Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington 80 Jahre alt
“Die Terroranschläge in Amerika, in London und Madrid, die Kriege in Afghanistan und im Irak, der Karikaturenstreit und islamistische Drohungen wiesen dann dem in Harvard lehrenden Theoretiker, der nicht mehr Ideologien und Nationalstaaten, sondern Religionen und kulturelle Identitäten als Hauptauslöser von Konflikten ansah, die Rolle des Propheten zu“, schreibt die "Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (F.A.Z.) in ihrer aktuellen Ausgabe.
Gespaltene Reaktionen
Doch seine These fand nicht nur Befürworter, sie rief auch heftige Kritik hervor. Denn im westlichen Denken wurde Kultur bisher als ein Mittel verstanden, das zur zwischenmenschlichen Verständigung beitrug. Huntington jedoch verwies auch auf ihr kriegerisches Wesen. "Das Überleben des Westens hängt davon ab, dass die Amerikaner ihre westliche Identität bekräftigen und die Westler sich damit abfinden, dass ihre Kultur einzigartig, aber universal ist, und sich einigen, um diese Kultur vor den Herausforderungen durch nichtwestliche Gesellschaften zu schützen…“, lautet eine seiner Thesen. Das 21. Jahrhundert ist für Huntington die "Ära der muslimischen Kriege“. Der Islam sei zwar nicht “grundsätzlich blutrünstig“, aber der “Groll über die westliche Politik“ sowie das Gefühl der Demütigung besonders unter Arabern habe sich wie eine Krankheit ausgebreitet, die sich in Aggression umsetze.
Die Kritik “entzündete sich vor allem an seiner vermeintlich starren, realitätsfernen Abgrenzung von Kulturkreisen“, schreibt die F.A.Z.“ weiter. Manch einer vermisse eine Erklärung für die engen Beziehungen zwischen den USA und Saudi-Arabien, ein anderer die Würdigung der interkulturellen Dynamik. Besonders wurde Huntington aber vorgeworfen, er habe die inneren Spaltungen, die Vielfalt der Richtungen innerhalb der einzelnen Kulturen und die Zeiten von Harmonie und kultureller Synthese, die es zwischen Christen und Muslimen durchaus gegeben habe, nicht berücksichtigt.
In einem Interview, das Huntington kürzlich dem Meinungsforschungsinstitut “Pew Forum on Religion and Public Life“ gab, hob er jedoch hervor, für den “Kampf“ nie nur gegensätzliche Kulturen verantwortlich gemacht zu haben. Er sei auch bereit gewesen, innermoslemische Differenzen wahrzunehmen. Jetzt verknüpfte er das Gewaltpotential moslemischer Gesellschaften aber auch mit demographischen Faktoren. Besonders in einer Geburtenrate, die einen Überschuss junger Männer im Alter zwischen sechzehn und dreißig Jahren garantiere, liege ein ideales Reservoir von Kulturkriegern.
Auch Huntings Buch ”Who Are We?“ (Wer sind wir?), das vor drei Jahren erschien, wurde kontrovers aufgenommen. In diesem Werk betrachtet er die verschiedenen Kulturen in Amerika. Die lateinamerikanische Immigration stuft er als bedenklich ein und verweist auf die Auswirkungen auf die anglo-protestantischen Grundwerte der Nation.
Die Thesen des Politikwissenschaftlers sind provozierend, aber sie regen zum Denken an. “Huntington war und ist von Sorge um die westliche Zivilisation verfolgt. Sie ist die Triebfeder seines Schaffens und der Grund seiner intellektuellen Frische bis in die Gegenwart hinein“, schreibt “Welt Online“ über den Wissenschaftler an seinem 80. Geburtstag.
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