Magazin Der Spiegel den Kampf gegen Christenverfolgung an.

Der israelisch-palästinensische Konflikt werde in westlichen Medien ausführlich behandelt. Und immer wenn es Anschläge und Tote gab, zeigten sich Politiker empört und drohten mit ernsten Konsequenzen, schreibt Ronald S. Lauder im Spiegel. „Wenn aber gleichzeitig unzählige Christen in Israels Nachbarländern umgebracht werden, bleiben die Straßen leer, die Politiker schweigen, und die Leitartikler der Zeitungen haben scheinbar wichtigere Dinge zu kommentieren.“ Der 70-Jährige Lauder ist Präsident des New Yorker Museum of Modern Art. Unter US-Präsident Ronald Reagan war er Botschafter in Österreich. Seit 2007 ist er Präsident des Jüdischen Weltkongresses (WJC), der sich für die Belange von Juden in der Diaspora einsetzt.

Der Amerikaner erinnert daran, dass islamistische Terroristen am 2. Dezember in Kenia 36 Arbeiter in einem Steinbruch ermordet hatten. Die meisten Opfer dürften Christen gewesen sein. Zehn Tage zuvor waren in der gleichen Gegend 28 Insassen eines Busses getötet worden. In beiden Fällen mussten die Opfer Zitate aus dem Koran wiedergeben, um zu beweisen, ob sie Muslime sind oder nicht. Doch die Welt scheine die brutalen Hinrichtungen Tausender Christen und Mitglieder anderer Minderheiten im Irak und in Syrien fast gleichgültig hinzunehmen, moniert Lauder. Im Irak, wo vor der US-Invasion 2003 vermutlich rund 1,5 Millionen Christen lebten, seien heute schätzungsweise nur noch 400.000 ansässig.

„Wo sind all die Rockstars?“

„Die einzigen Massenproteste, die mit Blick auf den Nahen Osten veranstaltet wurden, galten Israels Militäroperation im Gaza-Streifen.“ Lauder fragt: „Wenn Anteilnahme am Leid der Menschen im Nahen Osten wirklich der Hauptgrund ist, auf die Straße zu gehen, wo sind dann all die Massenproteste gegen die Massaker an den Christen? […] Wo sind all die Rockstars und Schauspieler, die ständig im Namen der Menschenrechte von ihren Regierungen verlangen, Israel mit Sanktionen zu belegen, wenn es um das Morden in Syrien und im Irak geht?“

Der Sohn der Kosmetik-Unternehmerin Estée Lauder spricht von Heuchelei: „Es ist vor allem die Tatsache, dass die Welt dem Morden vor unserer Haustür schweigend zusieht, ja, es großteils tatenlos hinnimmt. Nicht nur als jüdischer Funktionär, sondern auch als Bürger dieser Welt kann ich dazu nicht schweigen. […] Wir Juden lernten im Zweiten Weltkrieg, was es heißt, wenn die Welt schweigt, wenn sie gleichgültig bleibt im Angesicht großen menschlichen Leids. Wir haben diese Lektion gelernt und werden sie nie vergessen.“

Für ihn als jüdischer Verantwortlicher wäre es „billig, ja sogar scheinheilig, nur für die Rechte der Juden zu kämpfen und das Schicksal anderer zu ignorieren“. Deshalb sehe er es als seine Pflicht an, „nicht nur gegen den weltweiten Antisemitismus, sondern mit der gleichen Kraft auch für den Schutz von Christen und anderen Minderheiten, die wegen ihres Glaubens verfolgt werden, zu kämpfen“.

Er sehe es als seine Aufgabe an, Regierungen davon zu überzeugen, all das nicht einfach passiv hinzunehmen, sondern zu handeln. „Keiner von uns – ganz gleich ob Jude, Christ oder Muslim – kann sich wirklich sicher fühlen, solange solche Verbrechen geschehen.“ (pro)

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